"Das ganze war eine Spielwiese"

Schlagzeuger Severin Kantereit über das neue Album von Annen May Kantereit und das Leben als Musiker

Köln.

Mit "Schlagschatten" hat die Band Annen May Kantereit vor soeben ihr lang erwartetes neues Album herausgebracht - das ganz anders sei als sein sehr erfolgreicher Vorgänger. Sagt jedenfalls Schlagzeuger Severin Kantereit: Charlotte Bohley hat sich mit ihm über Inspirationen im und Erwartungen ans Leben unterhalten.

Freie Presse: Den ersten Song Eures neuen Albums - "Marie" - habt Ihr schon vorab mit einem Musikvideo auf Youtube präsentiert. Aber wer ist Marie?

Severin Kantereit: (lacht) Gute Frage. Das ist einfach ein klassisches Liebeslied, und Marie ist keine bestimmte Person, sondern vielmehr ein Symbol für die Liebe und verschiedenen Lebenseinstellungen, die jeder von uns ganz für sich hat. Da gibt es auch viel Spielraum für Interpretationen. Jeder von uns hat seine ganz eigene Marie.

Gibt es einen roten Faden in Eurem neuen Album?

Ja klar. Für uns ist es sehr wichtig, dass man das ganze Album auf einmal hören kann und nicht immer nur Häppchen. Und dann haben wir uns eben überlegt, wie wir die Reihenfolge machen. Und wir finden es einfach super schön, das Album mit dem Satz "Die Vögel scheißen vom Himmel" zu beginnen, weil es auch ein Romananfang sein könnte. Dann haben wir uns so an den Emotionen entlang gehangelt, dann wurde es wieder ein bisschen deeper und auch mal wieder ganz aufgebrochen. Da haben wir sehr viel herumexperimentiert.

Schreibt Ihr Eure Texte zu viert?

Das ist ganz unterschiedlich. Den größten Anteil hat unser Sänger Henning, weil ja jeder von uns sein Instrument oder eben seine Stimme hat, bei dem er einfach der Experte ist. Aber da ist durchaus auch immer Raum für Diskussionen. Das Lied "Sieben Jahre" haben zum Beispiel Henning und ich zusammen geschrieben. Aber manchmal sprechen wir auch alle ganz viel über das Thema, und es helfen uns auch Freunde beim Texten, wie bei "Weiße Wand". Das macht alles sehr viel Spaß, aber es ist auch immer wieder eine Herausforderung, dass sich am Ende alle mit dem Ergebnis wohlfühlen. Trotzdem schaffen wir das immer wieder.

Von welcher Musik lasst Ihr Euch denn inspirieren?

Also wir hören sehr gerne alle zusammen Musik, aber jeder von uns hat auch so seinen ganz eigenen Geschmack. Unserer größter gemeinsamer Nenner sind die Beatles, die wir schon seit unserer Kindheit hören, und auch Bon Iver, das hören wir alle super gerne, weil wir einfach finden, dass das richtig krasse Musik ist. Wir hören auch immer wieder neue Musik und diskutieren dann darüber, wie wir sie finden.

Was hat sich von Eurem letzten zum neuen Album verändert?

Sehr viel! Das erste Album haben wir ja im Studio produziert, aber diesmal wollten wir etwas aufregenderes. Wir haben unseren Produzenten gewechselt und sind mit ihm und ein paar anderen Leuten in ein kleines Dorf in Spanien gefahren, in dem noch nie Musik produziert wurde, und haben dort das ganze neue Album aufgenommen. Wir waren für zwei Monate dort, und das war schon ein kleines Abenteuer. Außerdem mussten wir diesmal nicht alles gleichzeitig einspielen, sondern konnten auch erst die Musik spielen und dann den Gesang darüber legen. Man kann ja inzwischen auch so viel mit einem Mikrofon machen, das einfach nur an einen Laptop angeschlossen ist. Das Ganze war für uns eine große Spielwiese an neuen Möglichkeiten und interessanten unbekannten Erfahrungen. Aber auch thematisch hat sich einiges verändert. Wir haben ja auch viele neue Lebenserfahrungen gesammelt, und das hört man in unseren Liedern.

War der Erfolg Eures ersten Albums eine Überraschung für Euch?

Da wir vorher sehr, sehr viel live gespielt und wir viel Zuspruch bekommen hatten, war es schon klar, dass da Menschen sind, die sich für unsere Musik interessieren. Dass es dann aber so erfolgreich war, kam schon überraschend und das ist es, finde ich, auch immer noch. Man kann das ja gar nicht so richtig verarbeiten. Weil man auch immer wieder neues erlebt. Wir haben vor kurzem einen Ausflug nach Istanbul gemacht und ein kleines Konzert gegeben und da war der Andrang so groß, dass längst nicht alle in den Laden gepasst haben, in dem wir gespielt haben. Solche Erlebnisse sind schon krass und irgendwie absurd, zumal wir ja auf Deutsch singen.

Werdet Ihr oft auf der Straße erkannt?

Na klar, also das ist auch irgendwie ein Teil davon, bekannt zu sein, oder? Da hat man sich inzwischen auch daran gewöhnt und das ist natürlich manchmal schön, aber auch manchmal anstrengend, weil man sich zum Beispiel zweimal überlegt, ob man jetzt noch in die Bar geht, um ein Bier zu trinken. Aber in den allermeisten Fällen ist es auch einfach nett, wenn jemand zu dir kommt und sagt: Hey, du machst gute Musik. Manchmal fahre ich auch Bahn und denke: Ist hier jetzt jemand, der mich erkennt? Man wird halt irgendwie vorsichtiger, aber wir können ganz gut damit umgehen.

Was hast Du vom Leben erwartet, als Du 14 warst, und was erwartest Du vom Leben mit 41?

Als ich noch so jung war, habe ich mir relativ wenig Gedanken über mein zukünftiges Leben gemacht und ich hätte mir auch nicht vorstellen können, dass ich später mit meinen Kumpels Musik mache. Das kam erst nach der Schule und hat sich langsam entwickelt. Es ist ein langer Prozess, bis man hundertprozentig sagen kann: Geil, wir ziehen das jetzt durch. Und ich denke bis jetzt auch eher nur an die nächsten paar Jahre und noch gar nicht so weit. Aber natürlich haben wir Bock, noch lange weiter Musik zu machen. Man muss nur aufpassen, dass man sich auch immer wieder Zeit für sich nimmt. Ich kann mir auch gut vorstellen, noch mit anderen Leuten zusammen an kleinen Projekten zu arbeiten. Aber die Musik soll es auf jeden Fall sein.

Wie würdest Du die Band mit wenigen Worten beschreiben?

Freunde, Spaß, Liebe, Musik. Wir funktionieren einfach gut zusammen, aber haben auch eine etablierte Diskussionskultur. Das ist manchmal anstrengend, aber am Ende immer sehr gut, weil wir auch sehr danach gehen, dass, wenn einer etwas nicht machen will, wir ihn nicht überstimmen.

Schreibt Ihr schon wieder an neuen Songs?

Auf jeden Fall. Also wir schreiben die ganze Zeit immer neue Ideen auf. Das ist dann noch nicht so konkret, aber wir machen einfach die ganze Zeit Mucke und dann schauen wir, was dabei herauskommt.

Wie geht es jetzt weiter?

Jetzt ist erst mal Zeit zum Entspannen und im Januar geht es mit dem Proben los, weil die nächste Tour auch im Januar in Mannheim beginnt. Wir touren bis Ende August durch Deutschland und Österreich.

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