Devid Striesow: "Quantität bringt kein Glück"

Der Schauspieler über Alfons Zitterbacke, Wohnkapseln, Weltraumtourismus, verpasste Promi-Klassentreffen und seine begrenzten Fähigkeiten als Goldschmied

Die Abenteuer des jugendlichen Tollpatschs Alfons Zitterbacke erfreuten sich in der DDR größter Beliebtheit, und das längst nicht nur unter minderjährigen Lesern. Nun transferiert der Kinofilm "Alfons Zitterbacke - Das Chaos ist zurück", der nächste Woche in die Kinos kommt, die humorvollen Geschichten ins Hier und Jetzt. Schauspieler Devid Striesow, der selbst im Osten Deutschlands aufgewachsen ist und mit dem Film "Ich bin dann mal weg" oder als Hauptkommissar Jens Stellbrink im "Tatort" Saarbrücken bekannt wurde, schlüpft darin in die Rolle von Alfons' Vater Paul. André Wesche hat mit ihm gesprochen.

Freie Presse: Herr Striesow, gehörte Alfons Zitterbacke zu Ihrer Kindheitslektüre?

Devid Striesow: Ja, tatsächlich. Wobei ich mich an die einzelnen Streiche gar nicht mehr genau erinnern kann. Es steht auf meiner To- do-Liste, die Streiche vor der Premiere noch einmal durchzulesen. Ich erinnere mich aber noch an die Verfilmung aus 1966. Damals hat Günther Simon den Vater gespielt. Ich habe die Szene mit dem Sprungbrett noch ziemlich deutlich vor Augen.

Was macht für Sie den zeitlosen Charme dieser Geschichten aus?

Die Eltern-Kind-Beziehung. Mit der Figur des Alfons wird dieser zehnjährige Pechvogel in den Mittelpunkt gestellt, der das Sinnbild für gleichaltrige Kinder ist, die sich ebenfalls ausgeschlossen und von allen verlassen fühlen. Kinder, die ihr Leben im Alleingang meistern müssen. Diese Figur dann zum Helden zu machen, ist schon ein kluger Schachzug. Alfons zieht sein Ding durch und ist derjenige, der zuletzt lacht, weil er eben doch unterstützt wird. Das ist eine dankbare Geschichte. Dazu braucht es natürlich ein Elternpaar, das manchmal etwas zu streng ist und als Antipode zum Helden agiert. Am Ende sehen sie natürlich ein, dass sie den besten Sohn der Welt haben.

Waren Sie ein artiges Kind oder eher ein Rabauke?

Ich habe viel Zeit an der Geige verbracht und mich ansonsten eher unauffällig verhalten. Ich glaube, ich war sehr verträumt, sehr bei mir und sehr für mich. Ich bin auch nicht in den Kindergarten gegangen. Ich habe die Zeit, die man normalerweise dort zubringt, auf der Straße verbracht. So habe ich alle Leute aus unserem Viertel ganz gut kennengelernt. Auch sehr viele ältere Leute aus Rostock, ehemalige Seeleute und Kapitäne. Ich erinnere mich an einen Förster, dem ich auf der Geige vorgespielt habe und der mir seine Jagdtrophäen gezeigt hat. Das waren alles sehr interessante Charaktere. Wahrscheinlich habe ich sie damals schon studiert und im Unterbewusstsein in meine Karteikärtchen gepackt. Bei der heutigen Kindergeneration wäre das wohl gar nicht mehr möglich. Oft hat man ja kaum mehr Kontakt zu den Menschen, die einen umgeben oder sogar im selben Haus wohnen.

Unser "Astro Alex" hat im Film einen schönen Cameo-Auftritt. Würden Sie gern ins All reisen, wenn Weltraumtourismus erschwinglich wird?

Ich glaube, ich würde es mir lieber erzählen lassen. Ich habe Bammel vor diesen engen Raumkapseln. Ich kriege in einer MRT-Röhre zwar keinen großen Anfall, es ist nicht wirklich eine Phobie. Aber dauerhaft auf so kleinem Raum ... Ich bin in einer sehr kleinen Wohnung aufgewachsen, diese Beklemmung hängt wohl immer noch damit zusammen. Wir hatten teilweise zu fünft 48 Quadratmeter. Das war sehr, sehr wenig. Deshalb habe ich mit kleinen Räumen echt ein Problem. Ich würde mir gern etwas von Reisenden erzählen lassen. Aber selbst ins All reisen muss ich nicht unbedingt.

