Rumpeln, Rauschen, Knistern: Wie man Vinyl Manieren beibringt

Plattenspieler sind offene Einfalltore für Störgeräusche. Es gibt aber ein paar einfache Kniffe, mit denen man eine Schallplatte wirklich "in Ruhe" abspielen kann.

Keine Frage: Schallplatten haben das Zeug dazu, das Musikhören sinnlicher, erinnerungswürdiger und intensiver zu machen. Selbst, wenn Sound-Nerds sich über die Frage, inwiefern der analoge Klang letztlich "besser" ist als der digitaler CDs oder gar MP3s, in epischen Voodoo-Debatten herrlich ergebnislos fetzen können: Vinyl klingt nicht nur anders als die Konkurrenz - schon das rituelle Auflegen, die notwendigerweise vorsichtige haptische Beschäftigung mit dem Medium und das große Textblatt samt Cover zwingen förmlich zum entschleunigten Einhören. Man sitzt immerhin vor einem höchst fragilen Abspielsystem voller Fallstricke - allein die Vergegenwärtigung dieser Tatsache macht das Hören zu einer immer wiederkehrenden Errungenschaft.

Dass das so ist, daran erinnert einen der eigene Plattenspieler ständig: Die Störung lauert immer und überall - der ewige Kampf gegen Knistern, Brummen, Knacken und Rauschen gehört zum Schallplattenhören stets dazu. Das hat in der Basisversion nichts mit Kabelvoodoo oder Nadelesoterik zu tun - es gilt einfach, gewisse mechanische Gegebenheiten zu kennen und zu berücksichtigen. Im Folgenden wollen wir also sowohl die Qualität der Vinylplatte (allein bei den Pressungen gibt es gravierende Unterschiede!) als auch die Weiterleitung des elektrischen Signals (eine Wissenschaft für sich!) außen vor lassen und uns der Mechanik des Gerätes widmen. Denn: Herzstück eines jeden Plattenspielers ist der Tonabnehmer mit Nadel, der aus mechanischen Schwingungen elektrische macht. Die Plattenrille, die die Musik mechanisch gespeichert hat, sollte daher das Einzige ist, was die Nadel in Bewegung versetzt. Praktisch ist das natürlich unmöglich, doch man kann darauf hinarbeiten!

 

1 Los geht es mit einem soliden Stand des Gerätes, was oft weniger trivial ist als es klingt: Die vorhandenen Tische oder Regale der Wohnung sind nicht immer optimal! Ganz wichtig: Der Plattenteller muss waagerecht stehen, und zwar nicht nur nach Augenmaß - Libelle oder Wasserwaage sind Pflicht! Sonst liegt die Nadel auf einer schiefen Ebene - es entsteht eine Kraft "hangabwärts", die den Tonabnehmer gegen die Rille presst, was den Klang beeinträchtigt. Teurere Dreher haben daher verstellbare Füße - Pappscheiben zum Unterlegen tun es aber auch. Wichtig ist natürlich auch, das Gerät so gut wie möglich von möglichen Erschütterungen zu entkoppeln.

2 Hält der Motor des Plattenspielers die vorgegebene Drehzahl nicht ein, läuft die Musik zu schnell oder zu langsam - was selbst Laien sofort hören. Die Geschwindigkeit lässt sich daher bei einigen Modellen justieren: Dazu blitzt eine Stroboskoplampe auf seitlich am Plattenteller angebrachte Raster, die damit in einer bestimmten Frequenz "angestrahlt" werden. Stimmt die Rotation des Tellers mit dieser überein, sieht es aus, als würde das Raster stehenbleiben. Das kann man mit einem Poti, das die Motorspannung regelt, einstellen. Teure Plattenspieler sind "von Haus aus" auf die richtige Geschwindigkeit geeicht, lassen das Justieren aber auch mit einer versteckten Schraube zu. Dazu kann man eine Strobo-Scheibe auf den Plattenteller legen. DJ-Plattenspieler wie der hier abgebildete SL 1200 von Technics sollen die Drehgeschwindigkeit zudem möglichst ohne Verzögerung erreichen - deswegen haben sie einen Direktantrieb. Dabei sitzt der Plattenteller direkt auf der Motorachse, die damit aber auch Vibrationen des Antriebs ungebremst auf den Tonabnehmer übertragen kann: Es rumpelt. Hifi-Plattenspieler sind mit einem Riemenantrieb ausgestattet, der Motor ist damit entkoppelt. "Eiert" der Plattenspieler, kann das daran liegen, dass dieser Riemen ausgeleiert oder porös ist. (Dreht sich gar nichts, ist er oft nur gerissen.) Ein neuer Riemen ist "Pfennigkram", bringt aber oft viel.

