Die Schatten-Rebellen

Bei großen Künstlern ist es mitunter schwierig, den richtigen Einstieg in das Gesamtwerk zu finden. Es ist allerdings auch ausgesprochen reizvoll! Diese Serie will daher ein Leitfaden für klingende Entdeckungsreisen sein. Heute: New Model Army

Campino, der Sänger der Toten Hosen, zählt sie zu seinen Lieblingsbands. TV-Moderator Elton trägt vor der Kamera schon mal ein T-Shirt mit ihrem auffälligen Logo. Und nicht wenige Beobachter der Indie- und Alternative-Rock-Szene halten sie seit Langem für eine der am meisten unterbewerteten Bands des Planeten. Außerhalb dieser Kreise und ihrer eigenen, beinahe verschworen treuen Fangemeinde aber führt New Model Army auch nach dreieinhalb Jahrzehnten und Tausenden Konzerten rund um den Globus noch immer bestenfalls den Status eines ewigen Geheimtipps.

Dabei zählt die Band aus dem nordenglischen Bradford, die gerade mit "Winter" ihr bereits 14. Studioalbum vorgelegt hat, zu den stilprägenden und mittlerweile dienstältesten Formationen ihres Genres. Ihre Hits aus den 1980er-Jahren wie "Vengeance", "51st State" oder "Vagabonds" gelten als Klassiker des vom Post-Punk geprägten Indie-Rock. Doch kaum einer ihrer oft durchaus eingängigen Songs war je im Radio zu hören. Und anders als Überflieger wie The Cure oder The Sisters of Mercy wurde die Band auch niemals Gegenstand eines breiten, kultähnlichen Hypes. New Model Army zogen es vor, ihren eigenen Weg zu gehen, und scherten sich wenig darum, was andere davon hielten oder ihnen empfahlen.

Wer weiß, ob die maßgeblich vom charismatischen Sänger, Frontmann und Texter Justin Sullivan geprägte, vielfach neu- und umbesetzte Band es auch unter anderen, maßgeblich von den Gesetzen des Musikbusiness geprägten Umständen auf mehr als ein Dutzend Alben gebracht hätte. Und auf gut 200Songs, die mal zum ausgelassenen Tanzen, mal zum Träumen einladen, und die live mit Akustikgitarre im kleinen Club oft genauso gut funktionieren wie mit extra Schlagwerk und Streichern auf größerer Bühne.

Ihr musikalisches Rezept? Eine eigentümliche, von Album zu Album neu akzentuierte Mischung aus Melancholie und Zorn, aus Aggressivität und Empathie, aus Poesie und Parolen, aus mal bass-, mal drum-, mal gitarrenlastigem Rock und einer Offenheit für vielfältige musikalische Einflüsse. Folk und Soul vor allem, aber auch modernes Zeitgenössisches, Reggae und Gospel. Im Laufe der Jahre immer zeitloser anmutend, erlaubt diese einzigartige Mischung es New Model Army, mit nahezu demselben Programm auf Metal-, Hippie-, Gothic- und Folkfestivals aufzutreten. Die eigentliche Stärke der Band aber ist es, Geschichten zu erzählen; die lyrischen Bilder in Sullivans Texten immer wieder mit einem Sound zu untermalen, der ins Ohr geht, das Herz berührt, im Kopf hängenbleibt. Ganz gleich, ob es um die großen Themen der Welt geht, um Politik und Rebellion - oder um eher Persönliches; um Liebe, Angst und manchen Zweifel.


 

Soundtrack zur Zeit: Am Anfang ihrer Karriere galt New Model Army noch mehr als heute als politische Band, wenngleich bisweilen nur schwer auf Anhieb zu verorten. Benannt nach Oliver Cromwells Truppen im englischen Bürgerkrieg des 17. Jahrhunderts, hielten sie einige irrtümlich für rechtslastig, andere für eher links, aber nicht orthodox genug. Es war die Zeit Margaret Thatchers und des großen Bergarbeiterstreiks in Großbritannien, als 1984 das noch stark vom Punk geprägte Debüt "Vengeance" erschien - das erste Kapitel eines im Grunde bis heute fortgeschriebenen Soundtracks zum Weltgeschehen. Mit Songs über Kleinstadtmief, Falklandkrieg und Generationenkonflikte traf die Platte den Nerv einer zunehmend entwurzelten Generation. "Vengeance" eroberte prompt die britischen Independent-Charts, vertrieb dort immerhin The Smiths von der Spitze. Das weckte das Interesse der Plattenfirmen. Mit dem bereits deutlich ausgefeilteren Album "No Rest for the Wicked" folgte 1985 die erste Veröffentlichung beim Branchenriesen EMI. Mit ihrem treibenden Sound hatte die New Model Army ihren eigenen Stil gefunden und wurden zur Marke. Das Nachfolge-Album "The Ghost of Cain" (1986), produziert vom Beatles- und Led-Zeppelin-erfahrenen Toningenieur Glyn Johns, pries die "Times" seinerzeit als "das Beste, was der englischen Rockmusik seit dem ersten Album von The Clash passiert ist".

