Casper-Komponist TiKay One aus Chemnitz startet als Tom Finster in einen grandiosen Klang-Kosmos

Der Elektronik-Komponist und -Produzent Thomas Küchler aus Chemnitz gehört zu den Großkönnern seines Fachs. Nun hat er unter dem neuen Projektnamen Tom Finster Musik geschaffen, die auf verblüffend betörende Weise sein ganzes Genre durchschreitet.

Chemnitz.

Es gibt kaum eine hilflosere Genreschublade als die der "Elektronischen Musik". Der Zuckerbäckerpop aus den Hitparaden passt da ebenso rein wie die Galerie-Klanginstallation, die Palette reicht von ultrarabiaten Dance-Eskapaden bis zu kaum wahrnehmbaren, ätherischen Klangnebelschleiern. Anspruch und Belanglosigkeit liegen in kaum einem Gebiet der Musik so nah beieinander - und gleichzeitig sind die stilistischen Grenzen nirgendwo so offen wie hier: Elektronische Musik, das ist der trocken nagelnde Minimal-Funk ebenso wie der detailreiche Quasiklassik-Soundtrack, das formlos dissonante Lärmgebirge wie der rätselfreie Klischee-Baukasten. Das macht elektronische Musik einerseits zur allgegenwärtigen Zutat fast jeder halbwegs modernen Musik - andererseits aber auch zum Spezialistendschungel, in dem man Heerscharen von Freaks aus diversen Subgenres allein auf dem Gebiet der elektronischen Tanzmusik bereits dadurch kränken kann, dass man alles von EBM bis Drum'n'Bass unkundig-salopp als "Techno" bezeichnet.

Nebeneffekt: Obwohl sich Myriaden von Musikern und Musikbegeisterten vor Laptops oder an Keyboards in die elektronische Musik stürzen, schaffen es nur wenige Könner, diesem überbordenden Kosmos dauerhaft Beeindruckendes abzuringen - und von denen hat es wiederum der größere Teil schwer, sich auf größerer Bühne Gehör zu verschaffen. Kleines Gedankenexperiment: Wie viele nennenswerte Bands oder Künstler aus dem Segment "handgemacht" fallen Ihnen spontan ein - und im Gegensatz dazu wie viele Elektronik-Könner?

Thomas Küchler gehört zu letzteren. Ihn sollte man kennen, doch seine zahlreichen Künstler- und Projektnamen kennt außerhalb der Musikszene seiner Heimatstadt wohl nur, wer gern das Kleingedruckte auf CDs liest:Als "Tikay One" etwa schrieb Küchler Songs für Caspers "Xoxo"-Album, im Duo "Donkong" mixte, schrieb und produzierte er am großartigen Debüt-Album des Erfurters Dissy mit. Der gebürtige Erlabrunner arbeitete mit The-Prodigy-DJ Leeroy Thornhill ebenso zusammen wie mit Kraftklub ("500k").

Musik unter eigener Flagge, das Projekt Kosmo etwa,blieb dagegen bisher nur einem kundigen Kreis von Elektronik-Gourmets vorbehalten. Doch das sollte sich ändern: Als Tom Finster hat Küchler nun Stücke veröffentlicht, die alle Synapsen auf Hab-Acht-Stellung kämmen: Er verbindet darin mit bemerkenswerten Geschick so ziemlich alles, was an elektronischer Musik reizt - und er schafft es, dass dabei kompakte, schlüssige Musikstücke entstehen, kleine Meisterwerke von fast kammermusikalischer Qualität, die jedoch direkt am Nervensystem der Popkultur andocken.

An der EP "Phantom Power/Element 115" wirkt dabei erst einmal alles so bizarr, wie man das als Außenstehender von derartiger Musik gewöhnt ist: Abstrakte Grafik, wenig direkte Identifikationsfläche, nur gelegentliche Stimm-Samples statt irgend einer Form von Gesang. Ersten Kontakt stellen dann die tiefen Wurzeln Küchlers im Skrillex-EDM vom Beginn der Zehner-Jahre her. Und dann öffnet sich eine Welt: Sein Tom Finster verwendet alles von Drum'n'Bass-Grooves über epische Orchestersamples, von schrillen Tonsynthese-Kunststücken über behutsam geschichtete Ambient-Layer, von knackigen Subgenre-Codes bis zur freien Assoziation - und schafft dabei immer wieder die Punktlandung eines ebenso komplexen wie erfassbaren Klanggemäldes. Das ist man in dieser Qualität bestenfalls von Großmeistern wie den Niederländern Noisia gewohnt.

Doch selbst hier hinkt der Vergleich, denn mit deren deutlicher Tanzclub-Orientierung hat der Chemnitzer nur bedingt zu tun. Erstens: Tom Finster versteht es bei aller freien Assoziation, seinen Stücken immer wieder mit ausgeklügelten Harmonien und Melodien gut greifbare Strukturen zu verpassen. Da ist nichts nur Mittel zum effektvollen Zweck, das berührt auch atmosphärisch so tief, dass man sich mitunter klassische Arrangements von Tracks wie "Let Me Have A Crisis" oder "Space Is Empty" vorstellen kann - wäre da nicht diese Kunst, Klänge elektronisch so wunderschön zu formen. Wo andere Elektronikmusiker zu oft nur aus der reinen Faszination von überbordenden Möglichkeiten zu Manipulation von Klangfarbe schöpfen, agiert Küchler wie ein Maler, der die Wirkung eines jeden Pinselstrichs gekonnt setzt. Zweitens ist Tom Finster tief von Ambient-Musik inspiriert, hat sie im Kern verstanden. Zuckende Ausbrüche bilden bei ihm nur nervöse Zivilisationsblüten auf einer stoisch wogenden Seelenlandschaft. Irdisches und Überirdisches schmilzt fassbar in Pop, in Dance, im Experiment - das ist alles so tief und übergroß und bedarf in seiner Fühligkeit doch nicht des Intellekts. Der Filmregisseur, der diese Musik zuerst als große Kulisse für einen leisen Überwältigungsstreifen entdeckt, dürfte einen großen Wurf landen. Fans von Trent Reznor (Nine Inch Nails) dürften hier ebenso ihr neues Glück finden wie Freunde von Kiasmos (Òlafur Arnalds).

Oft ist bei den Stücken von Tom Finster der Titel Text genug, um den Leitfaden der jeweiligen Bild-Idee fassbar zu machen. "Phantom Power" etwa erzählt von der Kraft des Stress, die uns in so vielen Momenten zu beflügeln versteht - um uns letztlich doch leerzusaugen: Eine gefährlich irrige Geisterkraft, ohne die man aber kaum durch die heutige Zeit zu kommen scheint. Oder besagtes "Let Me Have A Crisis", das das Durchleben von Irrungen an der so verlockenden wie abgründigen Kante der Melancholie ausmalt.

Die Musik von Tom Finster findet man, ganz im Wesen der Zeit, nicht mehr auf physischen Tonträgern, auch wenn Küchler selbst großer Vinylfreund ist, der seine Lieblingsmusik gern im Schrank hat: Tom, Finster findet man auf Spotify.

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