Harte Zeiten für Rothirsch und Co am Erzgebirgskamm

Tiere im Grenzgebiet leiden an Nahrungsmangel. Eine verharschte Schneedecke lässt bei der Suche kaum Spielraum. Der Sachsenforst hat deshalb eine Notzeit ausgerufen. Doch es gibt auch Kritik.

Marienberg/Zschopau.

In den zweistelligen Bereich kletternde Temperaturen scheinen am Wochenende den Frühling zu verkündigen. Die Situation für Rothirsche auf dem Erzgebirgskamm bleibt dennoch angespannt. Wegen Nahrungsmangels ist zu Monatsbeginn in den Forstrevieren Reitzenhain, Steinbach und Rothenthal eine Notzeit ausgerufen worden, sagt Ingo Reinhold, Leiter des Forstbezirkes Marienberg. Das heißt, Revierleiter und Jäger füttern an dafür vorgesehenen Stellen zu. "Heu und geringe Mengen an Apfeltrester - das sind Pressrückstände aus der Herstellung von Apfelsaft", erklärt Reinhold.

Alle drei Forstreviere liegen am Erzgebirgskamm. Dort hat das Rotwild Probleme, die Schneedecke aufzukratzen. Wann eine Notlage vorliegt, entscheidet jeder Jagdinhaber für sich. Einheitliche Bestimmungen gibt es nicht. Um den richtigen Zeitpunkt zu finden, gilt es einige Fragen zu klären: Welche Nahrung benötigt das Wild? Was ist an Nahrung vorhanden? Finden die Tiere das Angebot auf natürliche Art und Weise oder haben sich die Bedingungen derart verschlechtert, dass das nicht mehr zutrifft? Die Schneehöhe allein ist nicht ausschlaggebend, sagt der Forstbezirksleiter. Schon bei einer 30 Zentimeter hohen, verharschten Schneedecke, die länger als eine Woche liegt, werde die Nahrungssuche schwierig.

Ähnlich wie die Jagdmethoden des Sachsenforstes aktuell die Jägerschaft spaltet, wird darüber diskutiert, wann eine Notzeit gerechtfertigt ist. Innerhalb der Grenzen des ehemaligen Kreises Marienberg üben etwa 170 Mitglieder des Jagdverbandes Marienberg die Jagd aus. Grundsätzlich begrüßt der Verband zwar das Ausrufen der Notzeit durch den Sachsenforst, übt aber auch Kritik. "Die Entscheidung kommt etwas spät", sagt der Vorsitzende Jürgen Börner. Die Schneelage im Kammgebiet sei nicht erst seit Februar, sondern schon im gesamten Januar so gewesen.

Der Verbandschef berichtet von Jagdpächtern in Satzung und im Seiffener Raum, die schon länger zufüttern würden. "Im Jagdverband geben wir dafür Empfehlungen, die Entscheidung treffen aber die jeweiligen Revierpächter", sagt Börner und mutmaßt: "Vielleicht steckt ja beim Sachsenforst auch etwas Kalkül dahinter, die Notzeit erst später auszurufen." Denn Ende Januar endet die Jagdperiode. Wird schon vorher eine Notzeit proklamiert, darf in den betreffenden Gebieten ohnehin nicht mehr gejagt werden. Dann herrscht ein striktes Verbot, um das Wild zu schonen, damit es unter den schwierigen Bedingungen möglichst wenig Energie verbraucht.

Forstbezirksleiter Reinhold zufolge wird nur so viel Futter ausgereicht, um den Tieren das Überleben zu sichern. Der Winter ist seinen Worten nach ohnehin eine natürliche Fastenzeit für Wild. "In mehr als 1000 Jahren hat es sich darauf eingestellt." Für mindestens genauso wichtig wie die Fütterung hält Ingo Reinhold, dass die Tiere an den Futterstellen nicht gestört werden. "Es bringt nichts, wenn jemand hingeht und nachschaut."

Und wie lange wird zugefüttert? Bis zur Buschwindröschenblüte, sagt Ingo Reinhold. Die zwischen März und April blühende Art gilt gemeinhin als botanischer Anzeiger für den Beginn der Vegetationszeit und somit dem Ende der Fütterungsperiode.


Der Mensch verändert die Lebensbedingungen des Rothirsches

Der Rothirsch, jägersprachlich Rotwild genannt, ist ursprünglich Bewohner offener und halboffener Landschaften gewesen. Im Jahresverlauf kamen und kommen durchaus ausgedehnte Wanderungen zwischen Sommer- und Wintereinzugsgebieten vor, die sowohl für den Nahrungserwerb als auch für den Genaustausch wichtig sind.

In Mitteleuropa wird der Rothirsch durch den Menschen heute hauptsächlich in große Waldgebiete zurückgedrängt. Hinzu kommen im Winter Störungen durch Menschen. Die Veränderungen sind zum Teil ursächlich für Wildschäden in der Forst- und Landwirtschaft. Die Folge: Konflikte zwischen Jagdberechtigten, Waldbesitzern und Landwirten.

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