Alfons' Vater Paul Zitterbacke handelt nicht immer pädagogisch wertvoll. Sie sind selbst mehrfacher Vater. Welche Werte, aber auch welche Grenzen sind Ihnen bei der Erziehung besonders wichtig?

Ich gehe davon aus, dass man selbst Vorbild sein muss. Ich glaube, Albert Schweitzer hat das formuliert. Das Setzen von Grenzen hat auch ganz viel mit Freiheit und mit Beobachtung zu tun. Mit der großen Intention, viele Freiheiten ausprobieren zu lassen. Nicht zu viel zu reglementieren, sondern Erfahrungen zuzulassen. Die Grenzen zeigen sich dann von selbst auf, für jeden individuell. Am wichtigsten sind immer die Beobachtung und das Reflektieren. Jedes Kind ist anders und ich habe keine vorgefassten Vorstellungen, was sein darf und was nicht. Erst einmal muss ein Kind alles dürfen. Und es muss sich in jeder Form geliebt fühlen. Dann kann man abwägen, wo man einschreitet.

Ihr Sohn Ludwig ist mittlerweile erfolgreich in Ihre Fußstapfen getreten. Freut Sie das oder wäre es Ihnen lieber, er wäre beispielsweise Astronaut geworden?

Was ich von meinem großen Sohn gesehen habe, finde ich wirklich großartig. Ich bin sehr stolz darauf, was für einen Weg er einschlägt und wofür er sich entscheidet.

In diesem Jahr liegt Ihr "Ernst Busch"-Abschluss 20 Jahre zurück. Ein legendärer Jahrgang, zu dem auch Lars Eidinger, Nina Hoss, Fritzi Haberlandt und Mark Waschke gehörten. Gab es damals gemeinsame Feten, bei denen man über Träume und Wünsche gesprochen hat?

Ich habe neulich erst mit Schrecken festgestellt, dass es wirklich schon 20 Jahre her ist. Und, nee: Es war eine sehr stringente Studienzeit. Schon während des Studiums haben sich solche Grüppchen gebildet, die mehr damit zu tun hatten, wer mit wem besonders intensiv zusammengearbeitet hat. Ein Szenenstudium dauerte immer um die sechs Wochen. Eine oder zwei Szenen aus einem Stück wurden genommen und unter einer Regie, einem Lehrer, einem Dozenten umgesetzt. Die Höchstzahl von Studenten, die an diesen Szenen gearbeitet haben, war vier. Oft waren es auch nur zwei oder drei. Dabei sind schon Freundschaften entstanden und man hatte auch abends Kontakt zueinander, aber meistens, um den Text durchzugehen oder das Stück zu analysieren. Einen meiner besten Freunde aus dieser Zeit habe ich aber immer noch, Uwe Fischer ("Halb Acht"). Wir pflegen einen sehr intensiven Kontakt. Ansonsten freuen wir uns immer alle, wenn wir uns begegnen, ob in der Arbeit, auf der Berlinale oder nur durch Zufall.

Es gibt also niemals so etwas wie ein Klassentreffen?

Nein. Dazu hat jeder zu viel zu tun und wir sind zu sehr in aller Welt verstreut. Trotzdem sind wir uns alle wohlgesonnen. Ich habe sehr regelmäßigen Kontakt zu Professoren aus dieser Zeit. Zum Beispiel habe ich das Vorwort für das Buch meiner Sprecherzieherin verfasst, in dem sie nach so vielen Jahren ihre eigene Theorie der Sprecherziehung erstmals öffentlich macht. Professoren kommen in meine Vorstellungen, und hin und wieder nehme ich auch noch mal eine Stunde Unterricht. Da merkt man gar nicht, wie furchtbar schnell die Zeit vergeht.

Haben Sie vom "Tatort" mit einem lachenden und einem weinenden Auge Abschied genommen?

Nee. Es waren ein paar Jahre 'rum und ich konnte in aller Ruhe planen, einen Schlussstrich zu ziehen. Nach sechs Jahren und acht Folgen war es klar für mich, jetzt wieder mal neue Sachen auszuprobieren.

