Charly Hübner: "Ich wollte schnell in die Pyrenäen"

Der Schauspieler über Erlebnisse mit Asterix, aus DDR-Comics gespeistes Fernweh, Keilereien im wahren Leben und Deutschland im Jahre 2019

Im neuen Animationsfilm "Asterix und das Geheimnis des Zaubertranks" steht Druide Miraculix im Mittelpunkt. Der Erfinder und Bewahrer des legendären Zaubertranks fällt beim Mistelschneiden vom Baum und realisiert, dass das Alter ihm zusetzt: Ein würdiger Nachfolger muss her, den der Druide gemeinsam mit Asterix und Obelix auf einer Tour durch Gallien sucht - und alle Männer des Dorfes reisen hinterher. Dummerweise will der hinterhältige Dämonix die magische Formel unbedingt beschaffen und verbündet sich dazu mit den Römern. Die daheimgebliebenen Frauen müssen also das Dorf allein verteidigen. Deutscher Sprecher des Obelix ist Charly Hübner. André Wesche hat mit ihm gesprochen.

Freie Presse: Herr Hübner, diesmal hatten Sie beim Synchronisieren von Obelix etwas weniger zu tun, oder?

Charly Hübner: Als der zweite Film auf uns zukam, fanden wir alle interessant, dass Asterix und Obelix diesmal Teil einer Gruppe sind. Ausgerechnet in Zeiten wie diesen, in denen sich die ganze Welt infrage stellt oder infrage gestellt wird, macht man einen Film über das Geheimnis des Zaubertranks. Das ist ja nichts anderes als die Frage, was uns eigentlich ausmacht. Dass unsere geliebten Protagonisten da diesmal "nur" Wegbegleiter sind, finde ich konsequent. Sie zehren ja auch von der Kernidee der Geschichte - vom Zaubertrank. Und da kann es dann nur um Miraculix gehen!

Was prädestiniert Sie für die Sprechrolle des Obelix?

Das weiß ich nicht, da müssen Sie die Verantwortlichen fragen. Ich habe mich einfach nur sehr gefreut, nun zum zweiten Mal mitzumischen. Ich fand die Idee des französischen Kollegen Guillaume Briat toll, der Obelix im Originalfilm gesprochen hat: dass er die Figur als Riesenbaby spricht und weniger Testosteron reinpackt als in früheren Filmen. Asterix und Obelix sind keine normalen Männer, sondern zwei Jungen, die alt geworden sind.

Hatten Sie in der DDR Zugang zu West-Comics?

Ich selbst nicht, aber ich hatte Schulfreunde, die Westverwandtschaft hatten. So sind die Comics auch in mein Leben hineingerutscht. Außerdem wurden einige Asterix-Filme auch im DDR-Kino gezeigt. Bei einem Freund bin ich auf ein "Asterix"-Heft gestoßen und war sofort angefixt. Dann hat es Jahre gedauert, bis man mal ein zweites in Händen hielt. Man hat diese Konstellation zuhause sofort übernommen. Ich als der große war natürlich Obelix, und mein kleiner Bruder war Asterix. Dass der eine die Ideen hat und der andere sie umsetzt, machen wir eigentlich bis heute. (lacht)

Sind Sie, wie Obelix, eher faul veranlagt oder doch eher Hans Dampf in allen Gassen?

Ich pflege eine große Liebhaberei zum Faulsein. Aber um Hans Dampf komme ich nicht herum. Das muss sein. Auf jeden Fall. Ich war immer schon ein unruhiges Wesen und bin auch gern aus der Heimat aufgebrochen, um zu gucken, was es sonst noch so auf der Welt gibt. Aber dann muss ich wieder faulenzen.

Waren Sie selbst schon einmal in eine zünftige Keilerei verwickelt?

Nur als Teenager, wenn es um Mädchen ging. Da haben wir uns doch öfter die Fäuste in die Gesichter gesteckt. Als dann Anfang der 90er-Jahre von der rechten Seite diese harten Fronten aufgemacht wurden, nach denen alles verprügelt gehört, was nicht rechts ist, waren wir einfach mit drin, ohne es von uns aus zu wollen. Dem konnte man sich nicht entziehen. Deshalb bin ich dann auch in die Hauptstadt gegangen. Seitdem gab es nie wieder Keilereien. Toi, toi, toi!

Obelix gehört zu den wenigen internationalen Stars, die nicht immer mit Idealgewicht glänzen. Sollte er in dieser Hinsicht ein Vorbild sein?

