Der lange Atem der Lokomotive

Woodstock hat er abgesagt, weil er keine Hippies mag. 1976 schrieb er einen Song über peinliche alte Rockmusiker, die einfach nicht aufhören können. Jetzt geht der Schotte Ian Anderson mit seiner Band Jethro Tull zum 50-jährigen Bühnenjubiläum auf Welttournee: Der Mann mit der Querflöte kann es einfach nicht lassen.

Zwickau.

Rockmusikern beim Altern zuzusehen, ist oft ein quälender Prozess. Die einen verlieren nach und nach die Kraft, die anderen den Verstand, die nächsten ihr Vermögen in kostspieligen Scheidungskriegen. Bei Ian Anderson ist es anders. Der schottische Derwisch hat seine Stimme verloren. Andere Männer im 72. Lebensjahr würden das Mikrofon an den Nagel hängen. Ian Anderson geht stattdessen noch einmal auf Welttournee. Die Tour anlässlich des 50. Bühnenjubiläums seiner Band Jethro Tull führt ihn am Freitagabend auf die Freilichtbühne nach Zwickau, einen Tag später nach Erfurt und eine Woche darauf in die Vereinigten Staaten von Amerika. Der Einbeinige, so scheint es, bekommt nie genug.

Jethro Tull heute zu hören, ist nicht immer angenehm. Anderson hat seine Stimme in all den Jahren so abgerieben, dass er sich durch die Melodiekaskaden seiner eigenen Vergangenheit nur noch quälen kann. Es gibt Kritiker, die sagen, er habe nicht den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören gefunden. Er selbst glaubt das nicht. "Ich lebe meinen Kindheitstraum", sagt Ian Anderson, wenn er gefragt wird, warum er sich das Tourleben immer noch antut.

Locomotive Breath:

 

Wer Karten für eines seiner Konzerte kauft, kommt, um eine der letzten lebenden Rocklegenden noch einmal in Aktion zu sehen. Am Ende seines Konzerts in Chemnitz vor fünf Jahren verließen grauhaarige Männer mit ihren erwachsenen Kindern die Stadthalle, und fragten: "Und, hat es dir ein bisschen gefallen?" Sie bekamen zur Antwort: "Ja, war gut", oder "schon ganz okay, Papa." Für die hohen Töne seiner frühen Lieder hatte Anderson in Chemnitz  einfach einen Sänger engagiert, der neben ihm auf der Bühne stand und immer dann einstieg, wenn seine eigene Stimme nicht mehr reichte. Ein Konzert wie ein Duett, aber ganz und gar passend für den Mann, der Rockopern geschrieben und so ein scheinbar undenkbares Instrument wie die Querflöte in die Rockmusik eingeführt hat.

Seine Stimme mag Ian Anderson verloren haben, seine Würde aber nicht. Anderson ist heute ein humorvoller, aber gediegener älterer Herr, der auch auf der Bühne weiß, was sich gehört. Über ihn heißt es, er sei nicht das Stereotyp eines Rockstars. Es gibt keine Skandale, er ist seit fast 40 Jahren mit derselben Frau verheiratet, Drogen soll er stets aus dem Weg gegangen sein. Das kann man kaum glauben, sieht man alte Aufnahmen aus den 1970er-Jahren, als Ian Anderson mit weit aufgerissenen Augen, wehenden Haaren und pompöser Geste wie ein Irrsinniger über die Bühnen fegt. Doch abseits solcher Auftritte pflegt der Schotte schon zu Beginn seiner Karriere ein Image als Gentleman. 1969 soll Anderson mit seiner Band auf dem heute legendären Woodstock-Festival auftreten. Er lehnt ab, weil er Hippies nicht leiden kann. In einem Interview sagt er später: "Nackte Frauen, die sich im Schlamm wälzen? Ohne mich." Er züchtet stattdessen lieber Lachse.

Aqualung:

 

Vor 50 Jahren zog die Band Jethro Tull wie eine Naturgewalt über die Musikszene hinweg. Das zweite Album "Stand Up" erklimmt die Spitze der englischen Charts. Die BBC bezeichnet die Gruppe, die nach dem Erfinder der modernen Landwirtschaft (1674 bis 1741) benannt ist, als die größte Entdeckung seit den Rolling Stones. Der frühe Ruhm gipfelt in den bekanntesten beiden Songs, die Ian Anderson je schreibt, "Aqualung" und vor allem "Locomotive Breath". Beide erscheinen auf ein- und demselben Album 1971.

