Albrecht Dürer Ausstellung: Hase im Pfeffer

Die Albertina Wien zeigt in einer einzigartigen Werkschau die Meisterschaft Dürers. Dabei erzählt vor allem die Menge der Werke von einer der bemerkenswertesten Metamorphosen der Kunstgeschichte - so, dass auch Kinder sie verstehen.

Wien.

Der "Feldhase" liegt fast immer in einer Kiste. Lichtdicht im klimatisierten Archivraum, denn kaum etwas schadet einer über 500-jährigen, mit Aquarellfarben sanft kolorierten Zeichnung mehr als Sonnenstrahlen. In der Dauerausstellung der Wiener Albertina, die die bedeutendste Grafiksammlung der Welt beherbergt, ist das ikonische Bild Albrecht Dürers aus dem Jahr 1502 daher nur als Kopie zu sehen. Es wäre also wenig verwunderlich, wenn allein die seltene Zurschaustellung dieses berühmten Originals Zuschauermassen ins Museum locken würde - was ja regelmäßig passiert, wenn der "Feldhase" alle fünf bis zehn Jahre für kurze Zeit ans Licht geholt wird. Doch in der großen Werkschau "Albrecht Dürer", die die Albertina aktuell zeigt, ist diese Originalzeichnung kein sonderlich herausgestelltes Stück: Dass und wie sie sich einfügt in eine schlicht atemberaubende Ausstellung, sagt bereits einiges über deren exorbitanten Schauwert. Die größte Dürer-Schau in Europa seit über zehn Jahren!

Zum einen ist da die Konkurrenz: Fast alle berühmten Originale des Nürnberger Renaissance-Großmeisters, von den "Betenden Händen" bis zu den Meistergrafiken wie "Ritter, Tod und Teufel", sind versammelt, eingebettet in zahlreiche weniger bekannte, gleichwohl meist aber fast ebenso faszinierende Holz- oder Kupferstiche, Feder- und Kohlezeichnungen, Aquarelle und Gemälde. Zum anderen ist da aber die so simple wie geschickte Präsentation, die auf intime Nähe setzt und quasi den Künstler selbst seine Geschichte erzählen lässt. Auf die (natürlich!) angebotenen Audio-Guides kann man, sollte man getrost verzichten: Lenkt nur ab! Die knappen, sehr gelungenen Einordnungstexte neben den Werken genügen - und schon zieht einen die Schau auf eine Reise durch die deutsche Renaissance. Verschränkungen zwischen Kunst, mittelalterlichem Glauben und geistig-humanistischem Aufbruch mit dem Leben des Künstlers und der ersten Erfolgswelle des Buchdrucks erklären sich wie nebenbei - Raum lässt die Ausstellung vor allem einer großen, detailverliebten Schaulust, und da ist man bei Albrecht Dürer genau richtig. Die Schau zeigt die Suche des Künstlers nach der wahren Kunst in der Natur. Sie zeigt, wie er sich handwerklich über die Jahre immer mehr findet, wie er mit Zeichenfeder und Aquarellpinsel immer neue Techniken versucht, um seinen Bildern atemberaubende Räumlichkeit zu geben. Seine Sujets, zeitgemäß oft religiös, treten immer mehr zurück, werden Projektionsfläche, erheben das Detail in seiner packenden, nutzlosen Schönheit. Oft ist über den Reiz von Originalen philosophiert worden - diese Schau bläst derlei Debatten einfach weg. Die Bilder sind so gepfeffert lebendig und doch so feinsinnig: Keine Technologie wird die Aura von Dürers Hand je einfangen, auch die seiner Drucke nicht. Jedes Foto, jede Repro verschiebt Schattierungen, ändert Farbnuancen, stört den Raum. Und es ist immer eine Änderung zum Schlechteren. Vor jedem Bild, von denen man so viele doch so oft gesehen hat, bleibt man gefesselt stehen, denn man sieht sie gerade zum ersten Mal wirklich. Erst recht, wenn immer wieder die "500" im Hinterkopf aufblitzt: Über 500 Jahre ist das hier alles alt!

Klar, dass der immense Besucherandrang oft im prinzipiell unguten Verhältnis zu den fast durchweg kleinformatigen Werken der Schau steht, doch das nehmen die Kuratoren mit etwas Mut in Kauf - und, siehe da, es funktioniert: Der Menschenstrom schiebt sich rücksichtsvoll an den Bildern vorbei, mitunter muss man etwas warten für den begehrten Sichtkontakt im Halbmeter-Raum. Aber das erzeugt letztlich Geduld und Demut, erhöht den Reiz, die Vertiefung. Sogar bei Kindern: "Jeder weiß doch, wie ein Hase aussieht", hatte mein Sohn am Einlass unwillig gebrummt - um sich dann viele Stunden dem Sog zu ergeben. Hier kann man Tage verbringen!

Die Ausstellung

"Albrecht Dürer" ist noch bis 6. Januar 2020 in der Albertina Wien zu sehen. Geöffnet ist täglich 10 bis 18 Uhr, mittwochs und freitags bis 21 Uhr. Ab 16. Dezember bis Ende der Schau verlängern sich die Öffnungszeiten täglich bis 19 Uhr.

www.albertina.at

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