Der unstete Magier

Nur kurz spielte Michael Schenker bei der Band seines älteren Bruders Rudolf: Zwar wurden die Scorpions auch ohne ihn erfolgreich, doch unter Gitarristen gilt der Mann wegen seines einmaligen Stils als einer der einflussreichsten Musiker des Rock, den sogar die Rolling Stones einst anwerben wollten. Woher kommt diese Klasse?

Kann man sich vorstellen, dass Ikonen wie Steve Harris von Iron Maiden, Kirk Hammett von Metallica, Slayers Kerry King, Dream Theaters John Petrucci, Motörheads Phil Campbell oder Slash von Guns n' Roses ein und dasselbe Vorbild haben? Sicher. Aber kann es sich dabei um einen deutschen Gitarrero handeln, der aus der niedersächsischen Provinz stammt und nahezu gleichen Alters ist wie genannte Superstars? Ein Mann, der noch dazu der kleine Bruder von Scorpions-Gitarrist Rudolf Schenker ist? Kaum zu glauben, dennoch wahr: Michael Schenker genießt unter Musikern allerhöchstes Ansehen, und mit dem Album "Revelation" startet der rockende Germane nun ein furioses Comeback.

Bei Schenker handelt es sich um einen sehr speziellen Akteur im Zirkus harter Rockmusik. Einerseits großer Pionier und Veteran des Genres: Ein Musiker, dessen Spiel und Bedeutung auf Augenhöhe mit den allergrößten Genre-Äxten rangiert. Zum anderen verströmt sein Name aber bei Fans nicht ganz denselben Glamour der Genannten. Das hat durchaus Gründe - mit Fug und Recht darf man Schenker als Stehaufmännchen des Hardrock bezeichnen.

Sein kometenhafter Höhenflug startet bereits mit 16 Jahren. Nachdem Bruder Rudolf ihm seine Scorpions vorstellt, legt er schon auf deren 1972er-Debüt "Lonesome Crow" richtig los. Den Sänger Klaus Meine brachte er von seiner Band Copernicus zudem gleich mit. Obgleich er nie festes Mitglied war, bleibt er der Truppe verbunden und hinterlässt manchen Stempel auf späteren Alben, beispielsweise dem berühmten "Lovedrive". So komponiert er mit Rudolf etwa deren instrumentale Visitenkarte "Coast To Coast" oder den Balladenklassiker "Holiday". Doch als die Scorps sich auf einer Tour mit den englischen Hardrock-Taufpaten UFO befinden, zeigen sich die damals wesentlich bekannteren Briten so begeistert von Schenkers Fähigkeiten, dass sie den Jungspund direkt anheuerten, obwohl er damals noch kein Englisch sprach. Gute Entscheidung! Mit Schenker werden sie ab 1974 gemeinsam zur Legende, sogar die Rolling Stones versuchen ihn abzuwerben. In den folgenden fünf Jahren bringen sie sechs LPs heraus und ernten internationale Hits wie "Doctor, Doctor" oder "Rock Bottom".

Doch die erste Talfahrt lauert bereits auf den Norddeutschen. Das Rockstar-Leben fordert seinen Tribut. Ausgezehrt vom ewigen Kreislauf des Tourens, Komponierens und Aufnehmens schlittert Schenker in die Alkoholabhängigkeit und wirft zum Ende der Dekade das Handtuch. "Meine Musik und besonders das Spielen meiner Lead-Gitarre waren immer davon abhängig, wie ich mich gefühlt habe."

Das stimmt bei ihm im Guten wie im Bösen. War er mit sich im Reinen, erwies er sich als angenehmer Zeitgenosse und lieferte hervorragende Platten voller Energie und melodischer Kraft ab. Besonders die frühe Phase seiner eigenen Band Michael Schenker Group, kurz MSG, wirft in den 80ern einen langen Schatten. Wer sich hierfür interessiert, sollte sich chronologisch an deren Scheiben heranwagen. Besonders das von Deep Purples Roger Glover produzierte Debüt von 1980 lohnt sich als Einstieg. Ab 1987 steht MSG dabei für "McAuley Schenker Group" dank Robin McAuleys, dem dauergewellten Ex-Far Corporation-Sänger im Hairmetal-Look. Doch entgegen manchen Spotts von Fanseite erweist der Ire sich über mehrere Alben als perfekter Partner.

