Der "schwarze Schwan Israels"

Vor 150 Jahren wurde die Lyrikerin Else Lasker-Schüler geboren

Wuppertal/Berlin.

Sobald Else Lasker-Schüler in den 1920er-Jahren das berühmte Romanische Café in Berlin betrat, ging ein Raunen durch den Raum, denn unter den Künstlern, die dort verkehrten, verkörperte sie die auffälligste Figur. Sie kleidete sich so, als sei sie im Begriff, einen Kostümball zu besuchen, behängte sich mit klapperndem Billigschmuck und gebärdete sich wie eine Prinzessin. All diese lächerlichen Attitüden schmälerten ihren Ruhm als Galionsfigur des Expressionismus nicht. Die außergewöhnliche Melodik ihrer Lyrik, in der sie einzigartige Metaphern verwendete, blieb bis heute unerreicht. Die Musikalität ihres Stils schlug sich beispielhaft in dem Liebesgedicht "Heimlich zur Nacht" nieder: "Ich habe dich gewählt / Unter allen Sternen // Und bin wach - eine lauschende Blume / Im summenden Laub. // Unsere Lippen wollen Honig bereiten, / unsere schimmernden Nächte sind aufgeblüht. // An dem seligen Glanz deines Leibes / Zündet mein Herz seine Himmel an."

Lasker-Schüler, die am kommenden Montag vor 150 Jahren in Elberfeld im Bergischen Land zur Welt kam, neigte bezüglich ihrer Biografie zur Legendenbildung. Ihren Vater, der sich vom Handlungsreisenden zum Inhaber einer bescheidenen Privatbank emporhangelte, stilisierte sie zum Architekten. Auch behauptete sie, dass sie bereits mit vier Jahren schreiben konnte. Im Alter von fünf will sie gar schon Strophen verfasst haben. Ins Zentrum ihrer Familienmythologie rückte sie die Mutter: "Meine Mama hat früher immer mit mir gedichtet. Überall fand sie Papierschnitzel, die aus meinen Kleidertäschchen fielen, mit Versen." Als die Mutter 1890 starb, verfiel die gerade volljährig gewordene Tochter in tiefe Schwermut.

1894 heiratete sie den Arzt Berthold Lasker. Doch die Ehe verlief unglücklich. Die junge Frau zog sich von ihrem Mann zurück und eröffnete ein Atelier, wo sie zeichnete und sich mit Fotografie beschäftigte. In diese Zeit fällt die Geburt ihres einzigen Sohnes Paul. Bald wagte sie eine Liaison mit dem Schriftsteller Peter Hille, der als Vagabund quer durch Europa streunte. Ihm verdankte sie entscheidende Impulse für ihre literarische Entwicklung. Er nannte sie wegen ihrer jüdischen Abstammung den "schwarzen Schwan Israels". Doch nicht alle vergötterten die Außenseiterin, die von Armut bedroht war und von einer Bleibe zur nächsten hastete. Franz Kafka etwa notierte 1913: "Ich kann ihre Gedichte nicht leiden, ich fühle bei ihnen nichts als Langeweile ... "

Lasker-Schüler fürchtete den spürbar wachsenden Antisemitismus. Von den Nazis massiv bedroht, emigrierte sie 1933 nach Zürich, wo 2013 überraschend ein Konvolut von bisher unbekannten Poemen und Briefen der Autorin auftauchte, das jetzt erstmals erschien. 1939 verließ Lasker-Schüler die Schweiz und wanderte nach Palästina aus. Sie starb 1945 vereinsamt in Jerusalem und fand ihre Grabstätte auf dem Ölberg.

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