Die Kunst der Beständigkeit

Die Neue Sächsische Galerie zeigt: Wer vor dem Mauerfall als Ostkünstler etwas zu sagen hatte, war auch danach nicht sprachlos.

Chemnitz.

"In Liebe erglüht" ist ein Monstermännchen aus Kunststoffverpackungen. Ein menschlicher Körper hat einen Schweinekopf bekommen - in den Arbeiten von Erika Stürmer-Alex. Kurt Masur dirigiert noch einmal das Leipziger Gewandhausorchester. Und Christa Wolf blickt 1969 nachdenklich in eine ungewisse Zukunft. In den Fotos von Helfried Strauß. Während ein "philisterdeutschkopf" schon 1993 in einem Bild von Wolfgang Henne einen großen Mund, aber den bösen Blick hat. Während 1989 ein Wolf blutrünstig auf einen roten Stern zusteuert. Schon 2006 hat Wolfgang Smy eine Radfahrerarmee gemalt, die sich zwischen dutzenden Autos vorwärtskämpft. 1988/89 waren die Menschen noch ins "Kaltwasser" gesprungen, und nicht jeder hatte sich um den gekümmert, der neben ihm unterging.

"Wende. Mittendrin" heißt die aktuelle Ausstellung der Neuen Sächsischen Galerie, die am Werk von vier Künstlern der Frage nachgeht, was sich mit und nach der "Wende" verändert hat. Die Antworten sind verschieden - die Künstler geben sie ausführlich in Interviews, per Video dokumentiert und in der Ausstellung zu sehen. Eine veränderte Ausstellungs- und Galerielandschaft, Umzüge, die Schaffung neuer Rückzugsräume. Alle hatten sie schon vor 1989 nicht staatskonforme Kunst gemacht, keiner von ihnen diente sich danach dem Markt oder diversen Fördermittelgebern an. Und insofern ist ein Teil der Antworten denn auch bei allen gleich, was sich deutlicher in den Werken als in den Worten widerspiegelt: Sie sind nach der Wende Künstler geblieben, weil sie auch schon vorher Künstler waren.

Der Sturz der SED-Diktatur, der Fall der Mauer, die deutsche Wiedervereinigung, der Siegeszug des Kapitalismus traf sie alle "mittendrin", mitten im Leben. Die Malerin und Objektkünstlerin Erika Stürmer-Alex, geboren 1938 in Wriezen, lebt im Kunsthof Lietzen, ein Gehöft, das sie 1982 erwerben konnte. Helfried Strauß, geboren 1943 in Plauen, studierte und lehrte an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Er wurde unter anderem mit Fotoserien über Leipziger Schrebergärten, Moskauer Gräber und die Muldenfähre in Höfgen bekannt, die die Wirklichkeit ungeschönt und doch auch poetisch wiedergab. Wolfgang Smy, 1952 in Dresden geboren, fängt die Vielgestaltigkeit menschlichen Lebens in oft figuren- oder gestenreichen Bildern ein, die wie Schablonen wirken und dennoch ständiger Veränderung unterworfen sind. Wolfgang Henne, 1949 in Leipzig geboren, ist ein begnadeter, hintergründiger Zeichner gewesen und geblieben.

Wende, friedliche Revolution selbst wurden, außer bei Erika Stürmer-Alex, kaum zum künstlerischen Thema. Die Künstlerin hatte schon 1982 einen von Robert Havemann und Rainer Eppelmann verfassten Appell für eine dauerhafte Friedensordnung unterschrieben. Die Ausstellung einer Porträtserie ausgereister Freunde wurde ihr verboten. Helfried Strauß gesteht, dass er zwar bei den Demonstrationen in Leipzig mitgelaufen ist, es ihm aber unmöglich war, dort zu fotografieren. Zumal er sich ohnehin nie als Dokumentarist gesehen hat, obwohl er gerade für die dokumentarische Qualität seiner Bilder gefeiert wurde. Auch Wolfgang Smy und Wolfgang Henne dokumentieren die Welt nicht, sondern haben sie zu ihrer anregenden Verfügung wie einen Stoff, aus dem die Träume und die Alpträume gleichermaßen sind. Ganz so, wie es Künstler immer gehalten haben. Dies macht die Diskussion über den Wert von Kunst, die in der DDR entstand, einmal mehr überflüssig. Insofern beantwortet die Ausstellung die Frage danach, was sich für die Künstler 1989/90 verändert hat, auch ganz schlicht mit einem leisen: "Nichts."

Die Ausstellung

"Wende. Mittendrin" mit Arbeiten von Erika Stürmer-Alex, Helfried Strauß, Wolfgang Henne und Wolfgang Smy ist bis 24. November in der Neuen Sächsischen Galerie Chemnitz zu sehen. Geöffnet 11 bis 17 Uhr, dienstags bis 19 Uhr, mittwochs geschlossen.

www.nsg-chemnitz.de

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