Aufbruch mit zu kurzen Armen

Lukas Rietzschels Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen" passt ins Heute wie die Faust aufs Auge. Es geht um zwei Brüder in der Lausitz, um Mühen nach der Wende und die Frage nach Anpassung oder Aufbegehren - und dabei kommen Nazis ins Spiel.

Chemnitz.

Nur jede zweite Straßenlaterne eingeschaltet. Halbe Kosten, halbe Kraft. Schon nach wenigen Seiten ist klar: Dieses Buch wird nicht wirklich ein Vergnügen. Und genauso klar: Das ist ein richtig gutes Buch. Lukas Rietzschels erster Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen" erzählt, nein beobachtet Kindheit und Jugend der Brüder Philipp und Tobias in einem Dorf in der Lausitz. Zunächst ein schöner Anfang - die Eltern bauen ein Haus, raus aus dem Wohnblock. Aber wirklich Vorfreude? Tatendrang? Es ist schon da, als müssten sich die Figuren in einer zähen Masse bewegen, als hätten sie Gewichte an den Füßen, versuchten, an einem Gummiband nach vorn zu gehen.

Wie in einem Episodenfilm reihen sich dann prägende Erlebnisse aneinander: Schulanfang für Tobi, Ausflug auf den Balkon der Großeltern, Silvester, Spielen im stillgelegten Schamottewerk, Baden im alten Steinbruch. Ziemlich viel Stillgelegtes, Ehemaliges, Vergangenes überhaupt. Und viel Konjunktiv: Nach der Wende sollte da mal ..., dort wollten sie eigentlich ... irgendwie hatte der Aufbruch zu kurze Arme. Keine Antworten. Sprachlosigkeit.

Philipp kommt zurecht, ist anpassungsfähig, schnell zufrieden. Doch eines Tages ist auf dem Findling im Schulhof ein Symbol gesprüht, das der Lehrer mit einem eilig herbeigeholten Handtuch und sogar mit seinem Körper zu verdecken sucht. Philipp fragt, was das sei und bekommt verwunderte, ungläubige Blicke - aber keine Antwort von seinen Lehrern. Also eigene Recherchen, das Internet immerhin hat es in die Gegend geschafft, und völlig freie Bahn für die Faszination von Stärke, Zugehörigkeit, Kameradschaft ... Philipp sucht die Nähe der Rechten.

Tobias, der Jüngere, ist anders. Sensibler, empathischer, verantwortungsbewusster. Er sieht wirklich, den Blick noch unverstellt von Erfahrung, noch nicht trainiert an alltäglichen vorhandenen oder vermuteten Hindernissen, ohne Vorrat an Ausflüchten und Entschuldigungen. Er sucht verzweifelt nach Orientierung zwischen dem wenigen Gesagten und so vielem Ungesagten.Und weil Rietzschel ein Talent hat, mit ein paar Worten ein ganzes Panorama zu öffnen, weil er im Alltäglichen den entscheidenden Moment findet, das wirkungsvollste Detail, die treffendste Situation, leidet sich der Leser mit Tobias durch dessen Verluste: den Tod des Großvaters, die Trennung der Eltern, scheinbar kampflos, den einen Freund an den Westen verloren, den anderen an Drogen und Knast. Und keine Perspektive. Nirgends. Nur Flüchtlinge, die den Garten der Großmutter haben wollen oder in seine alte Grundschule einziehen. Warten, dass etwas passiert. Endlich etwas tun.

Und so kann der Leser auch Tobias wachsenden Drang nachempfinden, aufzuhalten, was nicht passieren soll, zu ändern, was sich nicht gut anfühlt, endlich etwas zu tun.

Philipp, der eigentlich am besten hierher passt, weil er sich anpassen kann, wenig ambitioniert, zufrieden ist mit dem, was er hat, wird am Ende - versteh einer die Welt - von seiner eigenen Trägheit gerettet. Er fliegt raus bei den Nazis, zu wenig engagiert, Mitläufer sind Scheiße. So ist er frei für einen eigenen Weg.

Tobias dagegen fühlt sich verlassen vom Bruder, verraten von der Familie. Also läuft er weiter, weil irgendwer doch etwas tun muss, weil er sich verantwortlich fühlt für die, die nicht verstehen. Zu wenig Engagement ist nicht sein Problem. Trotzdem hofft er bis zur letzten Sekunde, dass Mutter und Bruder sich einmischen, nur einmal nicht alles laufen lassen, dass sie ihn abbringen wollen, aufhalten, es wenigstens versuchen. Aber in seiner Welt sind die Nazis die einzigen, die überhaupt etwas tun. Und dann wird Gedanke Tat.

Lukas Rietzschel wurde 1994 geboren. Er beschreibt, was er und andere gesehen und erlebt haben. Leider noch keine blühenden Landschaften. Aber kein Zeigefinger, keine Schuldzuweisung. Zu Recht ausgezeichnet mit dem Retzhof-Preis für junge Literatur. Ein kluger, fairer und hilfreicher Beitrag zu einer Diskussion, die überfällig ist angesichts dessen, was derzeit geschieht. In einem Dorf in der Lausitz, in Chemnitz, in Deutschland.

Das Buch Lukas Rietzschel: "Mit der Faust in die Welt schlagen". Verlag Ullstein. 20 Euro.

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