Unbedingt. Das muss so sein. Jeder hat das Gewicht, das die Seele will. Wenn die Geschichte stimmt, ist Obelix als Kind in das Fass mit dem Zaubertrank gefallen und hat sehr früh sehr viel Energie in sich aufgenommen. Was der alles hat: Ein riesiges Herz, riesig viel Liebe, großen Idealismus und natürlich auch grenzenlosen Hunger. Diese Figur muss so aussehen, alles andere wäre eine Lüge.

Mit welchen Kinderbüchern und -filmen sind Sie aufgewachsen?

In der BRD hatte man ja den "Zauberer von Oz" aus Amerika, im Osten gab es mit dem "Zauberer der Smaragdenstadt" von Alexander Wolkow den sehr gelungenen Versuch, diese Geschichte zu imitieren. Ich habe die ganzen Wolkow-Bücher gelesen. Dann gab es natürlich die Filmchen mit "Hase und Wolf", "Lolek und Bolek" und dem "Maulwurf". Die großartigen sowjetischen Kinderfilme wie "Der Hirsch mit dem goldenen Geweih" oder "Die feuerrote Blume". Und als Comics natürlich die "Digedags" und die "Abrafaxe", das interessante Experiment, die amerikanische und westeuropäische Comic-Tradition mit ganz eigenen Geschichten zu kopieren. Die Helden waren immer auf Reisen, bei den Indianern, bei den Edelleuten in Spanien oder bei den Rittern in England. Heute frage ich mich, wie viel an Sublimität oder an subversiven Informationen da reingesteckt wurden, damit wir Kinder abseits des ideologisierten Weltbildes der DDR auch andere Ideen entwickeln konnten. Bei mir haben die Comics großes Fernweh ausgelöst. Ich wollte ganz schnell in die Pyrenäen.

Fühlen Sie sich im Deutschland von 2019 in Ihrem persönlichen Umfeld manchmal wie in einem gallischen Dorf, das vom ganz realen Wahnsinn umgeben ist?

Nicht mehr als sonst. Es fühlt sich jetzt vielleicht anders an, weil medial extrem oft mit dem Finger darauf gezeigt wird. Ich bin in der DDR großgeworden. Die gibt es nicht mehr. Ich habe als Student in einer Stadt gewohnt, in der es keinen Potsdamer Platz gab, der zugebaut war. In einer Stadt, in der jahrelang die "Love Parade" stattfand und wo soziale Diversität extrem ausgelebt wurde. Heute ist vieles davon nicht mehr da. Damals gab es krasse Dynamiken. Zwei Golfkriege fanden in dieser Zeit statt, und es stand sogar die Frage im Raum, ob wir nicht dorthin eingezogen werden. Die Infragestellung dessen, was ist, ist mir total vertraut. Mich erstaunt eher die Überraschung mancherorten darüber, dass ein System nicht auf ewig in Stein gemeißelt ist. Das ist der Vorteil unserer "Ost"-Erfahrung, dass eine Heimat schon mal abgehakt wurde. Klar, wenn man ein schönes Leben führt, hat man die Angst, dass manches verloren geht, wenn sich etwas verengt oder wenn sich das System komplett verschiebt. Aber es gibt auch Menschen, denen es nicht gut geht. Und deshalb gibt es die Gelbwesten. Oder völkische Sehnsüchte, die ich nicht teile, weil ich die Idee dahinter nicht verstehe. Ich kann es aber total nachvollziehen, dass man aufschreit, wenn es einem nicht gut geht und die Werbung einem jeden Abend suggeriert, dass es einem doch auch gut gehen könnte. Wenn man merkt, dass die eigene Wirklichkeit zu der vorgespielten Illusion ,für immer', bis zur Rente, in einem Widerspruch stehen wird, dann verstehe ich, wenn man sich irgendwo einen Raum sucht, in dem man den Schrei raushaut. Für Kinder mögen Asterix und Obelix diese Comic-Figuren sein. Mich interessiert, wie diese Gemeinschaft funktioniert. Es ist ein kleines Dorf, in dem jeder seine Rolle hat. Der Schmied braucht natürlich den Fischhändler als Widerpart. Wenn er nur den Sänger hätte, wäre der schon längst tot. Er braucht jemanden, der seiner Kraft gegenüberstehen kann. Und so ist das gesamte Dorf sortiert, auch die Frauen. Aufgrund dieses Systems ist man in der Lage, einer imperialen Macht wie Rom zu widerstehen. Diese Gemeinschaftsidee ist libertin und respektvoll gegenüber allen anderen. Trotzdem wollen die Gallier auch etwas Eigenes behalten, nämlich den Zaubertrank. Das Thema des Filmes ist: Was ist die Essenz von unserem Wesen? Was wollen wir wirklich bewahren?

Als Regisseur haben Sie sich bislang dem Dokumentarfilm gewidmet. Ist das Ihr Ding oder auch eine Vorübung für einen Spielfilm?

