DDR-Comics - die Feindbildgeschichten

Bildgeschichten von "Fix und Fax" bis "Mosaik" gelten als spaßig-subversive Angelegenheit, die den Lesern im real existierenden Sozialismus vor allem deshalb Freude bereiteten, weil sie den Herrschenden oft eine Nase drehen konnten. Eine Ausstellung in der Hochschule für Grafik und Buchkunst zeigt nun, wie gefährlich nah der Staatsapparat dem Genre dennoch kam.

Leipzig.

Jedem DDR-Leser war klar: Lesen, das musste man immer auch zwischen den Zeilen. Es gibt ja auch sehr viele schöne Beispiele dafür, wie clever Künstler aller Art in der sozialistischen DDR dort unangepasstes geistiges Futter versteckt haben. Trotzdem erschrickt man als oststämmiger Bildgeschichten-Fan dann doch, wenn man sich durch die am Dienstagabend eröffnete Ausstellung "Atze und Mosaik - Geschichte und Politik zwischen 1914 und 1989 in DDR-Comics" liest. Zum einen, wie gut Geschichten in der "Atze", die man im Hinterkopf doch als übles Propaganda-Blatt abgespeichert hatte, gezeichnet waren. Zum anderen wie viele davon man damals doch gelesen hatte: Die Schau ist rappelvoll mit Déjà-vus, vor allem in Sachen "Atze".

Schöne schiefe Bilder

Das kleinformatige, ungeklammerte Heftchen, dem in der Nachwende-Zeit im Gegensatz zum kultig verehrten "Mosaik" keine Beachtung mehr geschenkt wurde, erschien in der DDR immerhin ab 1955 mit einer Auflage von knapp 550.000 Stück: Es wurde also durchaus auch gelesen. Fatal dabei: Der Bildungsanspruch der DDR-Comics wurde und wird ja durchaus als Qualitätsmerkmal gesehen - weil sich jeder in der Lage sah, den Propaganda-Anteil so filtern zu können, dass am Ende nur die spannende Geschichte goutiert werden konnte.

Hier räumt die didaktisch gebaute Schau gründlich auf und zeigt wissenschaftlich schonungslos, wie hart dann doch durchregiert wurde: Kurator Thomas Kramer, der seit Jahren zu dem Thema forscht, zeigt deutlich, wie das staatlich gewünschte Bild von Geschichte medienübergreifenden und generalstabsmäßig geplant in die Köpfe getrichtert wurde: Die Déjà-vus kommen auch daher, weil man eben mit der Muttermilch bestimmte Meme von Thälmann, Lenin oder dem Bauernkrieg aufgesogen hatte, die man nun nur schwer objektiv gerade gebogen bekommt.

Natürlich zeigt die Schau auch Beispiele für Subversivität, etwa wenn im "Mosaik" Ritter Runkel das neu gebaute sowjetische Ehrenmal in Berlin-Treptow verulkt. Deutlich wird aber auch, wie begrenzt diese Wirkung mitunter ist: Was etwa ändert es an einer sowjetpropagandistischen Heldengeschichte, wenn ein Rotarmist weitgehend unerkannt als Dr. Schiwago durchgeht? Oder am staatlichen Ansinnen, wenn die "Mosaik"-Zeichner seitenweise Szenen aus einem West-Sachbuch adaptierten? Denn auch die Kult-Zeitschrift von Hannes Hegen musste sich etwa nach dem Sputnik-Schock dem Diktat zur Wissenschafts-Glorifizierung beugen, die damals Staatsraison wurde.

Kulturelles Ungeschick

Geholfen hat da eher das Bauchgefühl der Leser: Hegens "Mosaik" schaffte es mit Beharrlichkeit und immer neuen Untergrabungen, sich dauerhaft in der Geschichtenwahl freizuschwimmen und weitgehend unpolitisch sein zu dürfen - und wurde dafür geliebt. An der unsympatischen "Atze" wurden dagegen nur die Comics von "Pat" oder "Fix und Fax" wirklich geliebt. Eine gewisse Prägewirkung, das macht die Schau deutlich, entfalteten die Comics dennoch, wenn auch kaum in der von der Propagandamaschine gewünschten Weise. Dafür stellten sich die kulturellen Durchherrscher dann doch zu ungeschickt an. Toll an der Ausstellung ist, dass sie wenig diktiert, sondern vor allem in medialen Vergleichen zeigt, wie die gewünschten Geschichtsikonen von Filmen über Schulbücher und Briefmarken bis in die Comics geprägt wurden.

Die Ausstellung "Atze und Mosaik - Geschichte und Politik zwischen 1914 und 1989 in DDR-Comics" ist noch bis 18. März in der Galerie der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis freitags von 14 bis 18 Uhr sowie samstags von 12 bis 16 Uhr.

www.hgb-leipzig.de

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