Die Querflöte macht Ian Anderson zur Ikone. Das Bild des Sängers, auf einem Bein stehend, die Querflöte an den Lippen, zierte nicht weniger als sieben Plattencover, noch heute wird es auf Teetassen und T-Shirts gedruckt. Dass Anderson sie in die Rockmusik gebracht hat, war allerdings eine Notlösung. Er habe in jungen Jahren gehört, sagt Ian Anderson in einem Interview von 2002, wie virtuos Eric Clapton Gitarre spielen konnte. Da habe er gewusst, dass er auf der Gitarre nie so kunstvoll würde spielen können. "Also lernte ich lieber ein Instrument, das Eric Clapton nicht spielen konnte."

Thick as a Brick:

 

Wie ein Besessener schreibt Anderson Musik, entwirft gewaltige Melodien, komponiert Rockopern, ersinnt Konzeptalben. Mehr als 30 Musiker hetzt er im Lauf der Dekaden durch seine Band, deren einzige Konstante er selbst ist. "Locomotive Breath" ist die Hymne seiner eigenen Rastlosigkeit. Er baut die Band um, er wirft den Progressive Rock ab wie einen alten Mantel und versucht sich Ende  der 1970er im Folk Rock, tingelt in den 1980ern durch den Electric Rock, unternimmt in den 1990ern Ausflüge in den Hard Rock und sucht später immer wieder nach dem Ton der frühen 70er. Es entstehen Retro-Alben, die Bezug nehmen auf die Höhenflüge des Anfangs. Er verkauft 60 Millionen Alben zu einer Zeit, in der man mit dem Plattenverkauf noch Geld verdient. Aber die Besucher seiner Konzerte kommen, um wenigstens in der Zugabe den Atem der Lokomotive von 1971 zu hören. 

Es gibt Musiker, die sich weigern, ihre alten Hits zu spielen. Die das Publikum zwingen wollen, ihre eigene musikalische Entwicklung mitzugehen. Ian Anderson ist das fremd. Er sagt, er sei stolz auf sein altes Material, und freue sich, wenn die Menschen es immer noch hören mögen. Der Schotte erzählt gelegentlich eine Geschichte, in der er Jimmy Page von Led Zeppelin am Flughafen trifft. Beide unterhalten sich darüber, was sie als Rock-Opas gerade so anstellen, und kommen darauf, dass sie dasselbe machen: Sie sitzen im Studio und arbeiten an ihren alten Alben. "Wir sind die Verwahrer der Kronjuwelen", sagte Anderson vor drei Jahren in einem Interview mit Spiegel-Online. Ab und zu müsse man sie aus ihrem Gewölbe holen, damit die Öffentlichkeit sie in ihrem ganzen Glanz bewundern könne. Dabei sah es schon einmal so aus, als sei Anderson seiner eigenen Geschichte überdrüssig geworden. Vor einigen Jahren löste er Jethro Tull offiziell auf. Er wolle nicht länger auf der Straße als Mister Tull angesprochen werden, er wolle stattdessen, dass sein richtiger Name berühmt werde.

Too Old to Rock'n'Roll, Too Young to Die:

 

Nun ist Jethro Tull offiziell zurück und man kommt nicht umhin, an einen der ganz frühen Hits zu denken: Too Old to Rock'n'Roll, Too Young to Die von 1976 erzählt die Geschichte eines alternden Rockstars, der im Gegensatz zu seinen Kumpels den Absprung aus seinem Rockstar-Leben nicht schafft und ungebremst mit dem Motorrad in eine Sackgasse rast. Ian Anderson sagte einmal über sich: "Ich kann nicht einfach so aufhören. Ich werde Musik machen so lange es geht." Nur das Züchten der Lachse hat er mittlerweile aufgegeben.

Ministrel in the Gallery:

 

Im Konzert Jethro Tull treten am Freitag ab 19.30 Uhr auf der Freilichtbühne Zwickau auf. Karten gibt es in allen "Freie Presse"-Shops in Ihrer Nähe.

freiepresse.de/meinticket

 

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