Das singende Herz

Vor 50 Jahren starb der jüdische Schriftsteller Max Brod. So populär er zu Lebzeiten war - als seine größte Leistung gilt heute sein Einsatz für das Werk Franz Kafkas.

Prag.

Dank einer Großtat avancierte Max Brod 1924 zur Schlüsselfigur der Literatur: Er ignorierte das Testament seines Freundes Franz Kafka, indem er sich weigerte, dessen Nachlass zu vernichten. Ja, stattdessen half er, ihn zu verbreiten, gab Kafkas Werke in mehreren Editionen heraus. Damit rettete er ein grandioses erzählerisches Erbe für die Nachwelt. Seine eigenen künstlerischen Leistungen gerieten jedoch rasch in Vergessenheit und sind heute verblasst. Kaum jemand liest noch eines seiner einst populären Bücher, obwohl sich darunter etliche Juwelen befinden.

"Schloß Nornepygge" etwa, ein nahezu unbekannter Roman Brods von 1908, gilt als frühestes Dokument des Expressionismus. Unter dem Einfluss des Philosophen Arthur Schopenhauer entstanden, wirkte dieser avantgardistische Text vor allem auf den Kreis um den pazifistischen Publizisten Kurt Hiller als "stärkstes, wesentlichstes, heiliges Erlebnis". Danach beherrschten erotische Themen zunehmend Brods Prosa. "Nur Liebe - von nichts andrem weiß ich", lautete damals seine Devise. Schon die Titel seiner Werke aus dieser Phase zeugten von gärender Lüsternheit. Sie hießen "Die Frau, nach der man sich sehnt" oder "Die Frau, die nicht enttäuscht" und waren auf die Verherrlichung der Sinnlichkeit gerichtet.

Oft verlieh Brod seinem Wunsch nach körperlicher Makellosigkeit Ausdruck. Da er während der Kindheit durch eine Rückgratverkrümmung an einer Behinderung litt, "dürstete" er, wie er später in seinen Memoiren betonte, nach Schönheit. Alles Unästhetische, Unfertige erregte seinen Widerwillen. Deshalb tilgte er es rigoros aus seinen Dichtungen. Trotzdem tendierte er nicht zur Realitätsscheu. Der Germanist Reinhard Soergel zollte ihm deshalb Bewunderung: "Zwischen den Schöpfern aus kritischer Welteinsicht und überschäumendem Herzensdrang steht er in der Mitte: einmal überwiegt das singende Herz, ein andermal das denkende Hirn." Das Pathos der jungen Generation, die in den 20er-Jahren aus dem Milieu der Verknöcherung aufbrach, erfasste auch Brod. Seine Stimmung schlug sich in emphatischer Poesie nieder: "An allen Litfaßsäulen: Große Menschenliebe! / Verbrüderung! Umarmt euch! Sonnenstaat!"

Enormen Erfolg hatte er mit dem historischen Roman "Tycho Brahes Weg zu Gott". In der Geschichte über den dänischen Astronomen, der den weit talentierteren Kollegen Johannes Kepler förderte, verarbeitete er allegorisch den Zwist mit seinem ewigen Rivalen Franz Werfel.

Misstrauen erregte Brods Interesse am Zionismus. Franz Blei spielte darauf in seinem satirischen "Bestiarium" an, als er spöttelte: "Das Brod oder auch Maxbrod genannt ist ein neuerdings viel in jüdischen Tempeln gehaltenes Haustier. Einige wollen sogar voraussagen, dass das Maxbrod noch einmal die Verehrung genießen werde wie das Buber, das bekannte heilige Tier der Juden, doch fehlt dem kleinen, gar nicht stattlichen Maxbrod das Format."

Bereits 1909, als 25-Jähriger, hörte Brod Vorträge Martin Bubers und überlegte, "welchen Sinn es hat, dass wir uns Juden nennen". Das trug dazu bei, dass er am Vortag des Einmarschs der Nazis in seine Geburtsstadt Prag 1938 beschloss, nach Palästina zu flüchten. In Tel Aviv starb er am 20. Dezember 1968 hoch geachtet als Dramaturg des israelischen Nationaltheaters.

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