Das Knirschen beim Limbo

Sowohl Casper als auch Marteria sind die derzeit spannendsten deutschen Musiker - auch über ihre Rap-Basis hinaus. Auf dem Duo-Album "1982" geben sie ihre Stärken aber an vielen Stellen auf.

Berlin.

Dass 2017 ein gutes Jahr war für Musikgourmets, lag auch daran, dass 1982 in Rostock Marten Laciny geboren wurde und in Bielefeld Benjamin Griffey: Ersterer legte als Marteria mit "Roswell" wieder einmal ein Juwel von einem Album vor; gedankenprall und wortgewandt, rappelvoll mit faszinierenden Grooves, schlüssigen Songs und aberwitzigen Programming-Volten. Jeder Takt davon will aufgesogen werden, von "Aliens" bis "Skyline mit zwei Türmen". Und zweiterer, ohne dessen "XOXO"-Meisterwerk von 2011 ich wohl wie viele andere auch längst nicht mehr am Leben wäre? Entblößte als Casper mit "Lang lebe der Tod" erneut seine Seele, indem er sein Publikum gleichermaßen umarmte und von sich stieß: Ein Emo-Poet der Sonderklasse, der seine Worte in Kompositionen hüllt, die aus gewaltigem Trotz, gieriger Musikliebe und der triebhaften Suche nach glühendem Nischendunkel Genregrenzen niedermähen wie der Schnitter das Gras.

Wenn diese zwei Herzensmusiker nun ein gemeinsames Album angehen: Wie bitte soll man es da schaffen, etwas zu erwarten, das sie auch nur annähernd erfüllen könnten? Was sollten die Ansprüche an "1982" anderes sein als zu hoch? Marteria und Casper sind die einzigen deutschen Rapper, zu denen man als Genre-Außenstehender vorbehaltlosen Zugang findet. Das macht ihren riesigen Erfolg aus, den sie selbst bei Festivals wie Rock am Ring einzusammeln im Stande sind: Eine Faszination, mit der sie Post-Metal-Anhänger ebenso kriegen wie Hitradiohörer, eingefleischte Punkrocker wie Deutschpopfreunde. Eine Last, von der sie nun eine Auszeit nehmen: Man muss das gemeinsame Album als das Ventil verstehen, als das es angelegt ist nachgenannten Großwerken. Marteria und Casper wollen Dampf ablassen. Nicht groß nachdenken. Lässig ballern. Die Geschichten, die sie bisher ausgeklügelt erzählt haben, oldschoolig durchplaudern. Das haben sie geschafft: "1982" macht sich wenigeine Rübe, düngt Hip-Hop-Wurzeln mit einfachen Strukturen nach. Nur: Lockerheit ist bei diesen Charaktertypen zwangsläufig Kopfsache, und dummerweise wurde die Messlatte für echte Chilligkeit von Leuten wie L Goony oder Crack Ignatz längst so tief gehängt, das das Duo von 1982 beim Limbo etwas knirscht: Mal fehlt Feuer, mal schimmern zu viele Raffinessereste dieser Lieblingsmenschen. Will man aber allein diese, ist wieder die Dosis zu niedrig: Das hier ist eine Nebenbei-Platte - nicht gemacht für jene Menschen, die bei "Splash" an ein Freibad denken. Wer bei Kollaborationen erwartet, dass 1 plus 1 mehr als zwei ergibt, gerät ins Hit-Minus - die gefühlte 1.8, zu der Marteria und Casper sich summieren, ist zwar immer noch ergiebiger als ein Großteil dessen, was die Konkurrenz deutschlandweit bastelt, aber eben auch weniger, als erhofft wurde. Nicht falsch verstehen: Man wird "1982" schnell als unverzichtbares Teil seines Kfz empfinden. Ein Checkpoint in der Diskografie von beiden ist die Platte aber nicht.

Live: Marteria und Casper treten am Montag um 17 Uhr "Am Kopp" in Chemnitz auf.

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