Als der DDR Flügel wuchsen

Mit der IL-14 startete der DDR-Flugzeugbau - auch in der Region um Karl-Marx-Stadt. Es ist eine Geschichte, über die nie sehr viel bekannt wurde. Nun hat der Chemnitzer Holger Lorenz sie aufgeschrieben.

Chemnitz.

Rund um den kompakten Schreibtisch von Holger Lorenz sieht es aus wie in einer typischen Jungsbude früherer Zeiten: An den Wänden hängen Poster und Fotos von Flugzeugen, zumeist Propellermaschinen. Auf den Regalen stehen Flugzeugmodelle, gefertigt aus diesen beliebten Bausätzen, an denen sich zu DDR-Zeiten wohl fast jeder Junge einmal ausprobierte. Inzwischen haben die kleinen Flieger Jahrzehnte auf dem Buckel. Doch bei Holger Lorenz werden sie in seiner Chemnitzer Wohnung in Ehren gehalten. Das Kind im Manne?

Nein. Mit Kinderspielerei hat das nichts zu tun: Lorenz ist ein Flugzeugverrückter. Der Endfünfziger, der aus dem Maschinenbau kommt, als Technologe arbeitete, später als Betriebszeitungsredakteur zum Journalismus kam und nach der Wende dabeiblieb, hat ein Faible für die Technik. Mehr durch Zufall hat es ihn für eine Recherche nach Dresden ins Airbus-Archiv verschlagen, wo sämtliche Unterlagen des einstigen DDR-Flugzeugbaus lagern. Es muss ein "Sesam, öffne dich"-Erlebnis gewesen sein. Vor ihm lagen unbeschreibliche Schätze für einen Technikjournalisten: Fotos, Schriftsätze, Protokolle. Und er fand Kontakt zu Menschen, die einst im Flugzeugbau arbeiteten und als Rentner nunmehr Zeit und Lust hatten, von ihren Erinnerungen zu erzählen. 20 Jahre ist das inzwischen her, seitdem geht Holger Lorenz in diesem Archiv ein und aus.

"Ich hab' die Mitarbeiter wohl mit meinen ersten Arbeiten überzeugt, jedenfalls durfte ich immer wiederkommen. Das habe ich reichlich ausgenutzt", sagt der Mann schmunzelnd. Tage und Wochen hat er sich durch Aktenberge gewühlt, Fotos gesichtet, alles kopiert. Vieles war für ihn selbst absolutes Neuland. Der 1959 geborene Karl-Marx-Städter hat in den Hochzeiten des DDR-Flugzeugbaus selbst ja noch gar nicht gelebt, war ein Kleinstkind, als die DDR 1961 das Kapitel sang- und klanglos, still und heimlich schloss. Und heute? Wer von der jüngeren Generation weiß noch, dass die DDR in den 50er-Jahren eines von lediglich vier Ländern weltweit war, das Düsenflugzeuge baute? Zu Zeiten, als man in Westdeutschland die Entwicklung des Kabinenrollers "Messerschmitt" als die Innovation schlechthin bejubelte, konnte es hierzulande nicht groß genug zugehen. Lorenz schrieb darüber.

Sein Lieblingsthema bisher war die Entwicklung, der Bau, die Erprobung und schließlich der Absturz des ersten deutschen Passagierflugzeuges mit Strahlantrieb - die Baade-152: vom ersten Entwurf in der Sowjetunion 1953 bis zum Absturz einer Maschine bei einem Probeflug und der Verschrottung aller gebauten Flugzeuge 1961. Es blieb nicht bei kurzen historischen Beiträgen für Wirtschafts- und Fliegerzeitungen. Inzwischen hatte er sich so viel Wissen angelesen, Zusammenhänge erkannt und verarbeitet, dass er das flapsige "Mensch, Holli, schreib doch mal ein Buch darüber" von Freunden und Kollegen ernst nahm. "Mir war klar, Bücher schreiben ist schon etwas anderes als journalistische Beiträge. Aber was ich an Fakten und Bilddokumenten gesammelt habe und was ich in den vielen Gesprächen mit Zeitzeugen erfuhr, war so umfangreich, das wurde wie von selbst ein richtiges Buch." Und dann schrieb er noch eins. Und noch eins. Und noch eins ...

Inzwischen ist das achte Flugzeugbuch des Technikfreaks auf dem Markt. Und mit ihm eine Neuheit: Diesmal stand nicht die große, gewaltige Baade-152 oder deren Nachfolger, das Turbinenflugzeug Dresden-153A im Fokus, sondern die kleine IL-14, das zweimotorige sowjetische Passagierflugzeug, das ab 1955 bis 1959 in Dresden, Karl-Marx-Stadt und Schkeuditz gebaut wurde. 32 Passagiere fanden in dem Maschinchen Platz, bei einer Reisegeschwindigkeit von 320 Kilometern pro Stunde lag die Reichweite bei 1500 bis 2000 Kilometer. Mit ihr begann der DDR-Flugzeugbau.

