Der Jungstar mit dem Hundeblick

Von Gronau nach St. Pauli: Udo Lindenbergs erste Schritte gen Showbusiness stehen im Fokus einer Rockbiografie von Hermine Huntgeburth, die mit manch ernstem Moment überrascht und mit viel guter Musik unterhält.

Hamburg.

Zum Jahreswechsel veröffentlichte "Die Zeit" ein Interview mit Roland Kaiser, in dem der Schlagersänger auch von den Jahren spricht, "in denen die junge Generation keine deutschsprachige Musik gehört hat. Aber das hat sich komplett gewandelt..." - Dass heute Deutsch als Medium auch im Rock und Pop ziemlich selbstverständlich ist, liegt auch an einem Musiker wie Udo Lindenberg und seinen Songs wie "Andrea Doria", "Cello", "Daumen im Wind" und "Durch die schweren Zeiten". Dass Lindenbergs Absicht, auf Deutsch zu singen, zu Beginn seiner Karriere kaum auf Gegenliebe stieß - Deutsch galt als Sprache der Täter, der Nazis -, auch davon berichtet Hermine Huntgeburth in ihrer bewegenden, filmischen Rockbiografie "Lindenberg! Mach dein Ding", die am heutigen Donnerstag in die Kinos kommt.

Für diese prominent besetzte Entstehungsgeschichte eines deutschen Rock-Mythos gewann sie Jan Bülow für die Hauptrolle sowie Charly Hübner, Detlev Buck, Julia Jentsch, Max von der Groeben und Ruby O. Fee. Regisseurin Huntgeburth fokussiert in 135 Minuten auf Lindenbergs westfälische Herkunft, erste Auftritte, Rückschläge und erste Hits.

"Es ist ganz wichtig, dass du eine Sache ganz schnell kapierst", bläut Udos Vater seinem Sohn in diesem Film ein, "wir Lindenbergs werden Klempner und sonst nichts!". Zu seinem Geburtstag aber, wir schreiben die frühen 50er-Jahre in der westdeutschen Provinz, bekommt der kleine Udo dann doch von eben diesem, viel zu häufig besoffenen und nicht immer sonderlich einfühlsamen Vater ein goldenes Schlagzeug. Darauf übt Udo fortan fleißig.

Regisseurin Huntgeburth findet hübsche, wunderbar ausgestattete Bilder für Udos Schwärmerei für eine ältere Turmspringerin und für den so erdrückenden wie anheimelnden Alltag in Gronau, Westfalen. Sie zeigt, wie schnell Lindenberg eine Kellnerlehre abbricht, erzählt von missratenen Auftritten vor US-Truppen in Libyen, nimmt uns schließlich mit nach Hamburg, St. Pauli, wo seine Karriere eher schleppend in die Gänge kommt.

Immer wieder geht es um die deutsche Sprache, die nicht popkompatibel sei und zudem die Sprache der Täter. Hin- und hergerissen zwischen Selbstzweifeln und Größenwahn ("Ich bin Udo, das nächste große Ding!") gerät er schließlich an einen, leicht überzeichneten, Plattenmanager (Buck). Die erste Single erscheint noch auf Englisch.

Erfrischend an diesem Film, ja ein wenig unerwartet ist, dass er uns nicht den Udo der Jetztzeit präsentiert, den ewig coolen, ewig vor sich hin nuschelnden, so unendlich sympathischen wie nie ganz durchschaubaren Udo. All das ist hinlänglich bekannt, die Sonnenbrille, die Hüte, die ganzen Storys um Udos Leben im Hotel.

Gut aber, dass Regisseurin Huntgeburth so weit zurückblickt, uns einen noch gänzlich unfertigen, einen immer wieder unsicher, ja kindlich agierenden Künstler zeigt. Einen, der sich immens schwer damit tut, sich vom dominanten Vater zu emanzipieren. Einen Künstler auch, der bereit ist, fragwürdige Kompromisse einzugehen und auch mal willens, Bekanntschaften zu instrumentalisieren, auszunutzen. Der aber, und das bringt Jan Bülow mit seinem verpeilt-traurigen, stets etwas verhangenen Hundeblick auch wunderbar zum Ausdruck, als angehender Rockstar trotz allem sein Herz auf dem rechten Fleck trägt.

