Das Runde muss in das Eckige - Fußball in der Kunst

Fußball hat nicht nur bedeutenden Einfluss auf die Populärkultur - er bot und bietet stets auch Bildenden Künstlern eine Inspirationsquelle. Beispiele dafür zeigt jetzt das Lindenau-Museum Altenburg - und auch Orte, an denen der Fußball bei aller Kommerzialisierung noch seine Romantik entfaltet.

Altenburg.

Die Wiese gibt es immer noch. Sie sieht allerdings zumindest auf dem Satellitenbild von Google Maps heute aus wie ein gepflegtes Stück Rasen, das als würdiger Abstandhalter eine Freifläche vor einem Stück architektonischen Weltkulturerbes markiert. Aber auf dem Foto, das Theodore Lux Feininger 1927 aus kniehoher Perspektive von zwei unbekannten, im Sprung befindlichen Hobbyfußballern geschossen hat, dient besagte Wiese offenbar als Bolzplatz. Oder ist als solcher zweckentfremdet. Der prominente Hintergrund: der durch seine markanten Balkone kenntliche fünfstöckige Wohnheimtrakt des Dessauer Bauhauses, an dem Feininger junior, Sohn des Bauhausmeisters Lyonel Feininger, im Jahr zuvor sein Kunststudium begonnen hatte.

Das etwas ramponierte Foto mit dem Titel "Sprung über das Bauhaus" gehört zur Kabinettausstellung "Das Runde und das Eckige - Fußball in der Kunst", die gegenwärtig aus Anlass der Fußball-WM im Altenburger Lindenau-Museum gezeigt wird. Es symbolisiert eindrücklich, dass es immer wieder symbiotische Beziehungen zwischen der "schönsten Nebensache der Welt" und der Bildenden Kunst gegeben hat. Dass Künstler den Sepp Herberger zugeschriebenen Satz, wonach das Runde ins Eckige muss, auf ihre Weise gedeutet haben - mit dem Eckigen als Bilderrahmen, als Kamerafokus, als Videomonitor.

Für all diese Spielarten, wo der Ball landen kann, bieten die Altenburger schöne Beispiele. Eine der unglaublich detailreichen, tempogeladenen Ballspielszenen des Grafikers Rolf Münzner etwa, grafische Arbeiten von Willi Baumeister und Hans Ticha, die grotesk-plakativen "Footballer" von Gerhard Kurt Müller (bei denen es gefährlich nach Handspiel aussieht) oder zwei luftige dörfliche Sujets des damals 39-jährigen Wolfgang Mattheuer mit viel Himmel, in denen der Ball hoch oben nur ein kleiner Punkt ist, auf den dennoch alles zuläuft.

Ähnlich wie in Mattheuers Bild muss man sich wohl auch die Szenerien der zu künstlerischen Happenings geratenen Fußballspiele zwischen den Künstlergruppen "Clara Mosch" aus Karl-Marx-Stadt und den "Art Breakers" aus Leipzig vorstellen, die von 1977 bis 1982 jährlich irgendwo in der Provinz ausgetragen wurden - mit eigenen Ritualen, selbstbemalten Trikots und jeder Menge Augenzwinkern. Der 2017 verstorbene Fotograf Ralf-Rainer Wasse dokumentierte das anarcho-sportliche Treiben. Dabei entstanden insgesamt 700 Aufnahmen, von denen 25 in Altenburg gezeigt werden - und von denen Wasse seinerzeit stets einen Abzug mehr machte als von den Fußballfreunden bestellt. Denn auch die Stasi interessierte sich dafür, wer hier gegen das Leder trat, wer dabei zusah und so Nähe zur inoffiziellen DDR-Kunstszene demonstrierte.

So überschaubar die Altenburger Ausstellung ist, mit so großer Vielfalt überrascht sie doch - und lädt auch zum Verweilen ein. Etwa in Form der 2007 in Kassel auf der Documenta 12 gezeigten Videoinstallation "Deep Play" des 2014 gestorbenen indischstämmigen Künstlers Harun Farocki, der das Finale der Fußball-WM 2006 zwischen Frankreich und Italien über zwölf Videokanäle synchron dokumentierte - vom unbeweglichen Bild des Stadiondachs über im Fernsehen unsichtbare Analysetools und Kommentatoren bis zur Verfolgung eines einzelnen Spielers über 120 Minuten: Das sieht aus wie das Panel eines Überwachungskamerasystems, das das Ergebnis des Spiels (5:3 nach Elfmeterschießen für Italien) zur Nebensache macht. Man fragt sich: Wo ist beim Fußball eigentlich die Romantik geblieben?

Sicher nicht in den voll klimatisierten und vernetzten Stadien, in denen jeder Quadratzentimeter, ob für Fan-Sitzplatz, Banden- oder Trikotwerbung seinen Preis hat. Aber es gibt sie. Das dokumentiert seit 25 Jahren die Sammlung Perlwein, in der Berliner Hobbyfotografen Fotos von Stadien alter Schule, aber vor allem von improvisierten Bolzplätzen und Fußballtoren aus aller Welt zusammengetragen haben. Ausschnitte aus der auch im Internet unter www.platzwart.de zugänglichen, sehenswerten Sammlung zeigen in Altenburg: Jeder noch so schiefe Acker, jede noch so verkrautete Wiese kann als Spielfeld dienen, das die Welt bedeutet, und nicht jedes Tor braucht Fifa-Normmaße. Je einfacher die Bedingungen, unter denen Menschen auf der Welt Fußball spielen, desto mehr zeugen sie von der Begeisterung, der Hingabe, mit der sie das tun. Da stellt ein Stück Rasen hinter einer Kunsthochschule, die Weltgeschichte geschrieben hat, schon einen Hauch von Luxus dar.

Die Ausstellung "Das Runde und das Eckige - Fußball in der Kunst" ist noch bis 2. September dienstags bis freitags 12 bis 18, samstags und sonntags 10 bis 18 Uhr im Lindenau-Museum Altenburg, Gabelentzstraße 5, zu sehen. www.lindenau-museum.de

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