Den Sommer erlesen

Der Urlaub naht, also noch schnell irgendein Taschenbuch vom Bestsellerstapel greifen? Oder doch lieber die wenigen freien Tage im Jahr mit Perlen der Literatur verbringen? Die "Freie Presse" stellt einige der schönsten Bücher rund ums Unterwegssein und den Sommer vor - Klassiker für Wiese, Strand oder Bergpanorama, die den Urlaub an inneren Eindrücken reicher machen.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort geht nichts über die passende Lektüre, die gleichermaßen anregt wie entspannt.

Marc Aurel: "Selbstbetrachtungen" (um 170)

Darum geht es: Aus persönlichen Beobachtungen auf Reisen und Feldzügen setzt "Philosophen-Kaiser" Aurel sein Weltbild zusammen. Vernunft und Gemeinwohl bilden die Richtschnur für sein Handeln und Denken.

Lesenswert, weil Aurels Selbstbetrachtungen bis heute funktionieren und man das kleine Büchlein gut am Strand lesen kann: Zwischen den Seegängen nimmt man Aphorismen wie diesen auf: "Unser Leben ist flüchtig, das deinige ist fast schon am Ziele, und du hast keine Achtung vor dir, denn du suchst deine Glückseligkeit in den Seelen anderer." Weise und besonnen überdenkt Stoiker Aurel Wege zur Übereinstimmung mit sich selbst und mit der Natur. Stoa, das meint die Windstille der Seele: Gelassenheit.

Verbreitung: Der Text wurde von den Humanisten vor einem halben Jahrtausend wieder entdeckt und wird bis heute verlegt. Auch Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt war begeisterter Leser: "Es hat mich in schweren Stunden geleitet, vom RAF-Terror bis zur Nachrüstung."

Hermann Hesse: "Siddhartha" (1922)

Darum geht es: Ein junger Mann geht auf Wanderschaft, um nach Sinn zu suchen. Er verlässt für immer seine Eltern und sein Heimatdorf, um sich Hunger, Wildnis und Entbehrung auszusetzen. Das Ziel: die Vollendung.

Lesenswert, weil man sich nach der Lektüre selbst etwas reiner und erleuchteter fühlt. Was brauche ich, wozu mache ich das, was hinterlasse ich! Und wenn ich gehe: Welchen Wert haben Dinge in meinem Leben, welchen Wert haben die Menschen in meinem Leben? Welchen Wert habe ich für die Welt, wie gehe ich mit mir um, wie mit meiner Umwelt? Das sind die Fragen dieses Romans. Die Antworten, die Siddhartha für sich findet, sind wegweisend für Menschen, die sich ebenso wenig wie er in den Nebensächlichkeiten eines grauen Alltags verlieren wollen.

Rezeption: Bestsellerautor Paulo Coelho inspirierte diese Geschichte eines Mannes, der gegen die Autorität seines Vaters aufbegehrte und gegen das Schicksal, das die Gesellschaft ihm zugewiesen hatte: Er sah darin ein Glanzstück an Weisheit.

Simone de Beauvoir: "Eine gebrochene Frau" (1968)

Darum geht es: Kurze Kapitel beschreiben den Wendekreis des Lebens einer Frau. Berauschende Nächte der Jugend, nachlassende Liebesbekundungen in der Ehe, allmähliches Älterwerden - ein einsamer Sommer.

Lesenswert, weil in kurzen Kapiteln und in flüssigem, leicht zu lesenden Schreibstil das zeitlose Thema der Veränderungen in einer weiblichen Biografie erzählt wird. Das Buch macht nüchtern, ergreift dabei aber. Nebenbei wird sehr deutlich, was Feminismus will - und warum: Die Frau wird nicht glücklich, weil sie hier ihr Selbstbild aus der Spiegelung zum Mann zieht. Es geht um männliche Privilegien und weibliche Unterordnung wie auch Grenzen der Selbstbestimmung: "Ich fühle mich mit allen Frauen verbunden, die ihr Leben auf sich nehmen und für ein glückliches Leben kämpfen."

Essenz Beauvoir prägte das Bonmot: "Man ist nicht als Frau geboren, man wird es." Erst vom Mann wird die Frau zum "Anderen Geschlecht" gemacht und definiert. Diese Definition ist Macht - bis sie hinterfragt wird.

Ehm Welk: "Die Heiden von Kummerow" (1937)

Darum geht es: Der Sommer einer Gruppe von Dorfjungen in Vorpommern, noch vor dem Ersten Weltkrieg. Gegen die Erziehung zu Gehorsam, Unterordnung und Gottesfurcht gehen sie mit Spielen und Streichen vor.