"Aber die IL-14 war keine Erfolgsgeschichte, obwohl sie eine hätte werden können. Geplant war, 600 dieser Maschinen zu bauen und in die Sowjetunion zu liefern. Sie sollten das Geld bringen für den großen Traum vom DDR-Jet Baade-152", gerät Lorenz ins Fachsimpeln. Die zivile Luftfahrtindustrie in der DDR sollte entwickelt werden, damit sich die Russen auf den Bau militärischer Flugzeuge konzentrieren konnten. Es gab hierzulande dafür gute Voraussetzungen: Die Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG in Dessau war vor dem Krieg der fortschrittlichste und zugleich größte Luftfahrtkonzern der Welt. Rund 1000 Spezialisten dieses Werkes arbeiteten - sicher nicht ganz freiwillig - von 1946 bis 1952 in der Sowjetunion an Hochleistungsflugzeugen. Als das Wissen für die Russen abgeschöpft war, sollten die Leute zurück in die DDR gehen und für die Sowjetunion Passagierflugzeuge bauen.

In seinem Buch "Die deutsche Variante der sowjetischen IL-14P", das P steht übrigens für eine mögliche Warmluftenteisung der Flügel, hat der Autor detailgetreu in Wort und Bild belegt, was sich in den Jahren 1955 bis 1959 abspielte, dass von den geplanten 600 Maschinen keine einzige vom "großen Bruder" abgenommen wurde, schlussendlich lediglich 80 Flugzeuge dieses Typs in der DDR gebaut worden sind. 54 der Maschinen gingen in den Export nach China, Polen, Ungarn, nach Bulgarien, Rumänien und nach Vietnam.

80 Maschinen in fünf Jahren, das war ein großes Verlustgeschäft. Und doch auch eine Erfolgsgeschichte, denn was als reiner Lizenzbau begann, wurde später in eigener Regie einschließlich eigener Weiterentwicklungen und Verbesserungen fortgeführt. Hier konnte aufgebaut werden auf das Wissen und Können der Leute vor Ort und auf die Qualität des sächsischen Werkzeugmaschinenbaus, der fast alle Maschinen selbst herstellte - wegen Embargolisten selbst herstellen musste - , die für den komplizierten Flugzeug- und Motorenbau notwendig waren.

Lorenz' Buch liest sich teilweise ausgesprochen spannend. Er versucht Erklärungen zu finden, warum die Sowjetunion ihre mündlichen Zusagen zu den 600 Maschinen - hieb- und stichfeste Verträge scheinen unter Genossen nicht üblich gewesen zu sein - nicht eingehalten hat. "Man kann sich zumindest seinen Teil denken, wenn man das Protokoll einer Stasi-Befragung von Brunolf Baade, dem Entwicklungschef, liest, der in Sachen Organisationsschwierigkeiten in den Werken und Zulieferbetrieben kein Blatt vor den Mund nimmt."

Die Bücher von Holger Lorenz verlangen dem Leser einiges ab. Für Technik muss man sich schon interessieren, weil er teilweise bis ins kleinste Detail beschreibt und erklärt. Aber der Erfolg hat ihm Recht gegeben, jedes seiner Werke hat sich bisher gut verkauft. Mit der IL-14 wird das nicht anders sein. Das Erfolgsrezept? Lorenz schreibt mehr als Flugzeug-Bücher, er erzählt gleichzeitig Wirtschafts- und Heimatgeschichte. Er bewahrt einstmals große Erfolge vor dem Vergessen, der berühmte Aha-Effekt ist allgegenwärtig. Denn über das Kapitel Flugzeugbau in der DDR ist, vor allem nach dem rigorosen Ende 1961, nie viel an die Öffentlichkeit gedrungen.

Dabei ist das ein Teil vor allem auch sächsischer Geschichte, der sich sehen lassen kann. Moderne Produktionsstandorte wurden in kurzer Zeit aus dem Boden gestampft. Die Endmontage der Flugzeuge war am Flughafen Dresden-Klotzsche angesiedelt, der Bau der Motoren, Fahrwerke, Hydraulikanlagen und Geräte erfolgte im Karl-Marx-Städter Industriewerk, die notwendigen Reparaturen übernahmen die ehemaligen Siebelwerke Schkeuditz. Lorenz hat noch vor Jahren mit ehemaligen Chemnitzer Industriewerkern gesprochen, die voll Stolz und Selbstbewusstsein von dieser damaligen Aufgabe sprachen. Für sie war der ASch-82T, so hieß der Motor für die IL-14, noch allgegenwärtig. Der erste wurde im Dezember 1955 auf dem Freiprüfstand an der Neefestraße erprobt, bis 1961 haben rund 1250 dieser Motoren das Werk verlassen. Inzwischen gibt es kaum noch Zeitzeugen. Und ein letzter Flugzeugmotor ASch-82T ist zum Museumsexponat geworden. Er kann im Sächsischen Industriemuseum in Chemnitz bestaunt werden.

Wie geht es weiter? Nach einer neuen Idee für das nächste Buch muss man Holger Lorenz nicht fragen, das ist schon in Arbeit. Die Comet 1 ist das Objekt seiner journalistischen Begierde, eine englische Maschine, die durch ihre Schönheit zum einen wahre Begeisterungsstürme auslöste, zum anderen mit ihrer Absturzserie 1954 die Welt schockierte. Ein selbstgebasteltes Flugzeugmodell steht übrigens bei Lorenz im Regal ...

Das Buch Holger Lorenz: "Die deutsche Variante der sowjetischen IL-14P". 29,95 Euro.

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 2 Bewertungen
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