Ältester Holzspielwarenverlag kommt im Digitalzeitalter an

Reimer Harbeck hat den Staffelstab übergeben. Nun leitet sein Sohn Jan das 210 Jahre alte Grünhainichener Verlagshaus C. F. Drechsel - und schlägt neue Wege ein.

Grünhainichen.

Wenn Reimer Harbeck und sein Sohn Jan in den alten Auftragsbüchern blättern, leuchten ihre Augen. "Das waren Zeiten", sagt Harbeck senior und schlägt eine von oben bis unten voll geschriebene Seite nach der anderen auf. Bestellungen aus Spanien, Frankreich, skandinavischen Ländern, Österreich, der Schweiz. Auch Händler aus den USA und Japan orderten im Grünhainichener Verlagshaus C. F. Drechsel Ware aus dem Erzgebirge.

An das "goldene Zeitalter" Anfang des 20. Jahrhunderts, als zwischen 1905 und 1914 künstlerisches Holzspielzeug aus Neuhausen, Olbernhau oder Seiffen weltweit ein Renner war, reichte das Geschäft nie wieder heran. Für die Harbecks war das jedoch nie ein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. Im Gegenteil. Der 1809 gegründete und damit älteste noch existierende Spielzeugwarenverlag im Erzgebirge betritt Neuland und wechselt von mehr als 200 Jahre alten Handelswegen auf die Datenautobahn.


Neuer Mann am Steuer des Verlagshauses ist Jan Harbeck. Der 41-Jährige übernahm im März den Staffelstab von seinem Vater und vertritt nunmehr die vierte Familiengeneration, nachdem Urgroßvater Paul Wappler den Verlag 1928 gekauft und 1972 an Großvater Johannes Harbeck übergeben hatte. Reimer Harbeck führte die Firma von 1992 bis 2019 - bis 2007 hauptberuflich, dann im Nebenjob. "Leben kann man davon nicht", so der 63-Jährige.

"Das Verlagswesen von einst gibt es nicht mehr", sagt der neue Chef. Jan Harbeck ist im Hauptberuf in der Baubranche tätig. Die Zeiten, als Verleger Holzspielzeug und Kunsthandwerk vom Hersteller gekauft, auf Messen mitgenommen und dort an Einzel- und Großhändler weiterverkauft haben, seien vorbei. Einst seien Artikel von über 150 Herstellern vermarktet worden, zuletzt von nur noch knapp 70 - bei weltweit ganzen 700 Kunden. Das Geschäftsmodell sei zu einer stetig schrumpfenden Nische geworden, die mit dem Einzug des Internets ganz von der Bildfläche zu verschwinden drohte.

"Doch über 200 Jahre kloppt man nicht einfach so in die Tonne. Der Verlag hat zwei Weltkriege, die DDR und die Wende überstanden", betont Jan Harbeck. Aufgeben sei kein Thema gewesen. Zumal sich mit dem Digitalzeitalter auch für die Grünhainichener neue Möglichkeiten auftaten. Als dann auch noch die Gelegenheit bestand, einen florierenden Online-Shop zu übernehmen, musste das Duo aus dem Engeldorf nicht lange überlegen. Zum 1. März, noch rechtzeitig vor dem Ostergeschäft, öffnete das Vater/Sohn-Gespann seinen Internet-Laden "Echt Erzgebirge" und startete mit dem Online-Verkauf "von erzgebirgischer Volkskunst fürs ganze Jahr".

Vorbesitzer des Online-Shops war Werner Sieber aus Augustusburg. 2011 - nach dem Ende seiner Tätigkeit als Geschäftsführer der Augustusburg/Scharfenstein/Lichtenwalde Schlossbetriebe gGmbH - hatte Sieber mit dem Aufbau des Online-Shops "Echt Erzgebirge" begonnen. Im Laufe der Jahre wurden die Regale mit über 6000 Artikeln gefüllt: Holzspielsachen, Schnitzereien, gedrechselte Arbeiten. "Aus anfänglich 26 Kunden sind am Ende über 3000 geworden", sagt Sieber. Es habe mehrere Kaufinteressenten für den Shop gegeben. Bei den Harbecks wisse er den Laden jedoch in guten Händen, so der 74-Jährige weiter.

Kundenkreis und Anzahl der angebotenen Artikel haben sich nun wesentlich vergrößert. Bislang hatte das Verlagshaus rund 1600 Artikel im Sortiment. "Früher waren wir Bindeglied zwischen Hersteller und Händler, nun zwischen Hersteller und Kunde", sagt Jan Harbeck.

Den Kontakt zu treuen Geschäftspartnern aus dem Klein- und Großhandel wollen Harbeck junior und senior trotzdem weiter halten. Zwar ist das Verlagshaus C. F. Drechsel auf den Branchenmessen längst kein Stammgast mehr, auf der größten Spielemesse der Welt in Nürnberg sind die Grünhainichener jedoch mit von der Partie. "Dort treffen wir immer unsere Geschäftspartner aus Japan. Wir arbeiten seit 1992 zusammen."

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