Lesenswert, weil der Roman auf unglaublich charmante Weise Anekdoten mit eigenwilligen philosophischen Betrachtungen mischt, die Welk mit leicht romantischem Ton ebenso spitzbübisch naiv wie ernsthaft liebevoll erzählt. Das kann man als unterhaltsamen Bubenstreiche-Ulk süffig weglesen, dabei aber auch in bittersüßen Lebensbetrachtungen zwischen Himmel und Erde sinnieren oder das historische Setting der Kaiserzeit goutieren. Das Figuren-Panoptikum des Klassikers ist zeitlos rührend, in den "Heiden" findet man Freunde fürs Leben.

Detail: Trotz deutlicher pazifistischer Untertöne wurde der Roman als Feldausgabe für die Wehrmacht veröffentlicht - und zum Millionenerfolg. Nach 1945 galt Welk dann der DDR als Volksschriftsteller, wurde verfilmt und auf Hörspielplatten gepresst.

A.B. Jehoschua: "Der Liebhaber" (1977)

Darum geht es: Ein Israeli beginnt eine Affäre mit der Frau seines arabischen Automechanikers. Dann verschwindet er im Yom-Kippur-Krieg. Nun sucht der Betrogene den Liebhaber seiner Frau - weil er sie liebt.

Lesenswert, weil Jehoschua die Parameter seiner Kunst voll ausreizt. Er probiert etwas völlig Neues, und es gelingt. So ist dem Autor die Konvention einer einzelnen Erzählstimme gleichgültig. Er wechselt zwischen sechs Perspektiven und schreibt dadurch überaus dynamisch. Die Grenzen im Kopf des Lesers verschwimmen: man kann die Welt so sehen. Aber auch so. Ein Thema - sechs Wahrnehmungen, das macht die Geschichte unglaublich flirrend und mitreißend. Interessant ist, wie die Charaktere diesen Krieg erleben. Ganz anders als erwartet.

Gut zu wissen: Yom Kippur (deutsch: Versöhnungstag) ist der höchste jüdische Feiertag. An diesem Tag im Jahr 1973 begann der vierte arabisch-israelische Krieg. Er dauerte drei Wochen. Israel gewann die Oberhand und besetzte den Sinai.

Max Frisch: "Montauk" (1975)

Darum geht es: Ein 63-jähriger Mann und eine dreißig Jahre jüngere Frau verbringen miteinander ein Wochenende an der amerikanischen Ostküste. Er bekennt seine Unfähigkeit, beständige Beziehungen aufzubauen.

Lesenswert, weil es Frisch gelingt, in dieser autobiografischen Geschichte zentrale Fragen des Zusammenlebens mit sich selbst und mit anderen zu stellen. Er ordnet ein, was in seinem Leben wirklich wichtig war - und welche Umwege sinnlos. Welche Eitelkeiten ihn ein authentisches Leben gekostet haben, wo er aus Selbstsucht schuldig wurde. Er fragt nun, was bleibt. Frisch denkt hier über das Alter nach, über Selbstverrat, die Kosten des Erfolgs. So weise und ehrlich hat noch kaum jemand über die Stolpersteine hin zum gelungenen Leben abgeklopft.

Nachwirkung Max Frisch war in dem Buch nicht der Kavalier, der genießt und schweigt: In "Montauk" hat er alles ausgeplaudert. Seine Exfrauen nahmen ihm diese Offenheit jedenfalls sehr übel: Sie waren erkennbar und sie fühlten sich bloßgestellt.

Maxie Wander: "Guten Morgen, du Schöne" (1977)

Darum geht es: Frauen erzählen aus ihrem Leben. Die jüngste ist 16, die älteste 92. Es sind Schülerinnen, Sekretärinnen, Lehrerinnen,Rentnerinnen, Mütter. Maxie Wander reist durch die DDR, fragt und hält fest.

Lesenswert, weil Maxie Wander zeigt, dass wirklich jede Frau interessant ist. Denn wenn man es ehrlich betrachtet und offen erzählt, ist kein Leben langweilig: Jeder Mensch ist ein Universum, und mit den richtigen Fragen und einem aufmerksamen Ohr kommt man einander näher. Das Buch war mit seinem respektvollen Blick auf weibliche Biografien ein Bestseller in der DDR - und auch in der BRD: Beide Erstauflagen waren sofort vergriffen.

Achtung: Christa Wolf schrieb im Vorwort, man würde beim Lesen sofort mit der Selbstbefragung beginnen. In den Nächten danach würden viele Leserinnen insgeheim ihr Selbstprotokoll erstellen. Zwar bezweifelt Wolf, dass man das kann; doch auch der männliche Leser wird sich nach der Lektüre hinterfragen. Ein hochinteressantes Unterfangen.

Olga Grjasnowa: "Der Russe ist einer, der Birken liebt" (2012)

Darum geht es: Eine Protagonistin die Mitte der 90er mit den Eltern aus der UdSSR in eine deutsche Kleinstadt zieht. Sie irrt seither umher zwischen 100 Möglichkeiten und findet keinen Ort zum Ankommen.