Nein, "Lindenberg! Mach dein Ding" ist kein deutsches "Walk The Line" (die Johnny Cash-Biografie von Jill Dennis und James Mangold mit Joaquin Phoenix in der Hauptrolle gehört zu den stärksten einem Musiker gewidmeten Biopics der zurückliegenden 25 Jahre). "Lindenberg" aber ist unterhaltend, wartet mit überraschend vielen traurig-ernsten Momenten auf und ist gut besetzt - zu nennen sind etwa auch: Lindenbergs erste große Liebe, verkörpert von der tollen Ella Rumpf ("Gut gegen Nordwind") sowie das legendäre, von Lindenberg so eindringlich besungene "Mädchen aus Ost-Berlin", hier dargestellt von einer starken Saskia Rosendahl ("Werk ohne Autor").

Darüber hinaus erzählt der Film ziemlich überzeugend von der wirklich sehr beeindruckenden Fähigkeit eines Menschen, eines Künstlers, sich gegen alle Widerstände, alle Wahrscheinlichkeit und auch alle Einwände durchzusetzen, sich als Gesamtkunstwerk zu etablieren. Von der mutigen Absicht auch, von Gronau aus, wenn nicht die ganze Welt, so doch ganz Deutschland zu erobern. Wirklich berührend ist schließlich der Schluss: Über 130 Filmminuten war Jan Bülow (ein ziemlich überzeugender) Udo - für einen kurzen Moment aber ist nun der echte Lindenberg zu sehen: Mit einem Auftritt, der dazu angetan ist, nicht nur Fans Tränen der Rührung in die Augen zu treiben. (dpa)

Der politische Udo

Von Anbeginn seiner Karriere hat Udo Lindenberg in seinen Liedtexten auch immer wieder Stellung zu gesellschaftspolitischen Themen bezogen - und war kritisch in alle Richtungen. Eine Auswahl früher Werke:

"Alkoholmädchen" ("Daumen im Wind", 1972) ist eine Ballade über die zerstörerische Wirkung des liebsten Nervengifts der Deutschen - am Beispiel einer jungen Frau, die das nicht überlebt.

"Nichts haut einen Seemann um" ("Alles klar auf der Andrea Doria", 1973) thematisiert Alterseinsamkeit und Perspektivlosigkeit.

"Rudi Ratlos" ("Ball Pompös", 1974) nimmt lässig die böse verknöcherte Nostalgie eines Bürgertums aufs Korn, die immer noch die Jahre ab 1933 kritiklos feiert.

"Sie ist Vierzig" ("Panische Nächte", 1977) beschreibt die deprimierende Perspektivlosigkeit einer Hausfrau, die im Goldenen Käfig der patriarchalischen Gesellschaft kaputtgeht.

"Angelika" ("Dröhnland Symphonie", 1978) leuchtet unreflektierten Jugend-Hedonismus und ausufernde Groupie-Kultur bissig-kritisch aus.

"Straßenfieber" ("Udopia", 1981) ist die Situationsbeschreibung einer desillusionierten Jugend, die sich angesichts mangelnder Perspektiven und lebensfeindlicher Umwelt wie Politik in Drogen und Gewalt flüchtet.

"Phantom" ("Keule", 1982) richtet sich gegen die weltweiten Geheimdienstaktivitäten im Kalten Krieg, die ein Klima der Angst schüren.

"Killer-Kino" ("Odyssee", 1983) verhandelt ideologisch aufgeladene Kriegs- und Gewaltverherrlichung in Actionfilmen, die damals Usus war.

"Kralle" ("Odyssee", 1983) richtet sich gegen die Selbstverständlichkeit maskulinen Stumpfsinns und den damit einhergehenden Sextourismus.

"Sie brauchen keinen Führer" ("Götterhämmerung", 1984) warnt vor einer neuen Nazi-Generation, die sich optisch, nicht aber in ihren Gedanken von dem unterscheidet, was 50 Jahren zuvor "im Sinne der Partei" war - und nun langsam wieder gesellschaftsfähig wird.

"Familie Kabeljau" ("Götterhämmerung", 1984) ist eine Antiutopie über eine Familie, die sich in allen ihren Lebensbereichen im Klammergriff der elektronischen Medien befindet und dadurch nach und nach der kompletten Verblödung anheimfällt.

"Bananenrepublik" ("Sündenknall", 1985) beschreibt bildreich die unschönen Seiten von Neokolonialismus und globalem Turbokapitalismus. (tk/tim)

1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    0
    mathausmike
    16.01.2020

    Udo ist ein "echtes Vorbild!
    Er spricht von gezielter Drogeneinnahme-cool-ä dabn didel dei eh! (*_*)! Ein "coooler" Opi!



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