Argentinischer Alptraum

Ein Comic schildert den Kampf gegen eine tödliche Invasion. Für den Erfinder wird der Alptraum später wahr. Beide Versionen des argentinischen Klassikers "Eternauta" gibt es nun erstmals auf Deutsch.

Berlin.

In der Blüte ihres Lebens verlor Elsa Sánchez de Oesterheld ihren Mann und ihre vier Töchter. Ermordet. Eine Militärjunta hatte 1976 in Argentinien die Macht übernommen. Der Comic-Autor Héctor Germán Oesterheld folgte seinen Töchtern in den Widerstand. Sie wurden gefasst und getötet. Fünf von 30.000.

Oesterheld, mit familiären Wurzeln in Deutschland und im Baskenland, war ein bekannter Mann. 1957 schrieb er das Szenarium zu "Eternauta" - einem Comic-Klassiker in Lateinamerika und der spanischsprachigen Welt. "Eternauta" erzählt von einer Invasion aus dem Weltraum, gegen die eine Gruppe von Erdbewohnern sich zur Wehr setzt. Die Hauptfigur Juan Salvo ist kein Superheld, sondern nur in Gemeinschaft seiner Freunde stark. Für die Freiheit setzt er sein Leben und das seiner Familie aufs Spiel. In ihm erkannten sich die Kämpfer gegen die Militärdiktatur wieder.

Der Berliner Avant-Verlag hat die Urversion des "Eternauta" vor zwei Jahren zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlicht, mit den naiven, gefälligen Zeichnungen von Francisco Solano Lopez. 1969 brachte die Wochen-Illustrierte "Gente" eine überarbeitete Version heraus, illustriert von Alberto Breccia. Mit Unterstützung der argentinischen Kulturförderung liegt auch "Eternauta 1969" jetzt in deutscher Sprache vor.

Zwölf Jahre nach der ersten Version bewegt sich der "ewig Reisende", der die Geschichte erzählt, bei Breccia in einer verdüsterten Welt. Von der Grundidee blieb nur der rote Faden: Ein Schneefall, der die Bevölkerung tötet, leitet die Invasion der Außerirdischen ein. Die Supermächte lassen Argentinien im Stich. Eine kleine Gruppe kämpft, auf sich allein gestellt, ums Überleben. Breccia zeichnet die Charaktere expressiv, hoch konzentriert. Er hebt den Comic damit von der seichten Ästhetik der Illustrierten ab, in der er erscheint, und macht ihn zum bissigen Gesellschaftskommentar.

Argentinien erlebte vor der Diktatur eine instabile Phase mit gravierenden sozialen Gegensätzen. Die Zeitschrift "Gente" ("Leute") bediente mit emotionalisierten, boulevardesken Geschichten ein verbreitetes Bedürfnis nach Weltflucht. Schauspieler, Verbrecher, Sportler, Wirtschaftsführer: Das ist das Umfeld, in dem Oesterhelds Story und Breccias Stil ins Auge stechen und das Gewissen berühren mussten. In einer Welt der Fiktionen wurde die Fantastik in der Form, die Breccia ihr gab, zum besseren Realismus.

Kein Wunder, dass "Gente"- Chefredakteur Carlos Fontanarossa beizeiten keinen Gefallen mehr an der Aktualisierung des "Eternauta" fand. Ein offenbar gefälschter Leserbrief aus seiner Feder, in der eigenen Zeitschrift abgedruckt, mahnte eine "comichaftere", gefälligere Machart an. Da Breccia sich nicht beugte und die Zahl der Kritiker zunahm, raffte Oesterheld die Geschichte zusammen und führte sie früher zum Abschluss. Fontanarossa übte vor den Lesern den Kotau und bedauerte, sich auf die Ästhetik dieser Zeichnungen eingelassen zu haben.

Damit wäre die Geschichte des "Eternauta" auserzählt, hätte nicht die Wirklichkeit eine atemberaubende und schreckliche Reprise angefügt. Der autoritäre Präsident Juan Perón, Witwer der zur politischen Ikone stilisierten Evita, war 1955 entmachtet und ins Exil verbannt worden. In jenen Jahren, als die beiden Versionen des "Eternauta" erschienen, taumelte Argentinien von einer Krise zur nächsten. Rechte Sturmtrupps und linke Guerillas trachteten sich nach dem Leben, dreimal putschte das Militär. Elf Präsidenten kamen und gingen. Perón kehrte 1973 zurück. Aber weder er noch seine Witwe Isabel, die ihm nach seinem Tod im Amt folgte, bekamen die Zustände in den Griff. Inwieweit sie selbst auf Todesschwadronen setzten, ist Gegenstand von Kontroversen bis zum heutigen Tag.