Lesenswert, weil die Absolventin des Leipziger Literaturinstituts mit ihrem sehr eigensinnigen Erzählstil schnell den Leser für sich einnimmt. Wachsam registriert sie Details im Zeitgeschehen. Wundert sich über unzeitgemäße Zuschreibungen, die auf die Identitäten und Lebensläufe von Menschen des 21. Jahrhunderts gar nicht mehr passen. Ex-Sowjetbürger, Kontingentflüchtling, Jüdin, Deutsche, Aserbaidschanerin, Israelin? Die "Migrantin", spricht fünf Sprachen fließend, verwirklicht ehrgeizig ihre Karriere und ist zugleich traumatisiert und unabhängig bis zur Einsamkeit. Eindrucksvolle Innensicht aus einer Generation ohne Grenzen und ohne Heimat.

Hintergrund: Olga Grjasnowa selbst stammt aus Baku (UdSSR) und kam als sogenannter Kontingentflüchtling. Sie verfasste den Roman 27-jährig.

Volker Weidermann: "Ostende" (2014)

Darum geht es: Ein Badeort mit Geschichte und Glanz, ein paar Schriftsteller, ein Sommer, wie es keinen mehr geben sollte: Ostende, 1936. Hier kommen die deutschen Exilanten zusammen, um das Leben zu feiern.

Lesenswert, weil es alle Protagonisten des Romans wirklich gab. Volker Weidermann hat gründlich recherchiert und erzählt, wie er gewesen sein könnte: Der Sommer der Freundschaft zwischen den Schriftstellern der Weltliteratur - dem vermögenden Stefan Zweig und dem Profitrinker Joseph Roth. Die mit Leichtigkeit erzählte große Nähe zwischen den Titanen der Literatur wirft Licht auf das Privatleben zweier Menschen an einem Wendepunkt der Weltgeschichte.

Film: Wenige Jahre nach dem Sommer in Ostende nahm sich Zweig im brasilianischen Exil zusammen mit seiner Frau das Leben. "Vor der Morgenröte" ist Maria Schraders Verfilmung der letzten Lebensjahre des Schriftstellers Stefan Zweig nach dem Sommer in Ostende bis zum gemeinsamen Suizid im Jahr 1942.

Philippe Djian: "Betty Blue. 37,2 Grad am Morgen" (1985)

Darum geht es: Trockenheit und Hitze, ein Badeort in Südfrankreich, flirrende Sonne, salzige Haut, viel Liebe, viel Wahnsinn, Drinks, nervöse Spannung: der Sommer einer Frau mit Abgründen und einem Poeten am Meer.

Lesenswert, weil Betty Blue das Sommergefühl schlechthin verkörpert. Der Ton des Romans ist aggressiv und sinnlich. Alle Themen, die einem zum Sommer einfallen, sind Bestandteil dieser Story. Und was ganz harmlos und adrett beginnt, nimmt zunehmend bedenkliche Züge an. So wie die Nächte des Augusts für Momente vom kühlen Wind des Herbstes durchweht werden, so folgt dem Schauer und der nächtlichen Verzweiflung der Protagonistin am Morgen der lichte, durchsonnte Spätsommertag - der Albtraum der Nacht wirkt wie ein Irrlicht.

Gut zu wissen: 37,2 ist nicht etwa die Durchschnittstemperatur eines südfranzösischen Sommertages. Die erhöhte Körpertemperatur von 37.2 Grad am Morgen gilt Fruchtbarkeitsexperten als Indiz einer möglichen Schwangerschaft.

Eugen Ruge: "In Zeiten des abnehmenden Lichts" (2011)

Darum geht es: Der 90. Geburtstag des Familienoberhaupts, Hoffnung, Ehrgeiz, Erwartungen, Enttäuschungen, viel Alkohol, viele Geheimnisse, Ostberlin 1989. Eine Familie blickt zurück. Und ein einzelner nach vorn.

Lesenswert, weil hier Zeitgeschichte und Familiengeschichte eins werden. Vibrierend und mit scharfem Witz wird über ein halbes Jahrhundert die wechselvolle, gelebte Geschichte einer deutschen Familie erzählt. Die kommunistischen Großeltern kehren mit Glauben an die neu gegründete DDR aus dem Exil Heim, die Kinder erleben Lagerhaft, der Enkel neigt zum Individualismus und reißt aus. Das sind die Charaktere, die 1989 die Wende erlebten. Wie konntet ihr uns das antun, fragen die einen. Warum habt ihr die Idee nicht mitgetragen?, wundern sich die anderen. Darum, weiß das Buch.

Rezeption: Der Familienroman Ruges voller überraschender Wendungen wurde wegen seinen Humors, seiner Reife und Menschlichkeit international gefeiert und ausgezeichnet.

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