Aus dem Rahmen gefallen

Der Leipziger Schauspielchef Enrico Lübbe inszeniert an der Oper Leipzig Richard Wagners "Tristan und Isolde" - und fügt der Vorlage Schlüssiges hinzu.

Leipzig.

Wenn Ulf Schirmer am Pult des Gewandhausorchesters steht und eine Partitur von Richard Wagner aufschlägt, dann kommt nicht nur der körperlich kleine, aber an Nachruhm übergroße Leipziger erstklassig zu Ehren. Dann hat der Chef der Oper auch das gewaltige Finale im Blick, mit dem er seine Intendanz im Sommer 2022 mit allen 13 Wagneropern - sozusagen am Stück - krönen wird. Mehr geht nicht. Und zwar weltweit!

Enrico Lübbe steuerte jetzt "Tristan und Isolde" zu diesem klingenden Neuschwanstein bei. Nach Manfred Trojahns "Orest" (2013, Hannover), Alban Bergs "Wozzeck" (2017, Erfurt) kam mit Elektra von Strauss (im März in Bonn) der Leipziger Großmeister schon in Sichtweite. Auch dort erzählte er etwas mehr, als in der Vorlage steht, lieferte ein Quantum Psychologie mit. So, wie er sie der Musik abgelauscht hat. Dass Lübbe dabei dem Horror vacui auch mal mit einer Spur zu viel Aktion begegnet, mag dem Schauspielregisseur zuzuschreiben sein. Meistens wirkt jedoch höchst schlüssig, was er hinzufügt. So wie im zweiten Aufzug, wenn die Musik in nervöser Erwartung des Kommenden anhebt. Da sieht man wie Melot den König tatsächlich zur (Schein-)Jagd drängt, mit ihm zusammen vor den Augen Isoldes entschwindet und so die Falle für Tristan und Isolde stellt, vor der Brangäne vergeblich warnt.

Oder im dritten Aufzug, wenn der auf den Tod verwundete Tristan in den Fieberfantasien Isolde wortreich als rettende Ärztin herbeisehnt und er sie in mehr als einem halben Dutzend Erscheinungen auf der Bühne tatsächlich herumgeistern sieht. Der Neon-Rahmen, mit dem Bühnenbildner Étienne Pluss das metaphorische schwarze Loch der Bühne umrahmt, hat doppelte Bedeutung. Er ist was er ist: ein Neonrahmen.

Aber er liefert auch die Grenze zwischen den Welten. Zwischen Tag und Nacht, dem Reich, das der Liebe entgegensteht, und dem des Todes, in das sich Tristan sehnt, weil er sich dort sicher mit Isolde vereint wähnt. Dahinter: eine kongeniale, höchst sinnliche, aber nicht eindeutig fassbare Installation auf der Drehbühne. Eine Mischung aus Raum- und Schiffsversatzstücken. Zerstört und irgendwie wieder aneinandergefügt, ergeben sie einen Innen-und-Außen-Raum, ein Gestern und Morgen, eine be- und entgrenzte Welt zugleich. Von hier fliehen Tristan und Isolde durch die vierte Wand zu sich. Außerhalb, dicht an der Rampe, sind sie uns am nächsten. Von hier aus beobachtet Tristan aus dem Reich des Todes Isoldes Liebestod. Gemeinsam entschwinden beide nach hinten, ins Irgendwo. Das ist packend, sinnlich und gescheit inszeniert.

Gesungen wird großartig: Faszinierend wortverständlich die dunkel eloquente Brangäne Barbara Kozeilj - Jukka Rasilainen war der Einspringer als Kurwenal. Sebastian Pilgrim ist ein großformatiger, wirklich leidender König Marke, bei dem man aufmerkt, wenn er von seiner Liebe zu Tristan redet.

Vor allem in den beiden Titelpartien wird geglänzt. Meagan Miller ist eine wunderbar strahlende, ohne Überdruck leuchtende und obendrein attraktive Isolde. Daniel Kirch, der im Chemnitzer Ring mit beiden Siegfrieden Furore gemacht hat, ist auch als Tristan (er hat ihn in Lyon vor zwei Jahren schon einmal gesungen) deutlich gereift und visiert die Spitzenriege der Wagnertenöre für die nächsten Jahre an! Großartig!

Gegen den offenen Graben, gegen den nun mal jede Tristan-Besatzung außerhalb Bayreuths ansingen muss, halten sie allesamt stand, und Schirmer kommt ihnen meistens sensibel entgegen.

Weitere Vorstellungen von "Tristan und Isolde" an der Oper Leipzig am 12. Oktober und 10. November 2019 sowie am 14.März und 1. Juni 2020, jeweils ab 17 Uhr. Kartentelefon: 0341 1261261.

www.oper-leipzig.de

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