Mit dem Putsch der Generäle um Rafael Videla setzte 1976 die düsterste und gewaltsamste Periode des Landes ein. Die Weltöffentlichkeit schaute am liebsten weg. Außerhalb Argentiniens ließen sich die Menschen vom Musical "Evita" (1978) und dem Hit "Weine nicht um mich, Argentinien" zu Tränen rühren. Der Österreicher Udo Jürgens schmetterte mit der deutschen Fußballnationalelf "Buenos dias, Argentina" und fuhr damit den größten finanziellen Erfolg seiner Karriere ein. Aber im vermeintlichen Sehnsuchtsland verschwanden Tausende in den Folterhöllen des Militärs, die es selbst inmitten von Wohngebieten gab. Sprichwörtlich wurde die Drohung des Provinzgouverneurs von Buenos Aires: "Erst töten wir die Subversiven, dann ihre Kollaborateure, dann ihre Sympathisanten, dann die Gleichgültigen und am Schluss die Ängstlichen." Die Zahl der damaligen Folterzentren wird auf 600 geschätzt.

Francisco Solano Lopez, der erste Zeichner des "Eternauta", floh 1977 nach Spanien. Er kehrte nach der Diktatur zurück und starb 2011. Alberto Breccia, der Zeichner des "Eternauta 1969", wurde in den 1970er-Jahren in Europa populär. Er starb 1993 in Argentinien.

Für Héctor Germán Oesterheld fielen die Kunst und das Leben tragisch in eins. Wie sein Held Juan Salvo angesichts der außerirdischen Invasion, stellte sich Oesterheld gegen die Feinde der Menschheit, die aus dem Inneren der Gesellschaft kamen, und war bereit, den höchsten Preis zu zahlen. Sein Schicksal und das seiner Töchter stellte kürzlich eine Ausstellung im Instituto Cervantes in München dar.

Oesterheld war seit 1950 mit Elsa verheiratet. Die Töchter Diana, Estela, Beatriz und Marina wuchsen in den Krisenjahren vor der Diktatur heran. In der offenen, liberalen Atmosphäre der Familie politisierten sich die Schwestern, traten der peronistischen Jugend bei. Sie begannen, in Elendsvierteln zu helfen und für eine gerechtere Welt einzutreten. Vater und Töchter fielen den Killern der Diktatur zum Opfer, unter nicht restlos aufzuklärenden Umständen. Oesterhelds Enkel wurden - anders als tausende andere Kinder aus widerständigen Familien - nicht von Anhängern der Diktatur adoptiert. Fernando wuchs bei den Eltern seines Vaters auf, Martín bei seiner Großmutter, Oesterhelds Witwe. Fernando: "Als Familie sind wir alle in das Universum katapultiert worden, durch das der Eternauta irrt: in eine andere Dimension, auf der Suche nach unserer Vergangenheit."

Oesterhelds Todesdatum blieb unbekannt, seine Leiche wurde nie gefunden. Mehrere Zeugen, die mit ihm im Gefängnis saßen, berichteten, dass er gefoltert worden sei. Eduardo Arias, der im Januar 1978 freikam, war einer der letzten: Er sah den fast 60-jährigen Oesterheld an Weihnachten 1977 in deprimierender körperlicher Verfassung und drückte ihm die Hand.

Argentiniens Diktator Videla ist 2013 im Gefängnis gestorben. Oesterhelds Ehefrau Elsa gehörte zu den ersten "Müttern der Plaza de Mayo", die seit 1977 öffentlich in der Hauptstadt gegen das "Verschwindenlassen" protestierten. Sie verstarb im Sommer 2015, 90-jährig, in Buenos Aires. Einige Jahre vor ihrem Tod sagte sie: "Es ist 30 Jahre her, dass die Frau, die ich einmal war, verschwunden ist. 30 Jahre vollkommene Leere. In diesem Sinn bin ich tatsächlich so etwas wie ein Eternaut, eine Reisende in der Ewigkeit."

Die Bücher Héctor G. Oesterheld/Francisco Solano López: "Eternauta"; Avant-Verlag 2016, 392 Seiten kosten 39,95 Euro. Alberto Brecchia/Héctor Germán Oesterheld: "Eternauta 1969", Avant-Verlag 2017; 64 Seiten kosten 22 Euro.

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