Dialog der Giganten

Bassist Charlie Haden und Pianist Brad Mehldau haben 2007 ein Duo- Album auf genommen. Jetzt erst ist es erschienen. Es ist ein Juwel des Jazz.

Berlin.

Neben neuen Trends und Individualisten, die ihre jeweilige Sonderstellung untermauerten, prägten das Jazzjahr 2018 Entdeckungen bisher unveröffentlichter Preziosen von Giganten des Genres. Es gab ein bis dato nicht bekanntes Album von John Coltrane und eins von Thelonious Monk. Nun folgt ebenso unverhofft ein bisher verborgenes Meisterwerk des Bassisten Charlie Haden. Es entstand am 5.November 2007 in der Mannheimer Christuskirche im reduziert intimen Duoformat mit dem Pianisten Brad Mehldau. Was während des Enjoy Jazz Festivals in dem Jugendstilbau mit neubarocken Elementen aufgenommen wurde, gehört in den Kontext der genannten Sensationen, weil es innerhalb des sich stets neu erfindenden Jazz aufs Schönste dokumentiert, dass und wie zum Wohin auch ein Woher gehört.

Das nach vorn weisende Traditionsbewusstsein ist wie mit Händen zu greifen, wenn sich hier zwei Giganten des Jazz zu versonnen spielfreudigen Dialogen treffen, beginnend mit Charlie Parkers Blues-Anverwandlung "Au Privave" über sechs Stücke hinweg, die alle über mindestens zehn Minuten hingebreitet und individualisiert werden, ohne Eiferei und mit bestechendem Feingefühl im gemeinsamen Spiel. "Es ist, als würden Charlie und ich eine Wegstrecke Seite an Seite zurücklegen", beschreibt Mehldau im Rückblick das gemeinsame Konzert. Charlie Haden (1937 - 2014) und Brad Mehldau, Jahrgang 1970, gehören unterschiedlichen Generationen an. Im September 1993 hörte Haden zunächst beiläufig, dann zunehmend fasziniert erstmals den jungen Pianisten auf einem Festival in Pennsylvania im Quartett mit Joshua Redman, Brian Blade und Christian McBride. Eine Freundschaft begann, auch weil der Bassist allgemein ein Faible für Talente und ein besonderes für Pianisten hatte. Im Duo mit Keith Jarrett, Hank Jones und Gonzalo Rubalcaba hat er aufgenommen. Seine Witwe Ruth Cameron erinnert sich an den spontanen Ausruf ihres Mannes: "Dieser Pianist ist brillant. Er ist speziell und einmalig." Sie meint, er habe in ihm manches von sich wiedergefunden.

Dennoch ließ Haden sich Zeit, bis er kurz vor Weihnachten 1996 mit ihm und Saxofonist Lee Konitz in Los Angeles für Blue Note das wundervolle Album "Alone Together" einspielte. Erst 14 Jahre später erschien bei ECM in gleicher Besetzung, ergänzt um Schlagzeuger Paul Motian, "Live in Birdland". Es dokumentierte ein Treffen der Superlative. Zu hören war unaufgeregt weise Musik fern von Routine mit sechs sanft neu gedeuteten Standards voller improvisatorischer Finessen.

Der dritte gemeinsame Streich nun zelebriert eine ans Herz gehende Wärme in Tönen, zeitlos schön. Mehldau, begnadeter Musiker der improvisierten Musik und an europäischer Kultur interessierter Intellektueller, beschreibt im zugeneigten, sehr emotionalen Booklettext, wie wichtig Charlie Haden als Vaterfigur für ihn war, die ihm in der schwierigen persönlichen Situation der Drogensucht half: "Als ich schließlich die Drogen aufgab, veränderte ich mich als Pianist, Komponist und musikalischer Denker und begann zu wachsen." Mehldau spricht weiterhin von den beiden Seelen in Hadens Brust, einerseits den avantgardistischen Aufbrüchen andererseits dem parallelen Stöbern im American Songbook. Er lobt die Einmaligkeit von Hadens Solospiel, das stets genau konstruiert war und in der Abfolge Beginn, Entwicklung und Schlussfolgerung seine Geschichten entwickelte. Dabei stellte Haden künstlerische Schönheit ins Zentrum seiner Arbeit.

Das nun bei "Impulse", dem zentralen US-Label des Jazzaufbruchs mit John Coltrane, Albert Ayler und Archie Shepp, erschienene Duo-Album ist ein Solitär improvisatorischer Kammermusik. Er basiert auf Songs und ihrer persönlichen Ausleuchtung, wie sie von großen Persönlichkeiten dieser Musik immer wieder realisiert wurde. Haden und Mehldau zählen zu ihnen.

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