Der Naturbewunderer

Starkünstler Ólafur Eliasson zeigt derzeit in London eine Retrospektive seines Schaffens - eine Reihe von spektakulären Installationen, die Naturphänomene erfahr- und erlebbar machen. Eine grandiose Schau mit Spaßfaktor.

London.

Die Tate Modern am Themseufer ist seit Jahren ein Besuchermagnet für Londoner und Touristen gleichermaßen. Zurzeit ist im neuen Anbau des Museums die Sonderausstellung "Ólafur Eliasson: In Real Life" zu sehen. Ein absolutes Highlight, das sich kein London-Besucher entgehen lassen sollte. Licht und Schatten, raffinierte Spiegel, Mooswände und kleine Wellenmaschinen entführen die Besucher in neue Welten und lösen einen Aha-Effekt nach dem anderen aus. Es gleicht einer Spielwiese, die auch für Kinder interessant und lehrreich ist.

Ólafur Eliasson, Däne mit isländischen Wurzeln, gehört zu den renommiertesten Künstlern der Gegenwart. Der in Berlin arbeitende Licht- und Installationskünstler hat ein ganz besonderes Verhältnis zur Tate Modern. Mit seinem "Weather Project", einer glühenden illusionären Sonne unter der Spiegeldecke der gigantischen Turbinenhalle des ehemaligen Kraftwerks, setzte der Künstler 2003 neue Maßstäbe in der Gegenwartskunst. Das von zwei Millionen Menschen besuchte Projekt war ein Wendepunkt in seiner künstlerischen Karriere - und auch für das bis heute gültige Erfolgskonzept der Tate Modern. In einer Art gegenseitigem Dankeschön haben sich beide nun zu einem ersten umfassenden Überblick über drei Jahrzehnte des Schaffens von Eliasson zusammengetan.

Schon auf der Terrasse draußen werden Besucher von einer haushohen Installation - "Wasserfall 2019" - begrüßt, die Eliasson speziell für London schuf. Gerade in den Sommermonaten war das Wasser, das von einem zwölf Meter hohen Stahlgerüst stürzte, für viele Passanten und Museumsbesucher eine willkommene Abkühlung.

Das Thema von Schönheit und Zerbrechlichkeit der Natur setzt sich drinnen mit einer 20 Meter langen Wand aus skandinavischem Rentiermoos fort. Spiele mit Licht und Schatten, Dunst, Wasser, Farben und Spiegelreflexionen laden zum Nachdenken über Umgebung und Miteinander ein. Die Ausstellung ist vor allem eine Abfolge spektakulärer Installationen, die Naturphänomene mit einer technischen Versuchsanordnung darstellen. Erfahren, erleben - Wissen, das durch Wahrnehmung entsteht. Körperlichkeit und Bewegung, die zu Erfahrung führt. All das hat durchaus auch poetisches Potenzial.

Kaleidoskope aus Spiegelglas und Aluminium eröffnen neue Perspektiven nach innen und nach außen. Die Installation "Dein Blinder Passagier 2010" lädt zu einem Gang durch einen fast 40 Meter langen "Nebelkorridor" ein, in dem der Besucher sich an den Wänden entlang- tastet. Nichts für Menschen mit Platzangst. Die Erfahrung mit "Grusel-Faktor" ruft ganz unterschiedliche Reaktionen hervor. Vor allem aber Assoziationen.

Man projiziert seine Gefühle, seine Träume, Ideen und Gedanken in ein Kunstprojekt hinein. Eliasson: "Manchmal ist es auch ein bisschen Arbeit, ins Museum zu gehen. Das ist nicht wie in den Supermarkt zu gehen und zu sagen: ,Jetzt geht es mir aber gut.' Wir sind hier, um uns selber zu hinterfragen. Um uns selber zu untersuchen und uns selber auch im Kontext der großen Welt zu sehen." Wichtig aber sei bei all seinen Werken der "Moment der individuellen Wahrnehmung" des Betrachters. Im zweiten Schritt sollte das Nachdenken kommen, was da draußen gerade mit unserem Klima passiert und welche Rolle der Mensch dabei spielt.

Mit den rund 40 ausgestellten Werken bringt der 52-jährige Starkünstler nicht nur Spaß und Erleben in die Tate. Die Mischung aus Erlebnis, Interaktion und umweltpolitischem Gewissensappell beinhaltet auch ernste Warnungen vor den Auswirkungen des menschlichen Handelns auf die Umwelt. Zur Natur hat Eliasson ein ganz besonderes Verhältnis. Die Natur von Island ist für ihn eine wichtige Inspirationsquelle. Eine Fotoserie in der Ausstellung zeigt einen langsam abschmelzenden Eisblock in der Form eines Wals - fast immer in der gleichen Kameraposition. Lässt man sich darauf ein, wird einem die Vergänglichkeit der Natur bewusst.

Eliasson arbeitet mit internationalen Organisationen wie der UN oder dem Weltwirtschaftsforum zusammen, aber auch Klimaaktivisten und Unternehmen gehören zu seinen Partnern und Auftraggebern. Für die Münchner Luxus-Shoppingmall "Fünf Höfe" entstand seine erste aus Stahlbändern geflochtene Kugel, für die Autostadt von Volkswagen in Wolfsburg ein Dufttunnel, für die 350 Geschäfte der Edelmarke Louis Vuitton eine eigene Lampe.

Auch in dem Land seiner Kindheit Island hat er sich verewigt: Das Konzerthaus Harpa in der Hauptstadt Reykjavik hat seit 2011 eine Eliasson-Fassade, inspiriert von den unterschiedlichen Lichtstimmungen seiner Heimatinsel, aus einer wabenartigen Struktur aus Glas, das je nach Wind und Wetter auf die wechselnden Tageslichtfarben reagiert.mit dpa

Die Ausstellung "Ólafur Eliasson: In Real Life" ist bis 5. Januar 2020 in der Londoner Tate Gallery of Modern Art, Bankside, sonntags bis donnerstags 10 bis 18, freitags und samstags bis 22 Uhr zu sehen. Vom 24. bis zum 26. Dezember ist das Museum geschlossen.

tate.org.uk

 

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