Die Schönheit des Nützlichen

Tisch und Stühle, winzige Plastikteile und großformatige Fotos: Die preisgekrönten Arbeiten des 6. Internationalen Marianne-Brandt-Wettbewerbs sind inspirierend, vielfältig und überraschend. Und es geht dabei längst nicht nur um Formgestaltung.

Chemnitz.

Marianne Brandt war "der Überzeugung, dass ein Ding zweckdienlichst in seiner Funktion und materialgerecht schön sein müsse! Später kam ich jedoch zu der Einsicht, dass die künstlerische Persönlichkeit den letzten Ausschlag gibt". Das schrieb die Chemnitzer Bauhaus-Künstlerin etwa 1970 in ihrem "Brief an die junge Generation". Marianne Brandt würde sich mit dem aktuellen Jahrgang des internationalen Wettbewerbs, der aller drei Jahre ausgeschrieben wird, sicher bestätigt sehen.

Am Wochenende wurde im Chemnitzer Industriemuseum eine Ausstellung mit ausgezeichneten und nominierten Arbeiten des 6. Internationalen Marianne-Brandt-Wettbewerbs eröffnet. Sie gleicht einem Labor für die Erforschung der Nützlichkeit des Schönen und der Schönheit des Nützlichen. Als nützlich und schön gilt darüber hinaus inzwischen auch das ökologisch Nachhaltige, Ressourcen Schonende, sparsam zu Produzierende und langlebig Nutzbare. Dies spiegelt sich auch in den zahlreichen Preisvergaben wider. So ging etwa ein 1. Preis in der Kategorie Produktgestaltung an Wassilij Grod, der eine flexibel einsetzbare, äußerst stabile Leichtbauplatte aus Bambushalmen entwarf. Ebenfalls originell: Der farbige "Verbinder" aus Kunststoffabfällen, den Leon Rinne, Tabea Lanhuijzen, Michael Schoeninger und Andreas Hutter entwarfen und mit dem sich Holzbretter unkompliziert miteinander verbinden lassen. Die Arbeit wurde mit einem zweiten Preis gewürdigt.

In den Kategorien Fotografie und Versuchsanordnungen mischen sich freie und angewandte Kunst, Formgestaltung und Digitalisierung der Welt. Bestürzend zum Beispiel die Arbeit "Partition" von Malte Sänger, der gelöschte und formatierte Festplatten zu Rohstoffpreisen kaufte und die wiederhergestellten Daten handschriftlich notierte und zusammen mit Fotos der Festplatten ausstellt. Womit die an sich trivialen seltenen Metalle in den Speichern zu einem Mosaik menschlicher Begierden, Sorgen, Fantasien oder auch nur Kontodaten werden. Auch Falk Messerschmidt spielt in seiner Fotoserie "Non-Performance" mit vorgefundenen oder herbeigeführten Fehlern in Digitalfotos, die den Bildinhalt merklich verändern - wenn etwa ein Flugzeug scheinbar zu vibrieren beginnt und abstürzen könnte.

Der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Vom serienreifen Produkt - wie etwa einem praktischen Ein-Personen-Zelt namens "Nachtfalter" von Verena Kuck - bis zum Gedankenspiel - wie den Fotocollagen von Almut Hilf, die Motive aus der Architektur zu neuen Bildern zusammenfügt - ist alles zu sehen. Natürliche Materialien wie Birkenrinde werden wiederentdeckt, anderes wird recycelt - oder sogar precycelt, das heißt, Halbfertigprodukte aus der Industrie werden zwischengenutzt und danach wieder in ihren ursprünglichen Produktionszyklus zurückgeführt. Auch dieses Konzept des Studios Umschichten wurde mit einem 1. Preis ausgezeichnet. Und bei aller technischen, materiellen und konzeptionellen Modernität beschäftigen sich die jungen Künstler auch mit der Vergangenheit und beziehen eine Haltung zu ihr - wie etwa Anke Binnewerg sich in ihrem "Material Board" mit Baumateria-lien beschäftigt, die sich in der Gedenkstätte Buchenwald aus der Zeit des Konzentrationslagers finden.

Insgesamt wurden für den diesjährigen Wettbewerb 423 Arbeiten aus 27 Ländern eingereicht. Dies belegt die große internationale Wertschätzung, die der Marianne-Brandt-Wettbewerb inzwischen genießt.

Die reichhaltige, damit manchmal etwas unübersichtliche Ausstellung der von einer internationalen Jury für besonders wertvoll befun-denen Arbeiten ist sehenswert, die Objekte sind kurz und treffend beschrieben und geben einen wunderbaren, inspirierenden Einblick in die Gedanken- und Arbeitswelt junger Künstler und Formgestalter. Marianne Brandt hätte ihre Freude daran.

Die Ausstellung mit preisgekrönten und nominierten Arbeiten des 6. Internationalen Marianne-Brandt-Wettbewerbs ist bis zum 8. Januar im Industriemuseum Chemnitz zu sehen, Di.-Fr. 9-17 Uhr, Sa., So. 10-17 Uhr, feiertags gibt es Sonderöffnungszeiten.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...