Der Reporter als Lügner

Der Enthüller des Skandals um den Reporter Claas Relotius hat ein reflektiertes Buch über die Affäre veröffentlicht. Es zeigt, wie Journalismus sein sollte - und wie nicht.

Hamburg.

Ende vorigen Jahres machte das Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" eine Affäre öffentlich, die der ohnehin angegriffenen Reputation der Medien in Deutschland schweren Schaden zugefügt hat. "Relotius hat den deutschen Journalismus verändert", schreibt der Aufdecker Juan Moreno, der jetzt ein Buch über den Fall veröffentlicht hat. "Er hat mich verändert. Die Leichtigkeit, mit der ich früher Lügenpresse-Krakeeler belächelt habe, ist dahin."

Claas Relotius hatte über Jahre frei erfundene Texte in Leit- und Debattenmedien publiziert - in "Spiegel", "Welt", "Süddeutsche Zeitung Magazin", "Cicero", "Financial Times Deutschland", auch in der "Neuen Zürcher Zeitung" und "Reportagen" aus der Schweiz. Er wurde mit Branchenpreisen ausgezeichnet wie kein Reporter vor ihm: mehr als 40-mal. Voriges Jahr war der damals 33-Jährige zur Verleihung des angesehensten Journalistenpreises hierzulande, dem Reporterpreis, in den Kategorien "Bestes Interview", "Beste Sportreportage" und zweimal "Beste Reportage" nominiert. Er erhielt den Preis für die beste Reportage. Laut Morenos Buch war Relotius für eine Leitungsposition beim "Spiegel" vorgesehen; auch seine unmittelbar Vorgesetzten hatten den Aufstieg in höhere Verantwortung vor Augen. Damit hätten sie den "Spiegel" für die kommenden Jahre geprägt.

Die Bombe platzte anlässlich einer gemeinsamen Arbeit, die Moreno und Relotius, auf getrennten Wegen, an die mexikanisch-US-amerikanische Grenze führte. Der Ruf des "Spiegel" und seiner Reporter gründet unter anderem darauf, dass für langfristige Recherchen im In- und Ausland ein erheblicher Aufwand getrieben wird. Wochenlange Recherchereisen und Stippvisiten nach Übersee sind keine Seltenheit; nicht immer kommt ein Artikel dabei heraus. Relotius und Moreno wurden auf einen Flüchtlingstreck zur mexikanischen Grenze und auf eine US-Bürgerwehr angesetzt, die an der Grenze privat Patrouille lief. Die Bürgerwehr war Relotius' Part, während der in Spanien geborene Moreno den Treck begleitete.

Relotius' Vorgehen und seine quasi mühelosen Erfolge weckten Morenos Misstrauen. Einem US-Insider, dem verdeckt arbeitenden Reporter Shane Bauer, war es nur unter größten Mühen und hohem Zeitaufwand gelungen, die Bürgerwehr-Szene zu infiltrieren; sein Bericht erschien in dem Magazin "Mother Jones". Relotius meldete nach drei Tagen Vollzug: Kontakt hergestellt, Vertrauen aufgebaut, man nähme ihn auf Streife mit. Dort erlebte Relotius Unglaubliches: Ein selbsternannter Grenzwächter schoss, natürlich illegal und wider alle Wahrscheinlichkeit, auf mutmaßliche Grenzgänger. Bevor diese Reportage, zu der Moreno aus Mexiko zugeliefert hatte und die Relotius federführend schrieb, am 27. November 2018 unter dem Titel "Jaegers Grenze" im "Spiegel" erschien, wandte sich Juan Moreno mit ernsten Bedenken an die Ressortleitung des Magazins.

Seine Kritik wurde abgebügelt. Man warf ihm Neid auf Relotius vor. Der Fälscher selbst erhielt Gelegenheit, sich herauszureden.

Das war Claas Relotius über die Jahre immer wieder gelungen. Dabei reichte es mitunter schon, eine selbst erstellte 08/15-Email-Adresse als Kontakt zur angeblichen Quelle auszugeben. Rückfragen von Redakteuren und "Spiegel"-Dokumentaren landeten damit bei Relotius selbst, der sie freundlich, lässig und in seinem Sinne beantwortete. Für den "Spiegel", der sich auf seine Faktenprüfung bis dahin besonders viel zugutehielt, ein Desaster.

Juan Moreno, der nicht zur "Spiegel"-Redaktion gehört, sondern als freier Reporter in Berlin tätig ist, ein verheirateter Vater von vier Kindern, beschreibt in seinem Buch anschaulich, welche existenziellen Ängste die Affäre bei ihm auslöste. Wochenlang stand er als Nestbeschmutzer da, sorgte sich als Mitautor eines offenbar erschwindelten Textes um seinen Ruf. Ganz anders Relotius. Ihn hatte kurz vor der Verleihung seines letzten Reporterpreises am 3. Dezember 2018 eine beunruhigende Email aus den USA erreicht. Die Sprecherin einer Bürgerwehr in Arizona fragte wütend an, wie er ihre Truppe in "Jaegers Grenze" habe beschreiben können, ohne sie zu kontaktieren. Der Chef der Arizona Border Recon war dafür bekannt, dass er Interviews und Fotos ermöglichte, gegen Bezahlung. Relotius habe in diesem Moment klar sein müssen, dass er auffliegen würde, schreibt Moreno. Die Preisverleihung zog er trotzdem durch.

