Die bösen Jungs aus Iowa

Lang von den Fans erwartet, kommt am heutigen Freitag das neue Album der Nu-Metal-Band Slipknot auf den Markt.

Im Sommer 1999 wägt sich der Nu Metal mit Bands wie Limp Bizkit und Korn auf seinem Mainstream-Höhepunkt. Daneben befinden sich Metal-Bands wie Slayer in den obersten Chartplatzierungen, und Acts wie Alternative-Industrial-Rocker Marilyn Manson schocken zwar optisch, schaffen es inzwischen aber schon ins Jugendmagazin "Bravo". Die Vermutung, die harte medientaugliche Musikszene hätte schon alles gesehen, liegt nahe. Bis im Sommer 1999 Slipknot in Erscheinung treten. Ihre Musik ist destruktiver, dunkler, bösartiger, brutaler und lauter als die der anderen Bands. Dazu kommt das angsteinflößende Aussehen der neun Musiker, die in grellorangen Irrenanstalts-Overalls und Serienkiller-Masken auftreten.

Der Weg bis dahin war langwierig und alles andere als einfach. Des Moines, die Hauptstadt des Agrar-Staates Iowa im Mittleren Westen der USA, ist vor allem geprägt von kleinstädtischen Strukturen und nicht gerade der coolste Ort für musikaffine Jugendliche. Schon gar nicht, um bekannt zu werden. Das merken Shawn Crahan, Joey Jordison und Paul Gray, die schon seit 1991 gemeinsam Musik machen, und sich nun mit anderen Musikern als "Slipknot" zusammengerauft haben, ziemlich schnell. Sie produzieren für 40.000 Dollar eine EP "Mate. Feed. Kill. Repeat" und veröffentlichen sie an Halloween 1996. Der Erfolg lässt auf sich warten.

Auf der Suche nach einem melodischeren Gesang blickt man sich in der überschaubaren Musikszene um. An einem Namen kommt keiner vorbei: Corey Taylor. So ist es kein Zufall, dass die Slipknot-Masterminds eines Tages Taylor ein Ultimatum stellen: entweder er werde ihr Sänger oder sie suchen ihn heim. Gemeinsam nehmen sie 1997 ein Demo auf und schaffen es, dass Labels und vor allem Nu-Metal-Starproduzent Ross Robinson aufmerksam werden. 1999 unterschreibt die Band ihren Vertrag beim Metal-Kult-Label Roadrunner Records.

Die Produktion des Debüts mit Robinson, der in seiner Faszination zu Übersprunghandlungen neigt, wird eine Tortur für alle. Taylor berichtet später, dass er stimmlich derart an seine Grenzen kommt, dass er sich mit seinem gutturalem Schreigesang nahezu übergeben muss. Gegenstände fliegen, Meinungsverschiedenheiten enden in Streitereien, und Jordison brennt vor einer elektrischen Heizung schlafend sogar fast das Studio ab. Diese Extreme sind jedoch nur die Spitze. Denn das selbstbetitelte Album "Slipknot" schlägt weltweit ein. Kein Album des Labels wird sich mehr und in der Metal-Geschichte schneller verkaufen. Ein Erfolg, wie von Crahan selbstbewusst schon früh prognostiziert. Bei Songs wie "(sic)" knallen die metallischen Drums und Samples mit Taylors Geschrei um die Wette, bei "Wait and Bleed" sorgt der krasse Kontrast zwischen wütendem Gebrüll und harmlosem Gesang für Wahnsinnserscheinungen, genau wie das zwischen wenigen Akkorden springende Gitarrenintro auf "Surfacing", das sich in Samples ergießt.

Zu diesem Zeitpunkt hat die Band einige Besetzungswechsel hinter sich und besteht, durchnummeriert von null bis acht, aus: DJ Sid Wilson (#0), Schlagzeuger Joey Jordison (#1), Bassist Paul Gray (#2), den beiden Perkussionisten Chris Fehn (#3) und Shawn Crahan (#6), Craig Jones (#5), der für die Samples zuständig ist, den zwei Gitarristen James Root (#4) und Mick Thomson (#7) sowie dem Sänger Corey Taylor (#8). Die Nummern, wie auch diverse Slipknot-Logos, sind bis heute bei den Auftritten auf ihren Overalls aufgedruckt. Noch dazu trägt jeder eine individuelle Maske, die das Innere eines jeden widerspiegeln soll. Was nach plakativem Showeffekt klingt, ist identitätsstiftend, schafft Gemeinschaftsgefühl und verleiht der ohnehin von Feuer-Elementen und rotierenden, extrem hochstehenden Schlagzeugen und Gitarrentribünen noch mehr Intensität.

Slipknot schocken und sprengen Grenzen zwischen Akzeptanz und Zensur vor allem ihrer derben Texte wegen und sind die perfekte Möglichkeit für Teenager, ihre Eltern zu nerven und gleichzeitig Wut, zerrüttete Familienverhältnisse, Einsamkeit und Frust zu kanalisieren. Mangels medialer Reflexion wird das Neuner-Gespann in den 2000ern in Verbindung mit Schul-Massakern gebracht, ihre Platten werden in den CD-Regalen der Täter gefunden, die Texte aus dem Kontext gerissen. Slipknot beziehen immer wieder Position, wenden sich an die Opfer und suchen den Dialog zu ihren Fans, die sie auch "Maggots" (deutsch: Maden) nennen.

