Der letzte Akt des Leonard Cohen

Posthum ist soeben ein Album mit unveröffentlichten Songs des 2016 gestorbenen Songpoeten erschienen. Zurecht wecken solche Veröffentlichungen erst einmal Misstrauen - oft hat der Künstler das Material aus gutem Grund in der Schublade gelassen. Anders in diesem Fall: "Thanks for the Dance" ist ein lohnendes Juwel!

Los Angeles.

So sanft wie selbstbewusst eröffnet Javier Mas' spanische Laute "Happens To The Heart" und damit das unwiderruflich letzte reguläre Studioalbum Leonard Cohens "Thanks For The Dance". In den folgenden viereinhalb Minuten dieses wundervollen Liedes hört man ein Dutzend weiterer Instrumente, darunter verschiedene Bläser von der Oboe bis zur Trompete, Streicher und ein Piano. Trotz dieses quantitativen Aufgebots gelingt gleichwohl jenes seltene Kunststück, die intime, nahezu magische Besinnlichkeit von Melodie plus Cohens sanft glühender Sandpapierstimme nicht nur zu bewahren, sondern hervorzuheben. Intensiver kann ein Einstieg kaum gelingen.

Drei Jahre nach dem Tod dieses Riesen unter Giganten, den man zu Recht "Father of Song" oder "Partisan der Liebe" nannte, erblicken nun diese neun Stücke das Licht der Welt. Es handelt sich wohlgemerkt weder um Outtakes noch andere zweifelhafte Ausgrabungen, wie sie oft nach dem Ableben gewichtiger Musiker den Markt heimsuchen. Im Gegenteil: Cohen arbeitete bis zuletzt eingehend an diesen Tracks, plante Arrangements wie Instrumentierung. Am Ende konnte nichts seine unermüdliche Kreativität stoppen, außer Gevatter Tod.

Sein Sohn, Adam Cohen, der bereits das Album "You Want It Darker" produzierte, das wenige Tage vor Leonards Ableben erschien, übertrifft sich hier selbst. Denn vergessen wir nicht: Seit dem Heimcomputersound von "Various Positions" (1984) wünschte man Cohen stets einen Produzenten, wie ihn ein Mann seiner Größe verdient. Sein Filius, der die Songs ebenso sensibel wie warm arrangiert, macht alles richtig. Das Ergebnis zeugt von tiefem, inneren Verständnis. Cohen jr. begreift die Lieder seines Vaters nicht nur. Er durchdringt sie bis ins Mark. Dabei gelingt ihm das nahezu paradoxe Kunststück, die Stücke gleichzeitig ästhetisch ansprechend in viele Instrumente zu verpacken wie auch deren Essenz puristisch freizulegen. Schlussendlich umhüllt sich Cohens innewohnender Geist durchgehend mit einem musikalisch adäquaten Mantel. Dass neben Leonards alter Weggefährtin Jennifer Warnes auch Stars wie Beck, Feist, Arcade Fire, The National oder Damien Rice auftauchen, bemerkt man indes kaum. Bescheiden und dienlich bringen sich alle ein und lassen ihre Egos vor der Tür.

So knüpft alles höchst passend an das bislang nie erreichte Klangbild großer Alben wie "Songs Of Love And Hate" (1971) oder "New Skin For The Old Ceremony" (1974) an, die man an dieser Stelle uneingeschränkt empfehlen muss. Alles fokussiert mithin auf Ausdruck und Worte des großen Kanadiers. Da ist der sezierende, hochgradig pointierte Scharfsinn, der sich in typischer, hochsympathischer Manier nie aufs hohe Ross setzt, sondern stets genug Raum für Selbstironie, suchende Neugier und unerschütterliches Festhalten an der Liebe lässt. Ebenso finden sich persönliche Bestandsaufnahmen, teils schonungslos gegen sich, teils spirituell und teils aufgeladen mit dem Sex und Eros seiner vielen Gefährtinnen, natürlich auch die berühmte Marianne Ihlen aus "So Long, Marianne". In "Moving On" wendet er sich so rührend wie würdevoll ein letztes Mal an seine fast zeitgleich verstorbene norwegische Freundin, während Mandoline und Akustikgitarre einander umarmen wie es jene beiden Liebhaber einst getan haben.

Mit dem elegischen "Puppets" schließt er seinen Zyklus den Holocaust thematisierender Stücke. Im 1964 erschienenen Gedicht "Failure Of A Secular Life" aus seinem Sammelband "Flowers For Hitler" bettete er den Völkermord als makabre Pointe ein. Sein kultisch verehrtes 1984er Liebeslied (samt grandiosem Videoclip) basiert in Form der brennenden Violine ursprünglich auf jenen Musikern, die im KZ gezwungen wurden, Ermordung und Verbrennung zu übertönen. "Puppets" nimmt einen dritten Blickwinkel ein, der die grausame Unzulänglichkeit der Menschheit vom Konkreten ins Globale erweitert und schließlich zurück zum Individuum gelangt, das zur Puppe verkommt, falls es sich zur Untat instrumentalisieren lässt.

Einnehmend gelingen auch die erotischen Bilder. Die "Night Of Santiago" erobert mit Handclapping und zwei Akustikgitarren den Hörer wie die Begierde beider Protagonisten eines One Night Stands, die einander zwar belügen, aber womöglich gerade deshalb füreinander unvergesslich bleiben. "It's Torn" hingegen spielt geschickt mit den Ebenen Eros, Philosophie und Spiritualität. Das Bild von Salz auf der Schulter und offenem Haar bleibt ewig, erneuert sich. Der Mensch bleibt vergänglich. Keiner brachte Zen je so sexy wie Cohen. Kann Kunst mithin noch besser werden als gleichzeitig zu fragen, zu konfrontieren und zu umarmen? Nein, der Mann aus Montreal bleibt der Father of Song. Wie kein anderer verknüpfte er die Weisheit vieler Jahrhunderte mit dem frischen Blick eines Kindes.

Der Clou: Die Musik verführt auch ohne Text. So abgrundtief seine Zeilen auch geraten. Cohen neigte sympathischerweise nie zu Predigertum. All jene, denen der Sinn lediglich nach reinem Hörgenuss und sinnlich erfühlbarer Musik steht, finden hier ein berückendes Erlebnis. Man nehme nur "The Goat" als Beispiel und entdecke die liebliche Pianofigur als Ergänzung zu Cohens rauer wie warmer Stimme. Kein Wunder somit, dass Cohens lebenslang währende, nie aufgesetzte Bescheidenheit sich auch in den allerletzten Worten der Platte manifestiert. "Höre dem Kolibri zu, dessen Flügel man nicht sieht. Höre dem Kolibri zu, nicht mir."

Das Video zum neuen Cohen-Song "Happens To The Heart"

 

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