Die Kunst, eine Post aufzugeben

Die Neue Sächsische Galerie zeigt die Ergebnisse zweier Mail-Art-Projekte in sehr vielen bunten Bildern und Objekten - fast zu viel, um jedes einzelne würdigen zu können.

Chemnitz.

Man kann es drehen und wenden, wie man will - es erscheint immer ein anderes Bild. Eine nackte Frau mit Männergesicht, ein aus Schnipseln technischer Abbildungen zusammencollagierter Mann, Stempel, Zeitungsausschnitte, vergilbte Drucke neben bunten Bildfetzchen aus modernen Illustrierten gehen immer neue Kombinationen ein.

"Dreifach" heißt die Konstruktion, drei drehbare Säulen mit jeweils drei Seiten, von drei Künstlern mit drei Collagen beklebt. Petra Lorenz, Volker Lenkeit und Frank Voigt sind die Schöpfer dieser Mail Art in besonderer Form. Sie ist Teil der aktuellen Ausstellung in der Neuen Sächsischen Galerie Chemnitz "Papa Mama Dada" mit Mail Art.

Die Kunst per Post ist an sich schon eine besondere Kunstform. Und hier wird sie auch noch besonders gehandhabt. Da hätte sich vielleicht auch eine besondere Form der Ausstellung angeboten, zumal die Bilder sich auf den Dadaismus beziehen, der konventionelle Kunstformen ablehnte.

"Einen Brief aufgeben" - der österreichische Künstler André Heller hatte mit diesen Worten vor Jahren schon die "Resignation im Postwesen" beklagt. Die mag noch zugenommen haben, seit wir fast nur noch Briefe von Ämtern, Banken und Versicherungen bekommen. Es gibt jedoch einen Teil des Postwesens, der wenig Anlass zur Resignation bietet. Mail Art eben, in den 1950er Jahren in den USA entstanden, hat weltweit viele Anhänger. In Ostdeutschland gehörten Robert Rehfeldt und der kürzlich verstorbene Hans Hess aus Schwarzenberg zu den bedeutendsten. Letzterer hat sich auch noch an dem Projekt Mail X Art beteiligt, das von 2013 bis 2016 von den bei Dresden lebenden Mail-Artisten Frank Voigt, Petra Lorenz, Volker Lenkeit initiiert wurde. Dessen Ergebnisse sind, ebenso wie die Post aus dem 2018 gestarteten Projekt Collaboration und anderen, von der Düsseldorferin Sabine Remy gestarteten Mail-Aktionen, jetzt in der Neuen Sächsischen Galerie zu sehen. Sie greifen die Intention von Robert Rehfeldt auf: "Ich sende Ihnen einen Gedanken. Bitte denken Sie ihn weiter." So hatte jeweils ein Mail-Art-Künstler eine erste Post an eine Kollegin oder einen Kollegen in der Nähe oder in der Ferne geschickt. Ein Bild wurde hinzugefügt und an einen Dritten geschickt, der wiederum ein Bild hinzufügte und es an einen Vierten schickte, der die Arbeit komplettierte. Manchmal waren nur zwei Künstler an einem Blatt beteiligt, manchmal vier, manchmal noch mehr. Manchmal gibt es ein Thema, manchmal vorgegebenes Material oder eine bestimmte Form, manchmal nicht. Die Techniken ähneln einander: Die Bilder sind oft Collagen aus mehr oder weniger alten Drucken, Zeitschriften, Briefen, Büchern, Postkarten, versehen mit Stempeln, kleinen Objekten wie Knöpfen, Schildern, Stickern. Es wird geschnitten, geklebt, übermalt, geschrieben, kopiert, gedruckt. Oft versuchen die Künstler, ein angefangenes Bild in seinem Aufbau fortzusetzen, assoziieren aber ganz andere Inhalte, denken weiter, um die Ecke, oder führen eine Gestaltung ganz spielerisch fort, woraus ein besonderer Reiz beim Künstler wie beim Betrachter entstehen kann. Denn, so wusste schon Friedrich Schiller: "Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." Deshalb lohnt der Blick auf die Ergebnisse dieses gemeinsamen Spiels, zumal es sich sehr vielgestaltig präsentiert: auf Briefumschlägen, Buchseiten, auf dreiseitigen Pyramiden, Fächern. Das Ergebnis des Spiels ist zunächst einmal fast immer schön bunt. Manchmal werden Ausschnitte bekannter Bilder, Personen, Dinge in neue Zusammenhänge gestellt, manchmal stehen sie einfach nebeneinander. Diese Mail Art, an der sich Künstler rund um die Welt beteiligen, ist ein Plädoyer für die Gemeinsamkeit, ohne das Individuelle auszulöschen, fürs gemeinsame Denken, Spinnen, Albern, Ernsthaftsein, für einen Wettbewerb ohne Sieger.

Weil aber, nach Novalis, Spielen ein Experimentieren mit dem Zufall ist, springt der Funke manchmal auch nicht über oder verglüht in einem schönen bunten Bild, das nur noch für das Spiel selbst steht. Manchmal ist es zu viel - zu viel in einem Bild, zu viele Bilder überhaupt. Die einzelnen Teile paralysieren sich dann gegenseitig. Aber selbst dann noch faszinieren die Spielfreude der Beteiligten, der Mut zum Risiko, das nicht das Leben kostet, sondern nur eine Briefmarke.

Ein Teil der ausgestellten Arbeiten wird dank einer Schenkung in den Bestand der Neuen Sächsischen Galerie übergehen. Und auch die Besucher selbst können sich in einer Art Tombola mit einem kleinen Kunstwerk für wenig Geld überraschen. Lohnenswert.

Die Ausstellung

"Papa Mama Dada: art kommunikation international" ist bis 12. Mai in der Neuen Sächsischen Galerie Chemnitz zu sehen. Geöffnet 11 bis 17, dienstags bis 19 Uhr.

neue-saechsische-galerie.de

 

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