Anwälte der Tiere

Dr. Hans Sachsenröder, der Augustusburger Tierarzt, hat seine Praxis übergeben. Dass die Wahl seiner Nachfolgerin ausgerechnet auf Franziska Lindner aus Witzschdorf fiel, hat einen Grund.

Augustusburg/Witzschdorf.

Die Bilder dieser dramatischen Stunden sind sofort wieder da. Tagelang hatte es geschneit. Auf den Dächern türmte sich der Schnee - mehr als einen Meter hoch. Unter der Last brach dann am 15. Dezember 2010 das Dach eines Kuhstalls in Grünberg bei Augustusburg ein, 20 Milchkühe wurden verschüttet. "Es war erschreckend still, eine gruselige Ruhe", erinnert sich Dr. Hans Sachsenröder an diese beklemmende Situation. Auch der Augustusburger Veterinärmediziner war dem Landwirt zu Hilfe geeilt. Noch unter den Trümmern habe er die Tiere versorgt. Es sei fürchterlich gewesen, sagt er. Halbtote und tote Tiere mussten die Feuerwehrleute damals bergen. Überlebt haben nur fünf.

Das Unglück beschäftigt Hans Sachsenröder, seit 48 Jahren Tierarzt, noch heute. Am heutigen Montag beginnt für den 72-Jährigen ein neuer Lebensabschnitt, er übergibt seine Tierarztpraxis an Franziska Lindner.

Sie sind ein Traumteam. Nicht selten beginnt einer von ihnen einen Satz, den der andere vollendet. Es habe für ihn nie etwas anderes gegeben, als als Tierarzt zu arbeiten. Es sei ein unheimlicher Vorteil, wenn man seinen Beruf nicht als Last sehe, wenn einen das Tun zufrieden mache, sagt Hans Sachsenröder. "Wir verstehen uns als Anwalt der Tiere", ergänzt Franziska Lindner und der Senior nickt.

Warum gerade die 32-Jährige seine Nachfolgerin wird? "Mit der Praxisübergabe überträgt man auch ein bisschen den eigenen Ruf. Ich wollte sicher sein, dass es in meinem Sinne weitergeht", sagt Hans Sachsenröder. Der Patient stünde im Vordergrund. Empathie sei unbedingt erforderlich, finanzielle Interessen dürften nicht überwiegen. Deshalb ist wohl die Vereinbarung zur Praxisübernahme auch ein besonderes Kapitel: Im Februar fragte Hans Sachsenröder die junge Tierärztin per Whatsapp, ob sie seine Praxis übernehmen wolle: "Ich antwortete, ja mache ich. Mein Freund meinte, ich sei in dem Moment kreidebleich gewesen. Ich war berührt - demütig und stolz zugleich. Was ich nicht wusste, war, dass es um gleich und sofort ging."

Gleich und sofort ist es dann für Dr. Hans Sachsenröder doch nicht: "Es wird kein kalter Entzug. Das funktioniert auch nicht." Deshalb wird er seiner jungen Kollegin, die in Witzschdorf wohnt, weiterhin zur Seite stehen. 50 Berufsjahre sind avisiert. Natürlich müsse er sich in die neue Rolle hineinfinden. "Aber wir haben ein offenes Verhältnis. Seine vielen Jahre Erfahrung können mir nur helfen", ergänzt Franziska Lindner. Sie habe in der Gemischtpraxis gekündigt, in der sie seit 2015 angestellt gewesen war. Die vergangenen eineinhalb Monate habe sie sich komplett um die Einrichtung der neuen Kleintierpraxis gekümmert, die sich nun am Kurplatz 1 befindet.

Die hellen Praxisräume wirken einladend. Nur das Logo an den Scheiben verrät, dass hier, andere Patienten behandelt werden: Katze, Hund, Huhn, Ziege und Schaf verfließen im Symbol aus Milchglas. Hans Sachsenröder: "Tierarztpraxen orientieren sich heute an der Humanmedizin. Dafür war die Praxis im eigenen Haus räumlich nicht ausgelegt." Am neuen Standort gibt es auf den 116 Quadratmetern Praxis neben Wartebereich und Arztzimmer, einen Röntgen- und einen Operationsraum. Der separate Eingang ermöglicht, Hund und Katze zu trennen. "Denn nichts ist komplizierter als eine missgelaunte Katze auf dem Behandlungstisch", sagt Franziska Lindner.

Bis 1990 arbeitete Hans Sachsenröder als Fachtierarzt für Rinder. Nah dem Diplomstudium in Leipzig und der Promotion in Berlin sei er als Staatsangestellter an dieser Stelle gefragt gewesen, auch wenn vielleicht sein Herz schon immer für die Kleintiere schlug. Nach Augustusburg kamen die Sachsenröders 1977, als eine Stelle im Altkreis Flöha frei wurde. 2015 gab der Veterinär die Betreuung von Großtieren auf - eine körperlich anstrengende Arbeit. Auch Franziska Lindner studierte in Leipzig. Nicht nur das verbindet beide Mediziner. Das erste Praktikum während der Studienzeit - vor genau zehn Jahren übrigens - absolvierte die junge Frau in der Augustusburger Tierarztpraxis. Sympathie sei von Anfang an da gewesen, sie hielten stets Kontakt.

Was den Beruf besonders macht? Hans Sachsenröder: "Es ist anrührend zu sehen, wie sich gerade die Leute besonders für ihre Tiere einsetzen, die vielleicht selbst nicht viel haben." Beim Thema Tierliebe habe es eine große Entwicklung gegeben. Früher war die Katze beispielsweise auf dem Hof einfach nur da. Heute seien Kleintiere aber nicht selten Partner- oder Geschwisterersatz.

Als größten Gegenspieler sehen beide Veterinärmediziner übrigens Professor Google, wie sie es liebevoll umschreiben. Franziska Lindner: "In meinen fünf Jahren Berufserfahrung habe ich gelernt, mit Feingefühl zu reagieren. Ich bin der Meinung, dass es wichtig ist, die Leute mit einzubeziehen. Wenn sie sich mit ihren Tieren befassen, ist es normal, dass sie googeln und schon wissen, worunter das Tier leidet. Aber im Netz werden eben auch viele falsche Informationen verbreitet." Doch tierärztliche Arroganz liege beiden fern, sagt sie. Deshalb stecke sie auch immer wieder den Kopf tief in die Bücher: "Mein Opa hat mir ein Stethoskop geschenkt und eingravieren lassen ,Ne discere cessa' - Höre niemals auf zu lernen."

Lernen musste die junge Medizinerin Verlust anzunehmen. Sie umschreibt es so: "So mancher sitzt abends auf meiner Bettdecke. Ein 22 Jahre altes Pferd beispielsweise", beim Erzählen kämpft die 32-Jährige mit den Tränen. Sie habe das Tier nachts auf der Wiese einschläfern müssen, wohlwissend, dass es überlebenswichtig für den gesundheitlich angeschlagenen Besitzer war: "Als ich den alten Mann an Krücken von seinem Pferd Abschied nehmen sah ..., das hat mich geprägt."

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.