Barock ganz ohne Pomp

Es war ein Experiment - und es hat sich gelohnt. Am Donnerstagabend ist das diesjährige Musikfest Erzgebirge eröffnet worden. Anders als sonst, aber nicht weniger überraschend.

Annaberg-Buchholz.

Ein Zirkuszelt mitten in Annaberg-Buchholz? Das ist an sich nichts Ungewöhnliches. Aber das Zelt, das seit wenigen Tagen auf dem Marktplatz der Stadt steht, ist ungewöhnlich. Nicht nur seiner Form wegen. Denn von außen ist es auf den ersten Blick keineswegs als klassisches Zirkuszelt auszumachen. Kein Wunder also, dass sein Aufbau schon für reichlich Diskussionsstoff in der Stadt gesorgt hat.

Seit Donnerstagabend ist nun das Geheimnis um den von außen eher schlicht wirkenden Rundbau aus reichlich Holz gelüftet: Im nahezu ausverkauften Zelt erlebten an die 500 Gäste die Premiere der "Barocken Zirkusträume" mit. Die gibt es bei der fünften Auflage des Musikfestes Erzgebirge als besondere Attraktion zu erleben - neben zahlreichen hochkarätigen Konzerten, die ohnehin das Programm des alle zwei Jahre stattfindenden Festes ausmachen. Die großen musikalischen Traditionen des Erzgebirges mit moderner Hochkultur zu verbinden, das war vor acht Jahren die Intention von Hans-Christoph Rademann - an ungewöhnlichen Orten, mit ungewöhnlichen Ideen. Ein Traum des Schwarzenbergers, der sich 2010 mit dem Musikfest erfüllt hat. Und "Träume" sind auch das Thema der diesjährigen Veranstaltung, die noch bis zum 16. September an verschiedenen Orten des Erzgebirges gastiert. Rademann zieht als Intendant auch in diesem Jahr wieder die Fäden.

Das äußerlich eher unscheinbar wirkende Zelt ist nicht nur seiner Form wegen ungewöhnlich. Es ist es vor allem seines Inhaltes wegen. Denn die Einrichtung hat genauso wenig mit den heute üblichen Zirkusmanegen zu tun wie auch die Vorstellung. Vielmehr erinnern die acht Artisten an die Anfänge des modernen Zirkus', als dessen Begründer der britische Offizier Philip Astley gilt, der 1768 in seiner Reitschule neben seinen Pferdedressuren auch Akrobatik, Jonglage und Clownerie zeigte. Ganz ohne den sonst im Barock üblichen Pomp balanciert Silke Adolph auf dem schmalen Drahtseil und auf noch schmaleren Flaschenhälsen, schwingt sich Julia Grote unter der Zirkuskuppel durch den Luftring, lässt Petra Lange am Vertikalseil ein ums andere Mal bei den Gästen den Atem stocken, begeistert Johannes Dudek mit seinen fliegenden Diabolos, lässt Lukas Köster die Bälle tanzen, rollt sich Ole Lehmkuhl im mannshohen Reifen durch die Manege und beweist Florian Zumkehr, dass sich auch mit einem alten Stuhl tolle Akrobatik machen lässt. Und zwischendurch bringt Sebastian Matt mit seiner vielfältigen Clownerie das Publikum regelmäßig zum Lachen. Ein 90-minütiges Programm, eigens für das Musikfest wunderbar choreografiert vom Zirkusexperten Tim Schneider aus Berlin, das zu keiner Sekunde langweilig wirkt und damit zugleich den Beweis antritt, dass Zirkus eben auch ganz ohne wilde Tiere auskommen kann. Denn auch in Annaberg-Buchholz gilt mittlerweile auf städtischen Flächen ein Wildtierverbot für Zirkusse - eine Entscheidung, die nicht unumstritten war.

Maßgeblichen Anteil an der gelungenen Vorstellung haben aber auch die zwölf Musikerinnen und Musiker des Barockorchesters "La Folia" unter der musikalischen Leitung von Robin Peter Müller. Sie hüllen mit ihren historischen Instrumenten, aber vor allem mit ihrem zauberhaften Spiel das Geschehen in der Manege ein in die "Hits" der Barockzeit von Vivaldi, Purcell und Bach beispielsweise. Gemeinsam gestalten so alle einen Abend, der nicht nur zum Träumen einlädt, sondern das Publikum auch zu stehenden Beifallsbekundungen und langem Applaus animiert.

Weitere Vorstellungen der "Barocken Zirkusträume"gibt es am 8., 10. und 11. September jeweils 15 und 19.30 Uhr sowie am 9. September 11 und 14 Uhr. Das ausführliche Programm des Musikfestes Erzgebirge ist im Internet zu finden.

 

www.musikfest-erzgebirge.de

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