Befindet sich Schenker jedoch im Ungleichgewicht mit sich selbst, gehen sowohl Qualität als auch Stabilität den Bach herunter. Es gab Perioden heftigen Kontrollwahns, von Egozentrik und derber Konflikte mit Kollegen, die im Fall UFO auch zu handfesten Schlägereien führten. Auch die Musik litt dann, Besetzungen blieben nicht lange bestehen, Kontinuität gab es selten. Deshalb haben große Teile seines Katalogs eher den Charakter von Projekten und bieten songwriterisch in manchen Jahren viel mediokre Konfektionsware. "Ich verstehe mich heute selbst besser und warum mein Leben so gelaufen ist, wie es ist. Ich wollte immer lieber Zufriedenheit als berühmt zu sein. Für mich ging es darum, ich selbst zu sein. Es ging um die reine Freude daran, Gitarre zu spielen." Ausdruck der neuen Gelassenheit ist das Michael Schenker Fest: Die Formation existiert seit kurzem und zeigte bereits 2018 mit "Resurrection" ein erstes Lebenszeichen. Der Erstling bot jedoch nicht gerade großartiges Songwriting und verfügte noch nicht über echte Bandchemie.

Das ist bei "Revelation" nun gänzlich anders. Endlich serviert Schenker genau das Album, auf welches man seit 30 Jahren wartet. Schon die Besetzung beeindruckt als eine Art Superheldenausgabe von MSG. Besonders Simon Phillips sticht heraus, dessen charismatisches Drumming auch schon von The Who, Mike Oldfield oder Toto eingesetzt wurde. Als Sänger sind Gary Barden und McAuley mit von der Partie, ebenso wie die beiden ehemaligen Rainbow-Shouter Doogie White und Graham Bonnet. Letztere Stimme ist dem Rockpublikum durch den Evergreen "Since You've Been Gone" aus dem Jahr 1979 im Ohr.

Typischerweise geht es auch auf "Revelation" nicht ganz ohne Irritation. Ausgerechnet der Beginn des Albums geht mit "Rock Steady" nach hinten los. Der Song ist kaum mehr als eine lahme Aneinanderreihung abgehalfterter Klischees, ein bierseliger Rockbaukasten des Grauens. Danach hebt die Platte allerdings ab wie ein Adler und macht jeden noch so skeptischen Hörer zur willenlosen Beute. Alle zwölf Folge-tracks zünden ein loderndes Feuerwerk bärenstarker Melodien in vollendeter Handwerkskunst. Besonders clever geraten die Arrangements. Hier bringt die Allstartruppe lässig Freunde der Classic-Rock-Schiene an einen Tisch mit Metalfans. Der Trick besteht darin, über Drums und Gitarre recht puren Heavy Metal klassischer Prägung abzufeuern, während die Vocals ausgiebig in Melodic Rock/AOR-Gewässern fischen. Im Ergebnis entsteht ein schmackhafter, sehr homogener Cocktail, auf dem die größtenteils weit jenseits der 60 befindlichen Musiker klingen, als wären sie in einen Jungbrunnen gefallen.

Highlights gibt es zuhauf. Als Einstiegsdroge eignet sich perfekt "The Beast In The Shadows". Während Schenkers Axt den schlichten, aber effektiven Hammer auspackt, bauen Text und Gesang eine anmutige Melodie auf, die im elegant hymnischen Chorus über den Hörer hereinbricht wie eine Welle. Ihre Zeilen funktionieren dabei doppelbödig ebenso als monströser Horrorsong wie auch als Allegorie auf innere Dämonen wie Depressionen oder Süchte. "Warte ich auf das Biest aus dem Schatten, damit es mich mit dem Gift seiner Hand berührt?"

Mitreißend, zu hören wie sehr aus einem Guss alle Beteiligten agieren. Jeder bringt seinen jeweiligen Beitrag auf höchstem Niveau und mit maximaler Leidenschaft ein, ohne jene Eitelkeit oder Egozentrik, die man in vielen Supergroups all zu häufig antrifft - nur zum Schluss gönnt sich der Meister mit "Ascension" ein instrumentales Schaulaufen, in dem er vom schroffen Riff bis zum Breitwand-Solo alles auspackt, was seine Flying V hergibt.


Ein Video von einer Jam-Session zwischen Kirk Hammett und seinem Idol Michael Schenker:

 

 

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