Der andere Teil des Kosmos von Johann Sebastian Bach

Das Leipziger Bachfest versucht dieses Jahr, mehr Facetten des Großmeisters der Musik zu zeigen als nur die des Thomaskantors.

Leipzig.

Johann Sebastian Bach und Leipzig - das ist zum einen eine gedeihliche Verbindung. Hat die international vernetzte Messe- und Kulturstadt doch maßgeblich zur Verbreitung des Ruhmes und Rufes des Musikmeisters im Jahrtausendmaßstab beigetragen. Dem Segen wohnt allerdings zum anderen auch eine Spur Fluch inne. Ist doch Bach, aus dem Leipziger Fokus betrachtet, stets zuvörderst der Thomaskantor, dessen 1723 bis 1750 geschaffene Oratorien, Passionen und ein Jahrgänge füllendes Kantatenwerk am Ort ihres Entstehens verständlicherweise im Zentrum des Interesses stehen. Dafür zeugte beim Bachfest 2018 ein erstmals in dieser Form abgehaltener Marathon, bei dem binnen rund 48 Stunden 30Kantaten an verschiedenen Spielorten vor größtenteils identischem Publikum aufgeführt wurden - und das bei regem Kartenvorverkauf.

Zwar stand schon jenes Bachfest unter der Ägide seines neuen Intendanten, Michael Maul. Doch der Leipziger Musikwissenschaftler zeigt mit der diesjährigen Auflage des Bachfestes, die am heutigen Freitag eröffnet wird, dass er auch anders kann. Davon zeugt schon das Festivalmotto: "Hof-Compositeur Bach". Als solcher wirkte Bach im Wesentlichen vor seiner Leipziger Zeit, in Weimar und Köthen. Und dort entstand ein ganz wesentlicher Teil seiner nichtvokalen Musik - etwa die Brandenburgischen und andere Instrumentalkonzerte, Kammermusik sowie das "Wohltemperierte Klavier" nebst weiteren Tastenwerken - also der andere Teil des bachschen Kosmos, der, ebenso wie seine geistliche Musik, bei Liebhabern weltweit das Fundament seines Ruhmes darstellt. Und des weisen Ausspruchs von Mauricio Kagel, der sagte: "Nicht alle Musiker glauben an Gott, aber alle glauben an Bach."

Bachs weltliche Musik, so Maul, sei denn auch anders zu behandeln als seine geistliche. Mithin geht er bei den zehn Tagen des Bachfestes einige Wege abseits klassischer Bach-Orte wie Thomas- und Nikolaikirche. Zum Beispiel gehört ein barockes Dinner zum Programm, bei dem die Gäste schlemmen und zugleich Musik hören können. "Unterhaltungsmusik des Barocks inklusive Bach - das ist etwas für jemanden, der nicht der Hardcore-Bachfan ist", sagt Maul. Bach sei natürlich als Thomaskantor bekannt. Aber er habe ab 1730 auch zweimal pro Woche in einem Leipziger Kaffeehaus musiziert. Dabei schöpfte er auch aus seinen vor Leipzig entstandenen Werken. "Es gibt einige Ohrwürmer von Bach, die gehören eigentlich nicht in die Kirche", sagt der 41-jährige Intendant. Das eine müsse man vom anderen trennen.

Vielfalt zeichne das Bachfest aus, so Maul. "Es ist der dramaturgische Ansatz in diesem Jahr zu sagen: Wir führen die Werke auf, die Bach an den Höfen und für die Höfe komponierte. Da ist die Bandbreite sehr viel größer, als wenn man sich auf den Leipziger Bach fokussiert." Sie sei so vielschichtig, dass es 2019 besonders schwerfalle, einzelne Höhepunkte hervorzuheben. Zumal trotz durchgehend sehr hohen Musizierniveaus das Bachfest nicht vordergründig einen Aufmarsch der Weltstars bietet. Bach selbst ist der Weltstar, und die Palette der dargebotenen, von ihm komponierten Musik reicht von Cembalostücken über geistliche Kantaten bis zur weltlichen Huldigungsmusik. "Deshalb glaube ich, dass das Programm insgesamt das Highlight ist, weil es Bach in einer Bandbreite abbildet, die wir so noch nicht hatten", so Maul.

Knapp 160 Veranstaltungen stehen dieses Jahr bis 23. Juni auf dem Programm. Eine Zahl, die sich etwas relativiert, wenn man weiß, dass dazu allein insgesamt 25 Führungen durchs Bachmuseum in deutscher und englischer Sprache gehören. Was wieder sinnvoll erscheint, da die Intendanz erwartet, dass dieses Jahr 40 Prozent aller Gäste aus dem Ausland anreisen. Allemal geht das Festival mit der Zeit. Das dritte Jahr in Folge hilft eine Smartphone-App dem Festivalbesucher bei inhaltlicher und räumlicher Orientierung.mit dpa/epd

bachfest-leipzig.de

 

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