Die Relotius-Affäre hat in der Branche mehrere Debatten angestoßen, von denen durchaus nicht sicher ist, ob sie zu einem guten Ende kommen werden. Da ging es etwa um die Verhältnisse im Spitzenjournalismus, der nach der Ökonomie der Aufmerksamkeit entscheidend für die Wahrnehmung gesellschaftlicher Prozesse in Deutschland ist. Relotius war nicht der erste Betrüger, dem die im Prinzip gut ausgestatteten und höchst fachkundigen Redaktionen auf den Leim gegangen sind. In den vergangenen Jahrzehnten zieht sich eine Spur von den gefälschten "Hitler-Tagebüchern" im "Stern" über den TV-Fälscher Michael Born ("Spiegel TV", "Stern TV" und andere), den Fake-Interviewer Tom Kummer ("Süddeutsche Zeitung Magazin" und viele andere) bis zu Relotius, und das sind nur die großen Fälle. Eine Mischung aus Gutgläubigkeit und Selbstgefälligkeit, so lässt sich bei Moreno herauslesen, habe dazu geführt, dass Sicherungen durchgebrannt sind.

Die Branche diskutiert auch über Preisträgerprosa und Fehlerkultur. Die Affäre Relotius fällt in eine Zeit, in der die Glaubwürdigkeit der (Leit-)Medien unter Druck geraten ist. Das hängt mit Fehlern, aber auch mit Interessen zusammen - politische Machtkämpfe spiegeln sich im Kampf um die Deutungshoheit. Moreno bemerkt selbst, dass Relotius' Texte gewisse (links-)liberale Vorstellungen, wie sie beim "Spiegel" gepflegt wurden, exakt bedienten.

Als der Schwindel aufflog, ergriff der "Spiegel" die Flucht nach vorn und setzte sich an die Spitze der Aufarbeitung. Eine Kommission erstellte einen Bericht, der im Magazin am 27. Mai 2019 gedruckt wurde und bei "Spiegel online" zu finden ist.

Relotius' Texte waren aber nicht nur mit falschen "Tatsachen" gespickt, sondern auch mit Gefühlskitsch (es wurde viel gesungen) und groben Vereinfachungen. Das hat eine Debatte über das "Spiegel"-eigene "Story"-Format und das Genre der Reportage ausgelöst. Die "Story", die komplexe gesellschaftliche Prozesse konsequent am Beispiel konkreter Protagonisten erzählt, hatte "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein von US-amerikanischen Vorbildern abgeschaut. Besonders viel verdankte er in den Anfangsjahren dem US-Magazin "Life". Die "Story" sollte den Leser fesseln und unterhalten, ihm komplizierte Prozesse verständlich machen und den "Spiegel" als Markenzeichen prägen. Augstein wünschte sich, dass man einen Text jederzeit als "Spiegel"-Text erkennt. (Dem dienten auch Marotten wie die Bildunterschriften mit umgestellten Aussagesätzen und Doppelpunkt: "Sagte Amen: der Pastor".)

Besonders gut funktionierte eine solche Geschichte, wenn sich der Grundkonflikt entlang eines einzelnen Protagonisten oder zweier gegensätzlicher Figuren oder Parteien erzählen ließ. In den letzten 25 Jahren sind in Deutschland viele Bücher für Schreibarbeiter erschienen, die Textstrukturen empfehlen, wie man sie aus Drehbüchern für Hollywoodfilme kennt. Grundmodell: die Heldenreise à la "Odyssee". Ein Protagonist macht sich nach einem auslösenden Erlebnis auf den Weg zu einem Ziel, trifft auf Probleme oder Gegenwehr, gibt fast auf, schöpft frischen Mut, überwindet die Schwierigkeiten und kommt geläutert zum Ausgangspunkt zurück.

Erstaunlich viele Preisträgerreportagen folgen (zumindest in Teilen) diesem Muster, an Reporterschulen wurde das als "filmisches Schreiben" gelehrt. Allein: So sind nur Filme, nicht die Wirklichkeit. Menschen in ihrem eigenen inneren Widerspruch, komplexe Motivlagen, Probleme mit vielen Aspekten passen in ein solches Schema nicht hinein. Hans Magnus Enzensberger hat das in seinem kritischen Essay "Die Sprache des Spiegel" übrigens schon 1957 festgestellt (Der Text wurde im "Spiegel" damals abgedruckt und steht heute online).

Die Komplexität des Lebens zu reduzieren, um es erfassbar zu machen, ohne aber den Tatsachen Gewalt anzutun: Das ist für Journalisten eine tägliche Aufgabe mit ethischer Dimension.

Relotius, schreibt Moreno, sei genau genommen gar kein Reporter gewesen, sondern ein Hochstapler. Nachdem er aufgeflogen war, verteidigte er sich damit, dass er nach seinen Anfangserfolgen niemanden habe enttäuschen wollen. Der Druck habe ihn zum Fälschen verführt. Dem hält Moreno entgegen, dass Relotius schon früher beim "Spiegel" intern von einer krebskranken Schwester erzählt hätte, um die er sich gekümmert habe. Eine Lüge: Er hat keine Schwester.

Einige Monate nach der Affäre erzählte ein "Spiegel"-Kollege dem Enthüller Moreno, er habe den Übeltäter per Email erreicht: Relotius schreibe, dass er sich in einer süddeutschen Klinik in Behandlung befinde. Tags darauf will eine "Spiegel"-Sekretärin Claas Relotius auf der Straße gesehen haben. Er sei Fahrrad gefahren. In Hamburg.


Das Buch

Juan Moreno: "Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus" Rowohlt-Verlag; 285 Seiten kosten 18 Euro.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 3 Bewertungen
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