Wenn alles gut geht, wird es in zwei oder drei Jahren einen Spielfilm geben. Aber das ist noch nicht spruchreif. Eigentlich bin ich zur Regie gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Es wurde von außen an mich herangetragen. Irgendwann habe ich den Widerstand aufgegeben, weil Monchi Gorkow von Feine Sahne Fischfilet eine tolle Figur ist, die polarisiert. So jemanden im Kino vorzustellen, hat mich sehr gereizt. Regie ist ein ganz anderer Job, der mit dem Schauspielerberuf überhaupt nichts zu tun hat. Man trägt die ganze Verantwortung und muss viele, viele Frage beantworten. Aber wenn der Inhalt es erlaubt, dass man sich wirklich jahrelang da hineinversetzen möchte, würde ich auch Spielfilmregie machen.

Sie haben 2017 am Hamburger Schauspielhaus in "Der goldene Handschuh" nach dem Roman von Heinz Strunk den Fritz Honka gespielt. Auch als "Rosa Riese" sind Sie in die Rolle einer gestörten Persönlichkeit geschlüpft. Was macht den Reiz solcher Figuren aus?

Man entdeckt sich irgendwann selbst dabei, dass man bei solchen Rollen immer zusagt. Für mich stellt sich immer die Frage, warum es Menschen gibt, die sich so drastisch auf etwas hinbewegen. Warum waren sie nicht dazu in der Lage, ein ausgewogenes Leben zu leben? Offensichtlich trage ich diese Neugier in mir. Ich möchte herausfinden, warum Menschen irgendwann auch zu Tieren werden können. Diese Neugier wird mir jetzt erst zunehmend gewahr. Ich habe mich jahrelang fast unterbewusst darauf zubewegt.

Ihre Agentur-Webseite verweist auf die Fähigkeit "Klettern". Wo klettern Sie herum?

Ich habe es in den Cevennen in Frankreich gelernt. Ein Freund hat dort ein Haus. Auf glattem Gestein kam ich anfangs gar nicht zurecht. Damals war ich auch noch extrem übergewichtig. In den Cevennen kann man rauer stehen. Hier habe ich das Klettern als herrlich meditative Sportart für mich entdeckt. Ich war dann auch im Frankenjura klettern, an der Rhone und einmal auch im Elbsandsteingebirge. Aber das ist so weit weg von hier oben. Da fährt man lieber gleich zum Freund nach Frankreich. (lacht)

 

 


Von der Laienbühne in den Oscar-Spielfilm

Charly Hübner wurde am 4. Dezember 1972 unter dem bürgerlichen Namen Carsten Johannes Marcus Hübner geboren. Er wuchs im heutigen Kneipp-Kurort Feldberg im Kreis Neustrelitz auf, seine Eltern waren Gastwirte. Schon als Schüler stand Hübner als Laie auf der Theaterbühne.

Nach der Schulzeit sammelte der 1,92-Meter-Hüne am Landestheater Neustrelitz auch Erfahrungen als Regieassistent. Ein Studium an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin ebnete ihm den Weg an diverse Theater. Seit 2003 ist er zudem in Filmen zu sehen.

Mit seinem Dachboden-Auftritt als Ulrich Mühes Wachablösung im oscargekrönten Stasi-Drama "Das Leben der Anderen" (2006) empfahl er sich für große Rollen in Fernsehen und Kino. Auf der Leinwand war er in Filmen wie "Vor der Morgenröte", "Same Same But Different" und den "Bibi & Tina"-Streifen zu erleben. Als Schauspieler schlüpfte der 46-Jährige 2018 für das Dokudrama "3 Tage in Quiberon" auch in die Rolle des "Stern"-
Fotografen Robert "Bob" Lebeck, dem legendäre Aufnahmen der späten Romy Schneider gelangen.

Im Fernsehen spielte Hübner unter anderem die Hauptrolle des Oberstleutnants Harald Schäfer in der erfolgreichen Tragikomödie "Bornholmer Straße" über den gleichnamigen innerdeutschen Grenzübergang am Tag des Mauerfalls.

Als Filmregisseur hat Hübner wiederholt gearbeitet. So bereicherte er die ARD-Doku "16 × Deutschland" um Eindrücke aus Mecklenburg-Vorpommern. 2017 präsentierte er die Kinodoku "Wildes Herz" über die Band Feine Sahne Fischfilet und heimste dafür etliche Preise ein.

Hübner ist mit seiner Kollegin Lina Beckmann verheiratet. Er lebt zeitweise in Hamburg, ist aber auch dem Mecklenburgischen Seenland treu geblieben. (aws)

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