Bon-Pflicht beschert Handel Mehrkosten und Papiermüll

Gedruckt, dem Kunden angeboten und Sekunden später landet der Kassenzettel im Abfall: Seit Anfang des Jahres ist dies in vielen Geschäften Alltag. Entsprechend groß ist der Frust. Doch es gibt auch Zuspruch für die Initiative des Gesetzgebers.

Zschopau/Marienberg.

Wohin mit dem Kassenzettel? Seit Jahresbeginn sind Gewerbetreibende verpflichtet, Kunden einen ausgedruckten Beleg anzubieten. Der Gesetzgeber will damit Steuerbetrug verhindern. Doch nicht alle möchten den Bon haben. "Wenn ich nur ein paar Brötchen kaufe, lasse ich ihn liegen. Ich verstehe nicht, warum es im digitalen Zeitalter keine bessere Lösung gibt, als noch mehr Papiermüll zu produzieren", ärgert sich ein Kunde beim Bäcker.

Angela Gluth, Geschäftsführerin der Erzgebirgischen Landbäckerei Drebach, sieht das ähnlich. Höchstens fünf Prozent der Kunden lassen sich ihrer Erfahrung nach den Beleg aushändigen. Zugleich steigt der Papierverbrauch. "Für jede Filiale brauchen wir jetzt täglich mindestens eine Kassenrolle."

Die größte Investition steht der Erzgebirgischen Landbäckerei mit der Anschaffung neuer Registrierkassen noch bevor. Eigentlich sollten die Kassen schon zu Jahresbeginn mit einem Sicherheitsmodul ausgestattet sein, die eine nachträgliche Veränderung von Kassendaten unmöglich macht. Doch wegen Engpässen bei den Lieferanten gibt es nun Aufschub bis Ende September. "Unsere Kassen sind erst zehn Jahre alt, müssen aber komplett erneuert werden", ärgert sich die Geschäftsführerin. Hard- und Softwarekomponenten lassen sich nicht an die neue Technik anpassen. Angela Gluth spricht von rund 99.000 Euro, die nötig sind, um alle 22 Filialen mit einem neuen System auszurüsten. Nicht nur die mit der Gesetzgebung entstehenden Kosten betrachtet die Firmenchefin kritisch. Viele Gewerbetreibende sehen sich unter Generalverdacht, dass die Kassenabrechnungen nicht korrekt sind. "Soviel Misstrauen in den Mittelstand zu setzen, finde ich schäbig", sagt Gluth.

Unsicherheit in der Marienberger Innenstadt: Sie müsse erst mit ihrem Steuerberater sprechen, was die Bonpflicht konkret für ihren Friseursalon bedeutet, sagt Unternehmerin Kristin Langer. Etwa 40 Kunden hat sie täglich. Rund 50 bis 60 an guten Tagen sind es bei Abdul Samad Yousaf, der am Markt einen Döner-Imbiss betreibt. Wenn das Gesetz so sei, dann müsse er eben jedesmal einen Bon ausdrucken, sagt er. Einen Sinn vermag er darin nicht zu erkennen: "Wenn jemand Kleidung kauft und diese zurückbringt, dann braucht er einen Kassenzettel. Aber wer gibt schon einen Döner zurück?" Auf den Hinweis hin, es gehe dem Staat darum, Steuerhinterziehung zu verhindern, sagt er: "Es wird ohnehin alles automatisch in der Kasse erfasst." Ein Kunde, der gerade sein Mittagessen bestellt, wirft ein: Wenn ein Händler Steuern hinterziehen wolle, finde er einen Weg. "Dann wird eben an der Kasse vorbei gezahlt."

Ulrike Klemm betreibt einige Meter weiter eine Apotheke. Ein großer Teil der Bons sei nicht nur zu entsorgen, sondern zu schreddern. Auf vielen stehen persönliche Angaben. Denn mitunter muss der Kunde den Kassenzettel bei seiner Krankenkasse einreichen. "Für uns entsteht zusätzliche Arbeit. Wir müssen auch mehr Geld für Bonrollen sowie Druckertinte ausgeben", so Klemm. Zugleich hat sie Verständnis für die Regelung. Ihr sei es selbst schon passiert, dass in einem Imbiss nichts in die Kasse eingegeben wurde. "Es gibt schwarze Schafe." Mit Beleg bekomme der Kunde die Möglichkeit, besser darauf zu achten, dass alles korrekt gehandhabt wird.

Für seine Fleischerei sei die Bonausgabe nicht neu, sagt Inhaber Mario Findeisen aus Großrückerswalde: "Seit ich 1991 angefangen habe, gibt es zu jeder Bestellung einen ausgedruckten Bon." Allerdings entstehen auch in seinem Unternehmen mit drei Filialen zusätzliche Kosten, um die Auflagen des Finanzamtes erfüllen zu können. Vor rund vier Jahren habe er neue, elektronisch auslesbare Kassensysteme anschaffen müssen, sagt Mario Findeisen: "Für die insgesamt sieben Kassen waren damals jeweils zwischen 2000 und 4000 Euro fällig." Doch die Systeme sind schon jetzt überholt und sollen bis Ende 2021 ersetzt werden. Am Ende bleibe ihm nur eine Möglichkeit, so Findeisen. Er müsse die Kosten an den Verbraucher durchreichen.


Die neue Belegpflicht

Laut der in Deutschland geltenden Abgabeverordnung ist seit 1. Januar 2020 das Gesetz zum "Schutz vor Manipulationen an digitalen Grundaufzeichnungen" in Kraft. Das bedeutet, alle Händler sind zur elektronischen Belegausgabe bei elektronischen Registrierkassensystemen verpflichtet. Für den Kunden besteht keine Pflicht zur Mitnahme des Belegs. Ausgenommen von der Regelung sind Kleinstunternehmer mit offenen Ladenkassen.

Schon seit dem 1. Januar 2017 sind alle Händler verpflichtet, ein Kassensystem mit einem digital auslesbaren Speichermedium zu führen. Seit diesem Jahr müssen diese Kassen auch mit einer zertifizierten technischen Sicherheitseinrichtung versehen werden, die laut Bundesfinanzministerium aus drei Bestandteilen besteht: einem Sicherheitsmodul, einem Speichermedium und einer digitalen Schnittstelle.

Die Einrichtung soll gewährleisten, dass alle Transaktionen nachvollzogen werden und nicht unerkannt verändert oder manipuliert werden können. Wie das Sächsische Finanzministerium mitteilt, muss die Nachrüstung der Registrierkassen bis spätestens 30. September dieses Jahres erfolgen. Die Module werden vom Bundesamt für Sicherheit und Informationstechnik zertifiziert. (cbo)

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