Die Tiefe eines Popsongs

Ivan Panteleev macht das Leipziger Schauspiel mit einem neuen Text von Wolfram Höll zur stimmgewaltigen "Disko".

Leipzig.

Das ist der Rhythmus, bei dem man mit muss: Der Abend schlägt von Sekunde 1 ein Triangel aus Kraftwerk, Trio und Giorgio Moroder an. Wie ein Metronom gibt das den Takt der Inszenierung vor. Der Beat pocht drängend aus dem Off, und ein menschliches Stimmenorchester hebt zum Theaterkonzert mit wippenden Zuschauerfüßen an.

"Disko" nennt Dramatiker Wolfram Höll konsequent sein für die Nebenspielstätte Diskothek konzipiertes Auftragswerk. Auch sein dritter am Schauspiel Leipzig uraufgeführter Text verweigert sich der Eindeutigkeit. Doch bergen dieses Mal rätselhafte Schichten aus Satzverkettungen ein dunkles Geheimnis. Als der Beat in der auf Maß und Klang durchkomponierten Sprache - einzig sie wiederzugeben ist Absicht Regisseur Ivan Panteleevs - abklingt, zeigt sich eine dünne Erzählebene.

Höll hat ein Blutbad auf die Tanzfläche verlegt, wo vom besorgten Bürger bis Flüchtling, Single, Flüchtlingshelfer und Islamist alle nacheinander sterben. Das bekommt man erst am Schluss mit, als die szenischen Fetzen zur Story werden sollen. Davor sind Herstellen von Zugehörigkeit sowie "sehen und gesehen werden" Thema. Da, wo einst tatsächlich im auf Schickimicki getrimmten Laden Schauhaus getanzt wurde, wird die Disko zum Mittelpunkt einer narzisstischen Welt. Heute nennt man das Club. Und es ist ein Club, ein geschlossener Gemeinschaftsbereich, der nicht jedem offen steht. Das wird sofort deutlich. Die Bühne ist abgegrenzt in den Bereich vor der Tür und die eigentliche Disko hinter Vorhang und Türsteher. Der entscheidet, wer rein darf.

Während die draußen Bleibenden sich auf Fahrrädern abstrampeln, schwitzen die drinnen auf Laufbändern. Ellipsenartig vorgetragene Sätze über Einschluss, Ausschluss, alltägliche Tretmühlen, Smalltalk und Flirtversuche entwickeln sich kleinen Tableaus, Splitter, die die Realität spiegeln. Tatsächlich erscheint die Idee charmant, sich das Land als Disko vorzustellen, in das nicht alle reinkommen. Wer den Konkurrenzkampf nicht besteht, muss eben das Handtuch werfen.

Das lässt sich zumindest mühelos in das Wackel- und Zappeltheater hineindeuten, das nur auf den Beat setzt. Akustische und textliche Verdopplungen erzeugen Verdichtung vor Bedeutung. Die sieben Spielenden sind reine Bebilderungen des Textes. Immer wieder nehmen die Schauspieler neu Aufstellung. Sie drängeln in der Warteschlange, wippen im Takt, machen rhythmische Sportgymnastik. Aber im Kern geht es nur um ihr Stimmenzusammenspiel als Klangteppich (Musik: Jan-S. Beyer). Mal sprechen sie Textfragmente, erzeugen Loops oder als menschliche Beatboxen Geräusche, dann agieren sie als A-Capella-Orchester. Frappierend exakt, beeindruckend musikalisch bringt das Ensemble den Abend fehlerfrei über die Bühne, ja: rockt ihn.

Das ist Kunst um der Kunst willen; die politische Ebene bleibt Behauptung. Wer sich vom Rhythmus wegtragen lässt, erlebt einen kurzweiligen Abend; wer nicht, empfindet die 75 Minuten als viel länger. Bis die Inszenierung in die Versenkung abrutscht, wenn sich der Mörder auf der Tanzfläche materialisiert und plötzlich eine Geschichte erzählt wird. Sie endet mit der Tiefe eines Popsongs. Yeah, yeah, yeah.

Weitere Vorstellungen von "Disko" am Schauspiel Leipzig am 16. und 26. Februar. www.schauspiel-leipzig.de

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