Dialog zwischen alter und neuer Moderne

Konsequent erweitert die neue Kuratorin des Museums Gunzenhauser dessen Ausstellungspalette. Den Anfang macht sie mit einem jungen Künstler aus Leipzig und einer veränderten Dauerpräsentation.

Chemnitz.

Mit einer gewissen Spannung durfte man erwarten, wie Anja Richter, die Nachfolgerin von Thomas Bauer-Friedrich als Leiterin des Museums Gunzenhauser, dem Haus ihre eigene Prägung geben würde. Ein erstes Zeichen hat sie nun mit der Ausstellung "Konsequenz" gesetzt, die Arbeiten des 1983 in Rostock geborenen, in Brand-Erbisdorf aufgewachsenen und in Leipzig arbeitenden Künstlers Paul Altmann zeigt. Die Ausstellung soll, wie Anja Richter während der für die Kunstsammlungen Chemnitz eher ungewöhnlichen performativen Eröffnung sagte, eine Reihe von jährlich jeweils vier Ausstellungen mit junger Kunst aus Sachsen begründen.

Die Kuratorin wandelt damit durchaus auf den Spuren des Museumsstifters Alfred Gunzenhauser, der als junger Sammler und Kunsthändler ebenfalls nach neuen künstlerischen Handschriften gesucht hatte und so den Grundstein für seine herausragende Sammlung legte. Ob darin Arbeiten von Paul Altmann Platz gefunden hätten, wird die Zukunft zeigen.

Genau diese Offenheit - ohne von vornherein den Anspruch auf Ewigkeit zu erheben - macht den Dialog zwischen ganz junger und etablierter Kunst in dieser Ausstellung spannend. Paul Altmann, der an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst Fotografie und Bildende Kunst studierte, mischt die Medien, arbeitet installativ und gern mit Spielzeugen. Bausteinen zum Beispiel, die er zu löchrigen Türmen schichtet, deren Einsturz er fotografiert. Die Serie heißt "David & Nelson" in Anlehnung an die US-Amerikaner David und Nelson Rockefeller, die für die Verbindung von Wirtschaft und Politik stehen - und für einen ausschließlich wachstumsorientierten Kapitalismus. Auch mit der Fotoserie "Genehmigt", die auf die Lieferung von 62 deutschen Leopard-Panzern nach Katar anspielt, und mit verfremdeten Fotos von Künstlern, die Goebbels und Hitler auf die sogenannte "Gottbegnadetenliste" gesetzt hatten - unter anderem gehörten Arno Breker, Gerhart Hauptmann, Richard Strauss und Wilhelm Furtwängler zu dieser Auswahl - ist Altmann gewissermaßen den "richtigen" Problemen auf der Spur. Doch bearbeitet er so, dass sie den Betrachter eher unberührt und im Ungewissen lassen. Die 62 Panzer-Fotos könnte sich auch das Wirtschaftsministerium ins Büro hängen, die kalt glänzenden Fotos der Baustein-Türme schrecken zwar ab, aber man muss schon sehr genau überlegen, wovor eigentlich. Wie man auch um viele Ecken denken muss, um den Künstlerfotos die Frage nach Moral und Haltung abzugewinnen.

Deshalb ist die eigentliche Überraschung die teilweise umgestaltete Dauerausstellung, die sich an die Sonderschau anschließt. Hier hängen jetzt abstrakte Malereien von Fritz Winter, Willi Baumeister und Serge Poliakoff in großer Zahl, deren raue Oberflächen, die die Spuren der gedanklichen wie handwerklichen Arbeit erkennen lassen, warm und menschlich wirken. Zudem lassen die zum Teil bisher noch nicht gezeigten Bilder aus dem Konvolut der Gunzenhauser-Sammlung auf weitere Überraschungen hoffen.

Der Dialog der "alten", klassischen Moderne mit der ganz neuen, modernen, suchenden Moderne ist das Aufregende an dem behutsam erneuerten Konzept, das Anja Richter im Museum Gunzenhauser umsetzt. Dieser Mut verdient Anerkennung - und Fortsetzung.

Die Ausstellung "Paul Altmann. Konsequenz" im Museum Gunzenhauser am Falkeplatz in Chemnitz wird bis zum 11. Januar 2015 gezeigt, Di.-Fr. 11-17 Uhr, Sa., So., Feiertag 11-18 Uhr (24.12. und 31.12. geschlossen).

kunstsammlungen-chemnitz.de

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