Bei Marxens unterm Sofa

Auf der Opernbühne in Bonn kommt die Familie Karl Marx unter die Lupe

Bonn.

Marx als Held einer komischen Oper? Eine Ikone ist er ja schon. Für Anhänger wie Gegner. Zum 200. Geburtstag in diesem Jahr haben die Chinesen seiner Geburtsstadt Trier ein Denkmal zukommen lassen. Damit müssen die Trierer erst mal klar kommen. Der "Nischel" in Chemnitz ist schon weltberühmt. Seit kurzem (leider) als Demo-Hintergrund noch berühmter. Die Oper in Bonn unter ihrem Chef Bernhard Helmich, der 2006 bis 2013 Generalintendant des Chemnitzer Theaters war, hat aus dem Jubiläums-Anlass eine Marx-Oper beim englischen Erfolgskomponisten Jonathan Dove beauftragt.

Die Musik des Briten will erkennbar bleiben, setzt auf einen so eingängigen wie bühnentauglichen Sound, der deutlich gehaltvoller als übliche Musical-Meterware daher-kommt, aber das musikalische Rad (bewusst) nicht neu erfindet. Klar, dass eine "Komödie" oder "komische Oper" mit dem Titel "Marx in London" kaum dessen Stammplatz in der British Library im Auge haben kann. Der dauerverschuldete Familienvater, der das Geld erklärte, aber nie genug davon hatte, gibt mehr her. Geistesgrößen wie Marx, die ihren Namen für ein ganzes Gesellschaftssystem hinhalten mussten, halten so was aus. Dass Librettist Charles Hart etwas unscharf wird, wenn es um die Ware Arbeitskraft geht, muss man wohl hinnehmen. Es ist eben ein komplexes Thema.

An einem Tag im Jahre 1871 sind der Familie die Möbel unterm Hintern weggepfändet worden. Über ihr schwebt ein überwachender Spion, der nicht nur geistige Bombenwerferei aus dem Hause Marx befürchtet. Marx selbst versucht ungeschickt, mit dem Familiensilber Unheil abzuwenden, und der großherzige Freund Engels verhindert das Schlimmste. Aus den versammelten Klischees zum Thema Marx privat haben Hart und der auch in Chemnitz schon Regie führende Jürgen R. Weber (als Regisseur und als Autor des Szenarios) eine Komödie gestrickt. In der macht sich der uneheliche Sohn von Marx und dessen Haushälterin Helene als Klavierlehrer an die Tochter des Hauses Marx Eleanor ("Tussi") ran und rettet dem Papa das Leben, als ihm ein Anarchist auf die Pelle rückt.

Gesungen wird englisch, schließlich wurde bei Marx in London vor allem englisch geredet. Die Oper Bonn bietet erstklassige Protagonisten auf. Mark Morouse panzert sich mit Stimmkraft und historischer Marx-Maske erfolgreich gegen latente Verkleinerungsversuche aufs Witzfigurenformat. Yannick-Muriel Noah treibt ihren Hausdrachen Jenny, die Frau von Marx, bis ins gerade noch nachvollziehbare Maß. Marie Heeschen als Tochter Tussi und Christian Georg als unehelicher Sohn sorgen wie der Rest des Personals für Komödiantenwürze. Ausstatter Hank Irwin Kittel hat eine zeitgeistige Melange aus urbaner Maschinen-Ästhetik hinter Sepia-Schleier gebaut, bei dem der Marxsche Haushalt in Einzelstücke auf Rädern versammelt ist. Zum Finale werden die Waffen des Sohnes von den Arbeitern auf Marx gerichtet, einer hält dem Übervater Hammer und Sichel hinterm Kopf hoch. In Bonn stieß das beim Publikum auf Anklang. www.theater-bonn.de

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