Die neuen Spießer und ihre Künstler

Hanno Rauterberg über Zensur von unten im aktuellen Kulturkampf sowie Parallelen zwischen heutiger Kunstkritik und der in der DDR

Chemnitz.

Ein neuer Kulturkampf tobt in Museen, Galerien, in Kino und Theater: Hanno Rauterberg spricht in seinem Buch "Wie frei ist die Kunst?" von Verunsicherung im Kulturbetrieb. Denn durch Protestwellen wurden in letzter Zeit Bilder abgehängt und ins Depot verbannt, Schauspieler verloren Aufträge, ein Gedicht wurde übermalt, Künstlerausstellungen mussten schließen. Was steckt dahinter? Eine Zensur von unten, möglich gemacht durch das Internet, sagt der Kunstkritiker. In seinem Buch erklärt er, was unsere Zeit, linksliberale Kreise und eine neue Spießigkeit damit zu tun haben. Katrin Mädler hat mit ihm darüber gesprochen.

Freie Presse: Herr Rauterberg, wie frei ist die Kunst heute?

Hanno Rauterberg: Die gesetzlich garantierte Freiheit gilt nach wie vor. Aber viele Künstler, Galeristen, Ausstellungsmacher und andere Mitarbeiter im Museumsbetrieb fühlen sich nicht mehr so frei wie noch vor zehn Jahren. In Gesprächen wird deutlich, dass sie viel vorsichtiger sein müssen. Wir erleben einen kulturellen Klimawandel, der ausgehend von den USA, zunehmend Auswirkungen auf den Kulturbetrieb zu haben scheint.

Aber war die Kunst jemals wirklich frei?

Zumindest erhob sie einen Anspruch auf Autonomie. In der Kunst waren Dinge möglich, die sonst undenkbar schienen. Natürlich kam es vor, dass sich konservative Kreise an den Provokationen von Künstlern gestört haben. Mittlerweile hat sich das interessanterweise verschoben: Es sind weniger die konservativen als vielmehr linksliberale Kreise, die damit beginnen, sich über Künstler zu erregen. Ein Beispiel ist die Installation der Künstler Sun Yuan und Peng Yu im New Yorker Guggenheim Museum 2017, bei der es um Tierrechte ging: In einem Video schienen zwei Hunde aufeinander gehetzt zu werden, was in Wirklichkeit nicht stattfand. Die Proteste waren so groß, dass die Ausstellung schließen musste.

In Ihrem Buch sprechen Sie von "Zensur von unten", die heute stattfindet. Was meinen Sie?

In der Digitalmoderne werden wir im neuen, virtuellen und öffentlichen Raum aufgefordert, Stellung zu beziehen und Dinge zu bewerten, vor allem in den sozialen Medien. In gewisser Weise passiert das auch in Museen, Theatern und Kinos. Der Kulturkonsum wird bewertet und viele Leute nehmen sich das Recht heraus, Dinge nicht gut zu finden, was nicht immer grundverkehrt ist. Aber das geschieht oft sehr lautstark und in Form von Petitionen, in denen gefordert wird, bestimmte Kunstwerke nicht mehr zu zeigen, weil sie die Gefühle einzelner verletzten. Diese "Zensur von unten" ist neu: Das sind Protestbewegungen, die sich sehr schnell entwickeln, weil es das Internet gibt. Die Möglichkeit, in kürzester Zeit tausende Stimmen einzuholen, gab es so vor zehn Jahren noch nicht. Man könnte denken: Endlich ist mal was los in den Museen. Doch schüchtert der Protest Kuratoren und Künstler ein. Ich finde das kontraproduktiv. Kunst muss eine Zumutung sein dürfen, steckt man sie in ein enges Moralkorsett, erstickt sie.

Ist manche Kritik nicht gerechtfertigt?

