Das Imperium schlägt zurück

Sie ist Ausstatter der Generation Metalcore: Seit 15 Jahren versorgt die Leipziger Szene-Firma Impericon Fans mit Shirts und Shorts - und hat damit auch die Festivallandschaft der letzten Jahre recht entscheidend geprägt.

Leipzig.

"In dieser Szene, in dieser Halle ist kein Platz für Faschisten, Rassisten, Homophobe!" Tausende jubeln, als Stick to Your Guns auf dem Impericon-Festival ihr Statement verkünden. In Leipzig ist die Metalcore-Szene nicht nur fanmäßig gut aufgestellt: Hier sitzt mit der Merchandise-Firma Impericon ihr wichtigster Player weltweit - und der richtet seit einigen Jahren auch erwähntes Festival jährlich auf der Neuen Messe aus.

Impericon macht als Streetware-Firma und Lifestyle-Marke unternehmerisch alles richtig: Gestartet als kleine Wohnzimmer-Firma, beschäftigt man mittlerweile 80 Mitarbeiter, der Jahresumsatz liegt bei rund 17 Millionen Euro. Dabei bindet der subkulturelle Klamotten- und Accessoiresvertreiber die Hard-, Metal- und Death-Core-Szene fest an sich. Das Leipziger Unternehmen bietet in Kooperation für viele Bands das Merchandise an. Und weil die Bilder auf den T-Shirts in der Szene ebenso zählen wie die Musik, ist Impericon dort heute wichtiger als viele Plattenfirmen: "Der Verkauf von Merchandise ermöglicht vor allem kleineren Bands heutzutage überhaupt, auf Tour gehen zu können", sagt Benny Mahnert, einer der Chefs: "Und bei größeren Bands hat er den Verkauf von Tonträgern als Haupteinnahmequelle abgelöst." Der gebürtige Zschopauer, der zudem als Manager der Band Heaven Shall Burn seit über 20 Jahren in der Szene bestens vernetzt ist, weiß auch, warum das in Metal und Hardcore so funktioniert: "Mit Merchandise wird Szenezugehörigkeit zum Ausdruck gebracht und gleichzeitig der Künstler direkt unterstützt. Bewusstes Abheben von der Masse und Provokation spielen natürlich auch eine Rolle."

Dass Metalcore neben dem Deutschrap die wohl prägendste Jugendkultur der letzten zehn Jahre ist, kann vor allem auf Festivals beobachten: Das Genre ist ein wichtiger Treibsatz des Konzertbetriebes, Bands wie Parkway Drive und Heaven Shall Burn, beide wichtige Impericon-Künstler, haben selbst auf Großveranstaltungen wie Rock am Ring die Türen für extreme Härte weit geöffnet; und Szene-Tanzrituale wie Moshpits, Crowdsurfing oder die "Wall Of Death", bei der das vom Sänger "geteilte" Publikum auf Kommando aufeinander zurennt, zelebrieren heute selbst Mainstream-Poprock-Bands als Standard.

Das besondere dabei: Die Untergrund-Wurzeln des Metalcore sind bei Impericon immer noch present. "Wir wurden im Conne Island sozialisiert", sagt Martin Böttcher, einer der Mitbegründer und einer der Geschäftsführer. Er blickt dabei auf die Deutsche Bücherei: Hier in einer Etage am Deutschen Platz in Leipzig, residieren Kreativabteilung und Verwaltung von Impericon; das Lager liegt am Stadtrand. Böttcher hat gemeinsam mit seinem Freund Ulrich Schröter das Unternehmen 2004 gegründet - aus der Szene für die Szene. Böttcher stammt aus einem sachsen-anhaltinischen Ort rund eine Autostunde von Leipzig entfernt. Er kannte Stadt und Szene, als er hierher zog, um Wirtschaftsinformatik zu studieren. Nebenbei importierten die Freunde Merchandise-Artikel wie T-Shirts aus den Staaten. Dann entstand der Impuls, die Fan-Artikel für in Europa tourende US-Bands selbst zu machen, damit sie diese hier verkaufen konnte. Das ist günstiger, als sie über den Teich zu transportieren. Daraus entwickelten sich ein Geschäft und die Idee, einen Online-Shop anzubieten: Impericon war geboren. Den Ursprungsnamen "Imperial Clothing" mussten sie 2011 aufgrund eines Namenstreites ändern - der aktuelle ist ein Kofferwort für "Imperial Conspiracy". Böttcher schmiss seinen Job, betreibt seit 2008 das Unternehmen in Vollzeit.

"Wir haben die Musik komplett gelebt, waren nah dran, haben sie verstanden", begründet Böttcher den Erfolg. "Natürlich kann man sich die Frage stellen, was man eigentlich macht, wenn man bunte Shirts in der Überflussgesellschaft anbietet", sagt er selbstkritisch. Aber dem Kapitalismus entkommt man nicht allein. Dabei ist die junge Szene auch eine Herausforderung: "Wir mussten uns öffnen." Die Firma achtet zudem auf Nachhaltigkeit, wo sie nur kann: "Unsere Produkte müssen vegan sein, auch wenn das das Sortiment limitiert und wir so bewusst auf Umsatz verzichten", sagt Mahnert. "Generell muss man aber sagen, dass Öko und Fair Trade im Merchandise-Geschäft aktuell noch nicht voll abbildbar ist. Allerdings haben wir ethische No-Gos: Merchandise mit Bezug zu Rassismus, Sexismus, Homophobie oder Faschismus hat bei uns keinen Platz!" Womit man wieder ganz nah bei den Fans vor der Bühne ist. mit tim

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