Die Königin der Illustratorinnen in der DDR: Regine Heinecke ist tot

Sie war eine fein- und hintersinnige Malerin und Zeichnerin. Eines der von ihr illustrierten Kinderbücher besaß wohl jeder DDR-Haushalt. Nun ist die streitbare Künstlerin gestorben.

Bobenneukirchen.

Fast hundert Bücher hat Regine Heinecke illustriert: Märchen der Gebrüder Grimm wie "Der Wolf und die sieben Geißlein", "Rumpelstilzchen", "Dornröschen", am berühmtesten wohl "Das tapfere Schneiderlein", das ihr mit seinem Witz, seiner Frechheit und seinem Mut ein treuer Begleiter bis ans Lebensende blieb. Andere Klassiker von Gottfried Keller, Friedrich Hebbel, Cervantes, Wilhelm Hauff, Julius Mosen bekamen mit Bildern von Regine Heinecke ein neues Gesicht. Die Liebesgedichte der "schönen Seilerin" Louize Labé, einer sagenumwobenen Dichterin aus dem 16. Jahrhundert, illustrierte sie mit flammenden, leidenschaftlichen Körpern. Für Scholem Alejchim erfand sie den Methusalem. Sie zeichnete zu modernen Kinderbüchern von Günter Feustel. Besonders oft arbeitete sie mit Dieter Mucke zusammen, einem Dichter, der in der DDR mehrfach exmatrikuliert und verhaftet wurde. Das von Regine Heinecke illustrierte Märchen für Erwachsene "Die Sorgen des Teufels" wurde mit dem Titel "Schönstes Buch" in der DDR geehrt.

Regine Heinecke, geboren 1936 in Zwickau, bis zur Wende unter dem Namen Grube-Heinecke bekannt, war die Königin der Illustratorinnen in der DDR. In einem Selbstbildnis malt sie sich 1977 als moderne, schöne, stolze Frau mit großen, neugierigen Augen, feuerrotem Haar und leicht schmollendem Mund, der auf ihren konsequenten, unermüdlichen Arbeitseifer, ihre Unbedingtheit hindeutet, inmitten einer vogtländischen Landschaft, deren Bäume sie streichelnd umschmiegen. Fast wirkt sie selbst wie eine Märchenfigur, und so hat sie sich vielleicht auch gesehen."Worte werden Bilder - das ist mein Lebenselixier seit meiner Kindheit. Doch wollte ich in meinen Illustrationen immer eine Geschichte neben dem Text erzählen, nicht nur eine bloße Abbildung schaffen", hat sie einmal ihren Anspruch formuliert - und dem ist sie in ihrem umfangreichen Werk treu geblieben. Sie brauchte immer die Worte als Inspirationsquelle - Texte, die ihr gefielen, hat sie verinnerlicht wie das eigene Leben. Ihre aufwendigen, manchmal sehr großformatigen, teilweise symbolistisch aufgeladenen Arbeiten entfalten immer ein eigenes Leben neben und mit dem Text, das ihn auch aus seiner Entstehungszeit, manchmal vor hunderten Jahren, in die Gegenwart holt. Das tapfere Schneiderlein erscheint wie ein aufmüpfiger Jugendlicher in den Jahren der Stagnation in der DDR; Frösche, Nilpferde, Ziegen, Schafe bekommen menschliche Züge in ihren Bildern und transportieren oft eine hintersinnige Kritik an den Schwächen der Menschen, ihrer gedankenlosen Anpassung, ihrem Egoismus, ihrer Achtlosigkeit.

Das ist große und großartige Kunst, und darin spiegelt sich vielleicht das wirkliche Leben der Regine Heinecke am deutlichsten. "Natur, Träume und Märchen ... waren für mich Kür - das reale Leben Pflicht. Dazwischen gut zu balancieren, ist eine notwendige, doch schwierige Herausforderung", schrieb sie in Notizen zu ihrem Leben und Werk in den vergangenen Jahren. Der selbstkritischen Erkenntnis mögen manche zustimmen, mit denen sie im "realen Leben" zu tun hatte. Der Balance zwischen geliebter Kür und notwendiger Pflicht war Regine Heinecke vielleicht nicht immer gewachsen. Aber wer ist das schon?

In den 1960er-Jahren war sie ins Vogtland gezogen, in ein verwunschen-umwachsenes Anwesen im Wald von Bobenneukirchen. Was ihr viele Jahre beglückende Inspiration und Refugium war, mag sich später als Last erwiesen haben. Denn die Wende brachte auch für die einst gefeierte Illustratorin eine Wende. In einem der schönsten Kataloge für Regine Heinecke, 2006 in der Grafischen Werkstatt von Thomas Leipold erschienen, schreibt Edith Könze über die Künstlerin, die sie "Königin" nennt: "Nun hatten das Volk und die Königin die ersehnte Freiheit. Aber die Euphorie hielt nicht lange an. ... Auch die Verlage, die die Bücher der Königin herausgaben, gab es bald nicht mehr ... So brach eine schwere Zeit für die Königin an." Aufgegeben hat Regine Heinecke nicht. Im Museum Schloss Voigtsberg erinnert das "Illusorium" an ihr Leben und Werk. Ein geplantes Werkverzeichnis wird, so ist zu hoffen, posthum erscheinen - zur Erinnerung an eine Künstlerin, die zwischen Traum und Wirklichkeit lebte und die Wirklichkeit damit reicher und bunter machte. Am Donnerstag ist Regine Heinecke nach langer, schwerer Krankheit gestorben.

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