3 Der Plattenteller sollte möglichst schwer sein: Dank ihrer Trägheit behält große Masse die Geschwindigkeit konstant, außerdem ist der Teller dann unempfindlicher gegen mechanische Vibrationen. Allerdings kommt ein schwerer Teller eben nur mit einem starken (und teuren) Motor in Schwung. Trotzdem lohnt es sich, mit Auflage-Gewichten in der Plattenmitte zu experimentieren, die die Vinylscheibe plan gegen den Teller pressen.

4 Das Auflagegewicht ist einer der wichtigsten Parameter am Plattenspieler: Es bestimmt, wie schwer die Nadel auf der Rille liegt. Für jeden Tonabnehmer gibt es eine Herstellerangabe für das optimale Auflagegewicht, ein üblicher Wert sind zwei Gramm. Liegt die Nadel zu leicht auf, ist das Signal zu leise, außerdem kann sie aus der Rille springen. Ist das Gewicht zu hoch, kommt es zu hörbarem Gerumpel und Verzerrungen, außerdem erhöht sich die Reibung der Nadel an der Platte, was die Abnutzung erhöht. Wie man das einstellen kann, hängt vom Plattenspieler-Modell ab, erschließt sich aber in der Regel: Zuerst wird die Voreinstellung auf 0 Gramm gesetzt. Dann löst man den Tonarm aus der Verankerung und senkt ihn ab. Mit dem Gegengewicht wird der Arm nun so austariert, dass er frei schwebt. Das erfordert etwas Fingerspitzengefühl, ist aber in der Regel kein Hexenwerk. Ist der Arm in Waage, stellt man auf der Skala zur Feinjustierung das nötige Auflagegewicht ein. Dabei immer den möglichen Höchstwert ausnutzen: Wer zu zaghaft einstellt, hat mit einer springenden Nadel zu kämpfen.

5 Herkömmliche Plattenspieler haben konstruktionsbedingt ein Problem: Die Vinyl-Rille ist immer entlang der Tangente in die Scheibe geschnitten. Dem kann der drehbare Tonarm aber nicht korrekt folgen: Er "wandert" bogenförmig über die Platte, statt sich direkt vom Außenrand im Lot auf die Achse zuzubewegen. Um das auszugleichen, ist er gekrümmt und reicht über das Lot zur Drehachse hinaus. Durch die Reibung in der schneckenförmigen Rille entsteht dabei die sogenannte Skating-Kraft, die den Tonarm zur Plattenmitte zieht und ihn dabei in die Innenflanke der Rille drückt. Mit der Antiskating-Stellschraube wird daher eine Gegenkraft eingestellt, sodass der Tonabnehmer ohne Seitenkräfte nur entlang der Rille gezogen wird. In der Praxis hat sich bewährt, sie entsprechend dem Auflagegewicht zu wählen.

6 Der Kröpfwinkel soll ebenfalls den Tangentenfehler des Tonarmes ausgleichen: Bei der "Wanderung" über die Platte erwischt die Nadel die Rille immer in einem Fehlwinkel zur Tangente und bewegt sich dann nicht quer zur Rille, sondern leicht diagonal. Mit den zwei Schrauben der Tonabnehmer-Aufhängung lässt sich der Kröpfwinkel so einstellen, dass der Tonarm an zwei "strategischen" Punkten die Tangente genau trifft. Das lässt sich mit Hilfe von Schablonen einstellen. Bei ihrer "Wanderung" weicht die Nadel dann maximal zwei Grad ab - was praktisch okay ist.

7 Der Azimut ist der Winkel, den der Tonabnehmer von vorn gesehen zur Schallplatte bildet. Er muss null sein - dann "erwischt" die Nadel auch beide Stereokanäle der Schallplatte gleich: Stellt man sich die Rille von vorn gesehen als dreieckigen Querschnitt vor, dann ist jeder der beiden Kanäle in eine der schrägen Seitenwände geprägt. Taucht die Nadel also quer zur Abspielrichtung gekippt in die Rille, wird nicht nur einer der Kanäle lauter - gleichzeitig werden beide unsauber erfasst.

8 Der Tonarm sollte, wenn die Nadel aufgesetzt ist, parallel zur Plattenoberfläche liegen. Bildet er einen Winkel, taucht die Nadel nicht senkrecht in Abspielrichtung in die Rille, sondern längs gekippt. Das verzerrt das Signal, da die Rille senkrecht geschnitten wurde. Billige Plattenspieler lassen diese Justage nicht zu, dort ist das Gerät auf das mitgelieferte Tonabnehmer-System festgelegt. Will man dieses aber wechseln, müssen die Größenunterschiede diverser Bauformen ausgeglichen werden: Bei wertigeren Plattenspielern kann man daher die Tonarm-höhe am Fuß einstellen.

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