Verzauberung mit Violine: Eine erste grundlegende Neuprägung erhielt der Stil der Band mitdem großzügigen Einsatz von Solo-Streicher-Arrangements. Ein Volltreffer: Das Anfang 1989 erschienene Album "Thunder And Consolation" wurde zu der New-Model-Army-Scheibe schlechthin, dicht gefolgt vom ein Jahr später veröffentlichten Nachfolger "Impurity". Beide boten eine nie wieder erreichte Dichte von Stücken, die zu Hits im Repertoire der Band wurden und die bis heute auf vielen ihrer Konzerte zu hören sind. Von temporeichen Songs wie "ILove The World" oder "225" über das bassig-wavige "White Coats", das violinengeprägte "Purity" bis hin zur Ballade "Green And Grey", ihrem wohl berührendsten Stück. Beide Alben bescherten New Model Army nunmehr auch kommerziellen Erfolg, nicht zuletzt in Deutschland. Für "Thunder And Consolation" gab es Gold, "Impurity" schaffte es bis auf Platz 16 der Album-Charts.


 

Sperriges und Perlen: "Hier kommen die Neunziger, die Temperatur steigt weiter", hieß es in "Get Me Out", einem der bekanntesten Songs auf "Impurity". Für die Band bedeutete das: Zurück zur Dominanz der Gitarren, sowohl den kreischend verzerrten als auch den sanft gestimmten.

Das Ergebnis gab es erstmals 1993 auf "The Love of Hopeless Causes" zu hören, dem ersten einer Reihe bisweilen recht sperriger Werke. Deren Tiefe, aber auch deren eigentliche Qualität erschließt sich oft erst nach mehrmaligem Hören. Doch die Mühe lohnt sich, versteckt sich doch sowohl auf "Strange Bro-therhood" (1998) als auch auf "Eight"(2000), "Carnival" (2005) und "High" (2007) immer auch die eine oder andere Perle - sei es das einladende "Over The Wire", das nicht minder eingängige "Orange Tree Roads" oder "You Weren't There", ein ruhiger Mundharmonika-Song voller Medienkritik.

Ohrwürmer und Hits hingegen sind rar gesät in jenen Jahren. Die wenigen aber funktionieren: Das mitreißende "Here Comes The War" (1993) etwa hat, wie auf mehreren der rund ein Dutzend Live-Alben nachzuhören ist, bis heute nichts an Kraft verloren; "High" vom gleichnamigen Album salbt als ein Stück wunderbar naiver Lebenshilfe immer wieder das Gemüt. Tenor: Wenn's mal nicht so läuft, einfach einen Berg erklimmen - von dort sieht die Welt schon ganz anders aus. Denn alles ist letztlich nur eine Frage der Perspektive.

In alter Frische: Spätestens mit "Today Is A Good Day" fanden New Model Army 2009 wieder zunehmend zurück in ihre alte Spur. Der mit ungewohnten Crossover-Elementen gespickte Titelsong voller unverhohlener Freude über all die ratlosen Gesichter der Finanzwelt im Herbst 2008 wurde zum wohl größten Kracher der Band seit anderthalb Jahrzehnten, das vier Jahre später folgende Album "Between Dog And Wolf" zur größten Überraschung der Bandgeschichte. Ein bis hin zum Booklet aufwändig produziertes, arg percussiongeprägtes Meisterstück mit einer Reihe zweifellos erstklassiger Songs, die nur einen entscheidenden Haken hatten: Viele von ihnen wollten auch im dritten oder vierten Anlauf noch nicht so recht nach New Model Army klingen. Das verstörte. Trotzdem wurde "Between Dog And Wolf" zu ihrer erfolgreichsten Platte seit 20Jahren.

"Winter", die aktuelle Veröffentlichung, setzt hingegen wieder auf die für die Band typische Melange. Im Vergleich zu den letzten ihrer rockigeren Alben fällt es musikalisch eine Nuance rauer und düsterer aus und textlich in einem Umfang gesellschaftskritisch wie seit langem nicht. Passend zu einem Zeitalter, in dem - wie es im Titelsong heißt - die Konsequenzen all dessen spürbar werden, was die Welt nicht auf die Reihe bekommen hat. Gentrifizierung, Politikversagen, das Flüchtlingsthema (über das Justin Sullivan im Laufe der Jahrzehnte bereits eine ganze Reihe bemerkenswerter Stücke verfasst hat) - sie alle haben auf "Winter" ihren Niederschlag gefunden. Und mit "Burn The Castle" gibt es auch auf diesem Album wieder einen Song, der das Zeug zum Klassiker hat - in bester kämpferischer New-Model-Army-Tradition.

Im Konzert New Model Army spielen am 5. Oktober in Leipzig und am 7. Oktober in Dresden. Tickets gibt es in den "Freie Presse"-Shops und unter freiepresse.de/tickets

 

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...