100 Prozent Planerfüllung

Kein deutsch-französisch-japanisch-lettischer Spion. Aber ein Betrüger. Die russischen Ermittlungs- behörden wollen den streitbaren Starregisseur Kirill Serebrennikow auf ziemlich sowjetische Weise hinter Gitter bringen.

Moskau.

Kirill Serebrennikow stellt Staatsdiener durchaus nicht als Unholde dar. In seinem Film "Untreue" gesteht ein betrogener Ehemann einer Polizeikommissarin, er habe seine Frau und ihren Liebhaber ermordet. Die Beamtin liest sein Geständnis, zerreißt es, lässt sich von dem Mann auf den Mund küssen und schickt ihn weg.

Der Kino- und Theaterregisseur Kirill Serebrennikow selbst hat weniger Gnade von den Ermittlungsbehörden zu erwarten. Er wurde am Dienstag einem Moskauer Haftrichter vorgeführt, der ihn unter Hausarrest stellte, zunächst bis 19. Oktober. Serebrennikow war bei Dreharbeiten in St. Petersburg festgenommen worden, das russische Ermittlungskomitee wirft ihm vor, mit einigen Mitarbeitern seiner Theaterproduktionsfirma "Siebtes Studio" 68 Millionen Rubel, eine knappe Million Euro, unterschlagen zu haben.

In der Moskauer Theaterszene, auch unter den etwa 400 Menschen, die sich vor dem Gericht versammelten, gilt es als sicher, dass die Staatsorgane den bärtigen Regisseur, der notorisch Ohrringe und Woll- oder Schirmmützen trägt, aus ganz anderen Gründen verfolgen. "Serebrennikows Fall erinnert sehr an die sowjetische Praxis", sagt der Kunstkritiker Andrei Jerofejew. "Auch damals wurden Kulturschaffende in der Regel nicht wegen ihrer Werke angeklagt, sondern wegen angeblicher Ordnungswidrigkeiten oder Straftaten."

Kirill Serebrennikow gehört zu Russlands Starregisseuren. Der 47-Jährige, der als Schuljunge in Rostow am Don schon Dramen inszenierte, erhielt die höchsten nationalen Theater- und Fernsehpreise, seine Filme wurden in Rom und Cannes ausgezeichnet. Als künstlerischer Leiter hat er das mittelmäßige Theater Gogol-Zentrum in eine der zentralen Bühnen Russlands verwandelt. Er führte am Moskauer Bolschoi-Theater, in Riga und Berlin Regie. In Stuttgart hat er gerade erst begonnen, die Oper "Hänsel und Gretel" zu inszenieren - mit afrikanischen Kindern aus einem Dorf in Ruanda. Serebrennikow provoziert nicht auf Teufel komm raus. Aber der erklärte Buddhist schert sich wenig um Tabus. Zum Ärger vieler Intelligenzler inszenierte er 2011 ein Drama nach einem Buch des Kremlfunktionärs Wjadislaw Surkow, der als Mitautor der autoritären Innenpolitik Putins gilt. "Um es mit Heiner Müller zu sagen, der Künstler steht über dem Streit", erklärte Serebrennikow in einem Interview. "Er ist weder auf der einen noch auf der anderen Seite, hat Mitleid mit den einen wie mit den anderen." So wie der Regisseur mit der hilflosen Mutter, dem überforderten Priester, dem tumben Schwimmtrainer und der liberalen Klassenlehrerin, die sich in Serebrennikows jüngstem Film "Der Jünger" mühen, einen Teenager zu retten, der in religiösem Wahn versinkt. Vergeblich.

Der kriegerische Kinopatriotismus, den das Kulturministerium seit Jahren subventioniert, ist Serebrennikow ein Gräuel. "Wenn die Machthaber im Kopf haben, dass man unbedingt fürs Vaterland sterben muss, ist der Schrecken vollkommen." Russland sei ein Land der Sklaven geblieben, das die TV-Lügenpropaganda noch weiter verdumme, schimpfte er in Interviews für liberale Hochglanzmagazine, aber auch für Gay-Portale.

2013 gab es erste Schwierigkeiten. Die staatliche Finanzhilfe für einen Film über den Komponisten Pjotr Tschaikowski wurde eingefroren. Offenbar auch, weil Serebrennikow in dem Film die Homosexualität des Musikers thematisieren wollte, die Kulturminister Wladimir Medinski glatt abstritt. Im Mai dieses Jahres folgten Durchsuchungen im Gogol-Zentrum und in Serebrennikows Wohnung, mit großem Polizeiaufgebot. Sein Reisepass wurde beschlagnahmt, im Juni setzte das Bolschoi-Theater das von Serebrennikow inszenierte Ballett "Nurejew" wenige Tage vor der Premiere ab, offiziell, weil der Aufführung der letzte Schliff fehlte. Aber laut Zeitungsberichten soll sich der Regisseur wieder zuviel der Bisexualität des emigrierten Ballettstars gewidmet haben. Und jetzt drohen Kirill Serebrennikow wegen schweren Betrugs bis zu zehn Jahre Gefängnis.

In früheren Putin-Jahren ließ das Regime Theater und Artkino noch viel Freiheiten, jetzt soll offenbar auch die Nischenkultur auf Linie gebracht werden. "Der Staat hat Serebrennikow viel Geld für seine Projekte gezahlt", sagt der Menschenrechtler Lew Ponomarjow, "und ist erbost, dass der sich nicht an seine neuen Spielregeln hält." In Russland herrsche nun "Stalinismus light", angefangen mit demonstrativen Hausdurchsuchungen am frühen Morgen, die Angst verbreiten sollten. Und die Organe formulieren Anklagen, die ähnlich absurd klingen wie in der Sowjetzeit. So behauptet die Staatsanwaltschaft, Serebrennikow habe das staatlich unterstützte Drama "Ein Mittsommernachtstraum" nie aufgeführt. Obwohl es 2012 tausende Zuschauer gesehen haben. Trotzdem gelten Serebrennikows Chancen vor Gericht als minimal, weil die Ankläger in sowjetischer Tradition 100 Prozent Planerfüllung anstreben.

Ponomarjow verweist auf den Regisseur Wsewolod Meyerhold, der 1939 verhaftet und als deutsch-französisch-japanisch-lettischer Spion erschossen wurde. "Dieses Schicksal droht Serebrennikow hoffentlich nicht." Aber der hat es wie Meyerhold wiederholt abgelehnt, ins Ausland überzusiedeln. Für opponierende Künstler in Russland wird die Wahl zwischen Emigration und Gefängnis wieder aktuell.

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