2001 veröffentlichen Slipknot das Nachfolgewerk "Iowa", das den kommerziellen Erfolg des Vorgängers noch übertrifft. Was auf dem Debüt noch roh ist, erhält nun Struktur, sodass die Vielzahl der Instrumente, insbesondere die Doppel-Drums und Samples, deutlicher zur Geltung kommen. Slipknot spielen nun noch mehr mit Dynamiken, auf einem ohnehin schon schnellen Niveau mit krasseren Tempowechseln und werden dazu in ihren Texten noch direkter. Songs wie "People = Shit" leben von dieser fesselnden Dynamik, der diabolischen Soundwand und dem Wutgesang. "The Heretic Anthem" mit dem Wortspiel "If you're 555, I'm 666" wird zur Hymne der Maggots.

Drei Jahre später erscheint "Vol. 3: (The Subliminal Verses). Erstmals schlagen Slipknot auch ruhigere Töne an. Der Einfluss von Corey Taylors Vergangenheit und seinem zweitem Standbein als Alternative Rocker wird deutlich. Doch ein Song wie "Vermilion" zwischen zwei Kracher-Brettern wirkt nicht etwa abrupt, sondern bringt noch mehr Intensität, fokussiert und erhöht die Aufmerksamkeit, die der Folgesong "Pulse of the Maggots", der mit einer Sirene startet, dringend benötigt. Das rein akustische "Vermilion, Pt. 2" zeigt schließlich, dass Taylor auch in ruhigen Liedern Dramatik erzeugen kann. Diesen Kurs setzen Slipknot auch nach ihrer Pause und auf der Veröffentlichung von "All Hope Is Gone" 2008 fort.

2010 die tragische Wendung: Gründungsmitglied Paul Gray stirbt in Folge einer Opioid-Überdosis. Die Band erwägt das Ende, entscheidet sich aber doch dagegen. Mit Alessandro Venturella wird ein würdiger Ersatz am Bass gefunden. In der Zwischenzeit werden die Spannungen zu Schlagzeuger Joey Jordison so groß, dass er 2013 gefeuert wird. Für ihn wird Jay Weinberg, Sohn des Bruce Springsteen Drummers Max Weinberg, engagiert. Er bekommt das besondere, trickreiche, zwischen Feingefühl und Wahnsinn oszillierende Schlagzeugspiel nicht genau so hin, hat aber mittlerweile einen Weg gefunden, Fans und Band glücklich zu machen. 2014 erscheint dann ".5: The Gray Chapter". Es knüpft in seiner Wucht und Verzweiflung an die frühen Alben an und dient vor allem der Bewältigung des Todes von Gray. Allein der ruhige Opener "XIX" macht dies klar und die Wucht-Nummer "The Devil and I" lassen nur erahnen, wie schwer es für die Freunde sein muss. Nach einer ausgedehnten Tour ziehen sich Slipknot wieder zurück und widmen sich ihren diversen Projekten. Nach einer erneut längeren Aufnahmepause, wird am heutigen Freitag "We Are Not Your Kind" als das sechste Album von Slipknot erscheinen. Alleine Songs wie "Unsainted" zeigen, dass der strukturierte Chaotentrupp nichts von seiner destruktiven Art eingebüßt hat und weiterhin für Wahnsinn und Verwirrung sorgen wird.

Bis heute verkauften Slipknot weltweit 30 Millionen Einheiten ihrer Platten und waren zehnmal für einen Grammy nominiert, wovon sie einen immerhin erhielten. 1999 gingen sie auf große Tour mit Ozzy Osborne im Rahmen seines "Ozzfests" und erspielten sich bei den alteingesessenen Metalheads schnell ein Standing. Inspiriert von diesem Konzert gründeten Slipknot 2012 ihr eigenes Festival namens "Knotfest", mit dem sie seit 2014 jährlich an unterschiedlichen Orten gemeinsam mit anderen Bands auftreten.

Der immense Stellenwert von Slipknot wird im Juni 2019 erst so richtig deutlich. Während vor 20 Jahren Musikkritiker, Fans und Eltern aus unterschiedlichen Gründen an den Rand des Wahnsinns getrieben werden, die Band als die Antithese zum quirlig, auf perfekt getrimmten Pop gilt, spielt sie als Headliner bei Rock am Ring vor rund 60.000 Besuchern und streamt es weltweit über ihre Seite.


 

"(Sic)" vom 1999 erschienenen Slipknot-Debütalbum "Slipknot" weist bereits alle musikalischen Charakteristika der Band auf.


 

"The Heretic Anthem" zeigt die Band zwei Jahre später nicht weniger ungestüm, aber deutlich strukturierter.


 

"Vermilion Pt. 2" zeigt, dass Slipknot auch ganz anders können, wenn man ihnen den Strom abdreht.


 

"Unsainted" vom neuen Album "We Are Not Your Kind" zeigt: Die Band hat nichts von ihrem eisernen Biss verloren.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...