Eine Ihrer beeindruckendsten Rollen bislang war zweifelsohne der "Hans-Guck-in-die-Luft" in "Dr. Böhmermanns Struwwelpeter". Welche Erfahrungen haben Sie am Set gesammelt?

(lacht) Es waren zwei sehr lustige Drehtage mit einem jungen, dynamischen Team. Ich schätze Jan Böhmermann unglaublich als einen hyperintelligenten, reflektierten Menschen und wissenden Zeitgenossen, der sich mit Politik und dem ganzen Drumherum perfekt auskennt. Er ist witzig und sehr schnell, so eine Temperatur ist ungemein bereichernd. So etwas muss man einfach mitmachen, das verleiht einem die Impulse.

Nach den genannten 20 Jahren: Sind Sie beruflich ein glücklicher Mensch?

Ja. Ich bin in jeder Hinsicht ein glücklicher Mensch, auch beruflich. Eines wird dabei oft verwechselt. Man denkt, wer besonders viel macht, ist auch besonders glücklich. Das ist nicht meine Einstellung. Die Quantität ist nicht entscheidend für das Glücksgefühl. Es geht um die Qualität und um die Begegnungen mit Menschen, die man bei der Ausübung dieses Berufes erlebt. In diese Beziehung bin ich absolut glücklich.

Sie haben ursprünglich eine Lehre zum Goldschmied angetreten. Könnten Sie heute noch Schmuck reparieren?

Ich habe noch nie Schmuck repariert. Ich hatte diesen Vertrag, aber der Betrieb ist pleite gegangen, bevor ich angefangen habe. Ich hatte nie eine Linse im Auge oder einen dieser Hämmer in der Hand. Und ich hatte nie diese Lederschürze über den Knien. Wenn ich heute davon ausgehen müsste, dass ich ein Goldschmied geworden wäre, dann wäre wohl die Hälfte der Stücke auf dem Boden gelandet, und ich hätte die Klagen der Eigentümer am Halse. So grobmotorisch, wie ich zum Teil veranlagt bin. (lacht)

Der Trailer zum neuen Film "Alfons Zitterbacke":

 

 


Devid Striesow

Der Schauspieler erblickte am 1. Oktober 1973 in Bergen auf Rügen das Licht der Welt. Er wuchs in Rostock auf. Seine Mutter arbeitete als Kinderkrankenschwester, sein Vater war Elektriker. Nach der 10. Klasse wollte der talentierte Geigenspieler in Berlin eine Lehre zum Goldschmied antreten, holte dann aber lieber sein Abitur nach, um Musik zu studieren. Im Anschluss ergatterte Striesow einen der begehrten Studienplätze an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin, die Ausbildung schloss er 1999 ab.

Erste berufliche Stationen des jungen Künstlers waren das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg und das Düsseldorfer Schauspielhaus. Die renommierte Zeitschrift "Theater heute" kürte den Newcomer zum "Besten Nachwuchsschauspieler des Jahres 2004". Zum ersten Mal vor der Fernsehkamera stand Striesow für eine Gastrolle in der Krankenhausserie "Für alle Fälle Stefanie", bevor er im Jahre 2000 in der Ingrid Noll-Verfilmung "Kalt ist der Abendhauch" sein Kinodebüt gab.

Der Grimmepreisträger, der auch schon mit dem "Bambi" und dem Deutschen Filmpreis geehrt wurde, ist seitdem ununterbrochen auf Bildschirm und Leinwand präsent. Als wichtige Kinoarbeiten Striesows seien unter anderem "Lichter", "Der Untergang", "Die Fälscher" und "Drei" genannt. Im Fernsehen war er in "Transpapa", "Katharina Luther" und "Schuld nach Ferdinand von Schirach" sowie in diversen Folgen von "Bella Block" über "Letzte Spur Berlin" bis hin zum "Tatort" zu sehen.

Mit Schauspielerin Maria Simon hat der heute 45-Jährige einen gemeinsamen Sohn: Ludwig Simon (Jahrgang 1997) ist mittlerweile ebenfalls als Darsteller erfolgreich und unter anderem in den Serien "Charité" und "Beat" zu erleben. Mit seiner aus Kamerun stammenden Ex-Frau hat Striesow zudem zwei weitere Kinder. Im vorigen Jahr ehelichte er seine Managerin Ines Ganzberger, mit der er abermals Vaterfreuden erlebte. Mit ihr lebt Devid Striesow in der Uckermark.aws

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