Erinnerung in Aspik

Verführerisch leuchteten die gelb-orangefarbenen Früchte im Spätsommer zwischen den Zweigen. Unter dem Spillingbaum in unserem Garten dachte ich oft an das Märchen vom Schlaraffenland, in dem alles im Überfluss vorhanden ist. Als Fünfjähriger konnte ich nicht genug von den süßen Früchten bekommen. Eltern und Großeltern warnten mich zwar, nicht zu viele davon zu essen. Trotzdem verdarb ich mir einige Male den Magen. Was mich jedoch nicht daran hinderte, am nächsten Tag wieder unterm Schlaraffenlandbaum zu naschen. Das Gehölz mit den saftigen Spillingen gibt es schon Jahrzehnte nicht mehr und die Kindheitserinnerungen verblassen. Nur manchmal, wenn mein Blick zufällig in die hintere Ecke des Vorratsregals im Keller fällt, denke ich an jene unbeschwerte Zeit zurück. Dort steht noch immer ein Einweckglas mit den Früchten von jenem Baum. Aus Mangel an Alternativen wurde damals alles, was der Garten hergab und nicht frisch verwertet werden konnte, eingekocht. Riesige Regale im Keller standen voller Gläser mit Erdbeeren, Süß- und Sauerkirschen, Pflaumen, Gurken und Bohnen. Nur das Spillingglas ist übrig geblieben. Die vor mehr als 40 Jahren eingeweckten Früchte haben ihre leuchtende Farbe verloren und einen Braunton angenommen, eingebettet in Gelee. Ich hatte das Glas vor Jahren schon mehrfach in der Hand und überlegt, es wegzuwerfen. Heute denke ich nicht mehr daran. Die Früchte sind Erinnerung in Aspik. Und vielleicht sogar genießbar. Meine Kollegen jedenfalls haben herausgefunden, dass sich Eingewecktes länger hält (Beitrag rechts) als mancher vermuten mag.mik

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