Ausgezutscht! - das Ende der Plastik-Trinkhalme

Der Trinkhalm aus Plastik soll bald der Vergangenheit angehören. Die EU will nach der Glühbirne nun den nächsten Alltags-Gegenstand verbieten. Damit endet nicht nur ein Stück Trinkkultur. Ob die Meere wirklich sauberer werden, wenn Europa am Papierhalm hängt, muss sich erst noch zeigen.

Chemnitz.

Die Sonne versinkt langsam im Meer. Der Sun-Downer steht eisgekühlt bereit. Ein Aperol-Spritz leuchtet orange in den letzten Strahlen dieses Tages. Dem ersten Schluck folgt Aversion. Der Trinkhalm ist aus Papier, stumpf klebt das Teil an der Zunge. Genuss unmöglich.

Auf Mallorca ist zum Teil Wirklichkeit, was die EU vor drei Tagen beschloss: das Aus des Plastik-Trinkhalms. Auf der Sonneninsel bekommt man jetzt schon seinen Cocktail samt Papier-Trinkhalm serviert. Das mag auf den ersten Blick ökologisch ein Fortschritt sein - ein Genuss ist es definitiv nicht! Die stumpfe Oberfläche des Halmes bleibt an den Lippen hängen. Wird alles nass, dann kommt der typische, pelzige Papiergeschmack. Es erinnert ein bisschen an die Kindheit, wenn an einem Bonbon noch Papier klebte und man diesen aus Versehen schon im Mund hatte.

Doch die EU hat das Aus der geschmacksneutralen Plastikröhrchen am Mittwoch beschlossen. Zwar wird es noch ein paar Jahre dauern, aber ein fader Beigeschmack bleibt immer, wenn das Parlament in Brüssel den Bürgern beliebte Alltagsgegenstände verbietet. Man denke nur an die Glühbirne, die 2009 verschwinden musste, wegen Ineffizienz. Stromsparen sollte jeder. Mittlerweile gibt es Studien, die belegen, dass das bei der Beleuchtung gelungen ist, doch der Stromverbrauch hat sich trotzdem seither um ein Drittel erhöht - zum Beispiel durch mehr Handys.

Irgendwann darf also in der EU nicht mehr durch Plastik an einem Getränk genippt werden. Papier soll in den Drink. Damit wird sich der Trinkgenuss verändern. Denn das bunte Ding weicht nach 20 Minuten spätestens durch. Die Folge: Der Halm knickt und zieht sich beim Saugen zusammen - nix kommt mehr.

Dabei ist diese Art der Trinkkultur keine Neuerfindung. Alles begann mit dem Strohhalm, der - wie der Name besagt - aus Stroh bestand. Ein mehr als 5000 Jahre altes Siegel der Sumerer zeigt zwei Männer, die aus Trinkhalmen Bier trinken. So wollte man zum Beispiel verhindern, dass im Getränk befindliche Feststoffe konsumiert werden. Der Trinkhalm als eine Art Sieb.

Kampf der Einweg-Plastik heißt es nun aus Brüssel und die meisten Europäer würden sofort zustimmen. Doch wie so oft ist die geführte Debatte höchst seltsam. Gigantische Zahlen werden präsentiert, um das Verbot von Trinkhalmen, Wattestäbchen und Plastikgeschirr zu rechtfertigen. Die EU veröffentlicht auf ihrer Website, 4,8 bis 12,7 Tonnen Plastik landen jährlich in den Meeren. Wie man auf diese Zahlen kommt, verrät die bunte Grafik nicht, nur dass es sich um eine Schätzung handelt. Dass Plastik-Müll in den Ozeanen ein Problem ist, das hat sicher jeder Europäer längst verstanden. Nur wie kommt der Abfall dahin? In Deutschland wird Müll getrennt, recycelt und verbrannt. Jede heimische Party mit Plastikbesteck landet in der gelben Tonne, nicht im Ozean. China gilt als Hauptverursacher von Plastikmüll im Meer - auch weil offenbar europäischer Müll in das Land exportiert wird. Doch werfen die Chinesen wirklich weniger Plastik in den Ozean, wenn die Europäer aus Papierhalmen trinken?

Ende der 1960er-Jahre kamen die ersten Plastikhalme auf den Markt, damals noch starr. Der Bayer Horst Veith entwickelte das Produkt um ein entscheidendes Detail weiter: Er ist der Erfinder des Knicks im Trinkhalm. Doch auch damit wird es bald vorbei sein. Denn die Alternativen aus Papier, Metall, Glas oder Bambus sind wieder schnurgerade. Aber vielleicht erlebt ein Begriff aus DDR-Zeiten so eine Renaissance. Denn wenn alle Knicktrinkhalme verschwinden, wäre es wieder Zeit für das in Ostdeutschland bekannte Trinkröhrchen.

So konsequent wie das Aus des Plastikhalmes beschlossen wurde, so inkonsequent ist die EU bei einem anderen Einweg-Plastik-Artikel. Die oft mit Helium gefüllten Folienballons soll es auch weiterhin geben - allerdings ohne den Plastikhaltestab. Bei 513 Millionen Europäern sollte man aber schleunigst eine Verordnung erlassen, dass jeder nur einen Ballon pro Jahr verschenken darf ...

Frühestens 2021 wird das Einweg-Plastik-Verbot in Kraft treten. Noch ein bisschen Zeit, um geschmacksneutral Abschied zu nehmen, bevor es dann endgültig heißt: Ausgezutscht!

Bewertung des Artikels: Ø 3.7 Sterne bei 7 Bewertungen
2Kommentare
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  • 7
    1
    Goschi
    28.10.2018

    Meiner Meinung nach kommt es mehr auf Wiederverwertung als Verbote an. Wenn unsere Kunststoffröhrchen gar nicht im Meer entsorgt werden, im Gegensatz zu China, was bringt das dann. Was bringt der biodieselzusatz, wenn dafür landwirtschaftliche Fläche verschwendet wird? Was bringt das Elektroauto, wenn alle vier Jahre Batterien vielleicht in China entsorgt werden und der Strom aus Kohle gewonnen wird? Alles solche Entscheidungen.
    Ich kenne noch aus kinderzeiten den Strohhalm, den hat man mit ähnlicher Begründung abgeschafft.

  • 4
    7
    Saschlander
    28.10.2018

    Unverantwortlicher Artikel.



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