Die Stimme aus dem Jenseits

Peter Konwitschny inszeniert zum Auftakt der Händelfestspiele in Halle Georg Friedrich Händels "Julius Cäsar in Ägypten".

Halle.

Er kam, sah und siegte. Von so einem PR-Spruch können die Herrscher aller Couleur heute nur träumen. Gajus Julius Cäsar hatte ihn. Und wenn man sich das Aufführungsverzeichnis anschaut, dann gilt das auch für Händels Opernversion von Cäsars Ägypten-Ausflug. Bis dorthin verfolgt er den abtrünnigen Rivalen Pompejus - doch als ihm Cleopatras Bruder Ptolomäus dessen Kopf als Willkommensgeschenk präsentiert, geht das dem Römer zu weit.

Georg Friedrich Händels "Julius Cäsar in Ägypten" hatte in der Oper Halle am Freitag Premiere. Cäsars Ankunft in Ägypten ist mit einer Rückkehr von Peter Konwitschny nach Halle verbunden. Der heute als Altmeister seiner Zunft allseits respektierte Regisseur hatte dort mit Händel Furore gemacht. Mit "Floridante" (1984), "Rinaldo" (1987) und "Tamerlan" (1990). Schon da war unter anderem Helmut Brade der Ausstatter, der jetzt vor einem Rundhorizont die Pyramiden und die Palmen auf die Bühne zaubert. Das reicht völlig, um die Ägypten-Assoziationen wachzurufen. Gezeigt werden die Mächtigen dieser Welt, die damals wie heute bereit sind, über Leichen zu gehen.

Konwitschnys Kunst besteht darin, all das mit klassischen Theatermitteln so weit heranzuholen, dass man diese Oper ganz neu zu sehen meint. Klarer und echter jedenfalls, als wenn es nur der Vorwand für eine Parade der Stars der Barockszene wäre. Er lässt sogar gegen den Trend deutsch singen. Was verblüffend gut funktioniert.

Konwitschny macht aus dem enthaupteten Pompejus eine Stimme aus dem Jenseits und legt ihm Sextus' Arien in den Mund. Sie werden zu Aufforderungen des Vaters an den Sohn, den Mord zu rächen. Pompejus' Kopf taucht dafür an den unterschiedlichsten Stellen auf -im Sand, auf seinem eigenen Grabmal, mal im Harem. Bei Sohnemann Sextus nimmt der Racheplan Form an. Der Junge fuchtelt zwar gerne mit einem Spielzeugschwert herum und mimt den Erwachsenen, aber eigentlich widmet er sich lieber seinem Spielzeugauto. Und doch kriegt er es hin, dass Ptolomäus am Ende zu Boden geht und seinen Kopf verliert, den Cleopatra dann an einer Palme aufhängt. Das sind Bilder der Grausamkeit, aber keine grausamen Bilder. So wie das Staatsdinner, zu dem Ptolomäus lädt. Weil Cäsar sicherheitshalber vorkosten lässt, gibt es Kollateralschäden: Die Vorkoster auf beiden Seiten gehen zu Boden und wegen der diplomatischen Optik muss auch noch der unschuldige Koch der Ägypter dran glauben. Die beiden Herren aber besaufen sich trotzdem gemeinsam. Grandios die Idee, nach der Abreise Cäsars Cornelia und Cleopatra ein trauriges Duett singen zu lassen. Bei Konwi-tschny haben damit die nun recht einsamen Frauen das letzte Wort.

Der diesjährige Pultgast Michael Hofstetter inspiriert das Händelfestspielorchester zu einem präzisen Wechsel zwischen zupackender Theatralik und reflektierter Besinnlichkeit. Violinistin und Hornistin kommen für ihre Soli auf die Bühne. Vokal und darstellerisch ist dieser Cäsar nicht Starparade, sondern Ensembleleistung. Vanessa Waldhart und Svetlana Slyvia überzeugen als Cleopatra und Cornelia. Als Bariton ringt Grga Peroš um die Counter-Rolle Cäsar, der kurzfristig eingesprungene Tomasz Wija überzeugt als Gegenspieler Ptolomäus. Die Partie des Sextus steuert als Kopf des Pompejus der einzige Counter Jake Arditti bei, Benjamin Schrade ist ein hinreißend spielender Knabe Sextus. Viel Beifall.

Nächste Vorstellungen am 6. und 10. Juni. Die Händelfestspiele dauern bis 16. Juni.

www.barock-konzerte.de

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