Doch, der Kunstbetrieb war über Jahrzehnte männlich dominiert, und das muss sich dringend ändern. Zwar meint man in den Museen oder in den Theatern gerne, es gehe dort besonders fortschrittlich und liberal zu. Doch das ist eine Lebenslüge. Gleichberechtigung wird selber in den seltensten Fällen umgesetzt. Viele Frauen studieren Kunst. Aber wie viele kommen am Ende in Ausstellungen vor und sind am Markt erfolgreich? Sie werden immer noch deutlich schlechter bezahlt als Männer. Die berechtigte Kritik sollte sich aber an die Institutionen richten. Falsch ist es, einzelne Kunstwerke dafür in Haftung zu nehmen und problematische Aspekte nicht mehr zu zeigen oder bestimmte Frauenbilder nicht mehr aufzuhängen, weil sie aus heutiger Sicht diskriminierend erscheinen. Gerade bei historischen Werken muss man die Zeit berücksichtigen, in der sie entstanden sind. Alles andere wäre mir viel zu erzieherisch gedacht. Ich bin also gegen ein betreutes Sehen und glaube daran, dass die Museumsbesucher mündig genug sind und sich ihr eigenes Urteil bilden können.

In Ihrem Buch erörtern Sie viele Beispiele des neuen Kulturkampfes. Leben wir in einem spießigen Zeitalter? Und erinnert das nicht an die Situation im Kulturbetrieb der frühen DDR?

Ja, manche sprechen auch von einer neuen Prüderie. Und tatsächlich gibt es einige Parallelen zur DDR-Zeit: das stark Moralisierende, die Vorstellung, dass die Kunst etwas gesellschaftlich Gutes bewirken soll und Irritationen vermeiden müsse. Der große Unterschied ist nur, dass es in der DDR eine Kunstpolitik gab und Künstler in ihrem Berufsrecht beschnitten wurden, wenn sie sich nicht an die Dogmen hielten. Davon kann heute nicht die Rede sein. Es gibt keine zentrale Instanz, die Künstlern etwas vorschreiben würde. Und niemand muss wegen seiner Kunst ins Gefängnis.

Wie geht der Konflikt Ihrer Meinung nach weiter?

Ich wünschte, die Unruhe, die wir erleben, würde produktiver genutzt. Man muss schauen, dass die Kunstfreiheit nicht weiter eingeschränkt wird oder sich Künstler eingeschüchtert fühlen. Vielleicht wird die Zeit auch zeigen, wie unproduktiv solche Shitstorms für alle Seiten sein können. Das ist eine Herausforderung, vor der die Institutionen stehen. Aber die allgemeinen Gespräche über Kunst könnten dadurch auch belebt werden. Das ist meine Hoffnung.

Stichwort Avantgarde und Untergrund-Kunst: Wird sich Kunst nicht immer durchsetzen, weil sie auch unabhängig von Institutionen funktioniert?

Das stimmt, es gibt viele Nischen, in der die Kunst ihre Freiheiten finden kann. Und es herrscht eine große Zuneigung eines bürgerlichen, linksliberalen Publikums zu dem, was Künstler machen. Es gibt viel mehr Besucher in den Museen und Galerien als noch vor zehn Jahren. Das heißt aber auch, dass die Kunst unter verschärfter Beobachtung steht. Hinzu kommt, dass der Kunstmarkt in den letzten Jahren erstaunliche Auswüchse erfahren hat - die Verkaufspreise gingen manchmal in den Millionenbereich. Das bleibt nicht ohne Rückwirkung auf die Kunst: Viele betrachten sie als Statussymbol einer reichen Kaste und sagen, das Geld, was da ausgegeben wird, uns weggenommen wurden. Die Ungleichverteilung spiegelt sich auch im Markt wider. Auch hier gerät die Kunst in die Kritik, es gibt also viel Streit im Moment. Und das ist ja nicht das Schlechteste.

Zur Person

Hanno Rauterberg ist promovierter Kunsthistoriker, Journalist sowie Kunst- und Architekturkritiker. Der 51-Jährige ist zudem Mitglied in der Freien Akademie der Künste Hamburg. Er arbeitete viele Jahre im Spiegel-Verlag, aktuell ist er stellvertretender Feuilletonchef der Wochenzeitung "Die Zeit".

Das Buch

Hanno Rauterberg: "Wie frei ist die Kunst?" Edition Suhrkamp, 141 Seiten, 14 Euro.

 

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