Die Welle ist zurück

Von England aus eroberte Wave-Musik Anfang der 80er die Popwelt. In den 90ern gab es dann ein Revival, vor allem in Skandinavien und Deutschland, das stark retro-geprägt war. Nun türmt sich im Untergrund eine neue, dritte Wave-Welle auf, und die greift vor allem musikalisch tiefer. Hier sind die neuen Helden!

Es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen einer Retrowelle und einem Revival: Erstere versucht vor allem, mit legendären Memen an lieb gewonnenen Erinnerungen anzuknüpfen, bestenfalls werden sie ironisch umgedeutet, um nicht staubig zu wirken: Bands, die sich an derlei versuchen, können sich in der Regel nicht mit den Originalen früherer Tage messen. Sagen wir, Greta van Fleet mit Led Zeppelin: Man saugt Nektar lediglich aus Stil und Erinnerung.

Zweiteres ist dagegen eine ganz andere Baustelle: Da werden die erprobten Bestandteile hergenommen, um aus neuer Sicht, im neuen Zeitkontext eine gültige neue Kunst zu schaffen, die über das Aufpolieren eines alten Charmes hinausreicht. Die legendäre Wave-Musik vom Anfang der 80er musste bisher stets für ersteres herhalten - vielleicht, weil ihre kreative Hochphase so kurz war. Zur Erinnerung: Über den Jahrzehntwechsel bildete Punk einen düster-traurigen Ableger, der Frust aus Musik und Gesellschaft mit so simplen wie artifiziellen Mitteln einfing. Bands wie Bauhaus, Joy Division, The Smith, Christian Death oder The Cure schufen mit wenigen Platten einen extrem markanten wie einflussreichen Sound aus nagelndem Bass, deklamierenden Stimmen und klirrigen Clean-Gitarren, der für Rock wie Elektronik offen schien.

Doch abgesehen von The Cure (und den Deutschen Pink Turns Blue, deren Gesamtschaffen vom Drab-Majesty-Label Dais Records übrigens in den USA gerade neu auf Vinyl herausgebracht wird) schaffte es keine Band, daraus ein längerfristig pulsierendes Kunstwerk zu schaffen - aus Schubladen wie "Cold Wave", "Postpunk", "New Wave" oder "Gothrock" wollten die Protagonisten raus, kaum dass diese aufgezogen waren. Die Folge: Eine einflussreiche, aber überschaubare Anzahl von Meilensteinen - "Wave" wollte niemand genannt werden.

Dass das ansich so wunderbar freie, gleichzeitig aber simple wie kunstvolle Konzept ("Bauhaus" war als Bandname ja kein Zufall!) wesentlich mehr Potenzial hatte, ging in der ersten Wave-Retrowelle der 90er jedoch leider ebenso unter: Eine dezente Frischzellenkur mit damals aktuellen Metalriffs, die der Sache etwas mehr Pep und Schlagkraft verliehen, ging da schon als großer Wurf durch. Immerhin: Einer Band wie HIM brachte der Dreh Weltruhm und Millionenverkäufe. Dem Untergrund fiel in Form von Gruppen wie The 69 Eyes, Love Like Blood, Lacrimas Profundere oder den Dreadful Shadows aber auch nichts anderes ein, zumal Größen wie Fields Of The Nephilim oder die Sisters of Mercy die "Flucht" in den Metal ja vorgegeben hatten, nachdem andere Protagonisten wie New Order im egalen Chartpop abgetaucht waren. Nicht falsch verstehen: tolle Platten sind aus dieser Phase hervorgegangen, aber eben nur wenig substanziell Bleibendes.

Seitdem diente Wave immer wieder mal von Robyn über Ben Ivory bis Drangsal als stylisch behauptete Garnitur - mehr aber nicht. Da ist es ergo geradezu eine Wohltat, dass seit einigen Jahren immer mehr Untergrund-Bands sich an einer ebenso ernsthaften wie weit gefassten Wave-Neudefinition versuchen - ohne Retrosicht wird das Grundprinzip melancholischer Musik mit Drive und Simplizität dabei wieder als Leinwand verwendet.

Die Folge: Wunderbar zeitloser Wave von betörender Großartigkeit. Eine der Speerspitzen ist die niederländische Band Gold um den Ex-The-Devils-Blood-Gitarristen Thomas Sciarone: Ausgehend von Hardrock und traditionellem Heavy Metal hat sich die Gruppe in den letzten Jahren immer weiter in kühle, sanfte Gefilde geöffnet. Dezente Doom- oder Postmetal-Farbtupfer sprenkeln auf dem aktuellen Album "Why Aren't you Laughing?" nur noch Textur auf einen bis tief ins Poppige reichenden Superwave, der der elegisch-erwachsenen Sängerin Milena Eva einen ebenso facettenreichen wie klar gewebten Prachtteppich ausrollt. Jedes Stück der aktuellen Platte ist eine Entdeckung für sich, stets schimmern ungewohnte Schattierungen auf - und doch trifft die Band spätestens seit ihrem Drittling "Optimist" zentriert den fast schon totgeglaubten Nerv des Wave. Es ist wie ein Feedback: Immerhin haben die großen Wavebands von Coldplay bis Metallica ihren intensiven Einfluss in die Welt gegeben. Nun kommt mit 30 Jahren Verzögerung ein Destillat wie guter Whisky zurück - vor allem in den USA. Drab Majesty aus Los Angeles ist eines der besten Beispiele: Das Kunstprojekt um den Sänger und Gitarristen Andrew Clinco hat soeben sein drittes Album "Modern Mirror" veröffentlicht, und die Platte klingt als sei der kalte Wavepop soeben erst erfunden worden. Aus klatschnassen Chorus-E-Gitarren und spröden Synth-Hooks schafft die Band wundervolle Songminiaturen, die vor allem in Musikerkreisen mehr und mehr gefeiert werden, sodass Drab Majesty vielen als nächstes großes Ding gilt.

Und noch zwei Geheimtipps: Die Amerikaner Fotocrime, die ihre Musik "Black Magic Punk" nennen, haben auf ihrem 2018 erschienenen Debüt "Principles Of Pain" New- Wave-Elektronik mit Gothrock der 9oer-Prägung verschmolzen und mit eigenwillig bitterer Dosis von Pop-Weichmachern ins Heute transportiert. Großartige Scheibe! Auch The Ritualists aus New York schaffen es auf dem Erstling "Painted People", mit sehr heutiger Musik das Herz zu fassen: Sie mixen einem Pop-Verständnis aus Editors-Sicht sehr charmant ein kühles U2-Hitflair bei, was prima sinisteren Neo-Gothrock ergibt.

Im Konzert  Drab Majesty treten am 3. Oktober im Conne Island Leipzig auf. Am 9. November sind dann Gold im UT Connewitz ebenfalls in Leipzig zu erleben. Karten für ersteres gibt es in allen "Freie Presse"-Shops.

www.freiepresse.de/meinticket


"Oxytocin" stammt vom neuen Album "Modern Mirror" von Drab Majesty. Das Duo aus Los Angeles gilt als "next big thing".

 

 


"Duplicate Days" ist ein Song der EP "Always Night" des Projektes Fotocrime aus Loisville im US-Bundesstaat Kentucky.

 

 


"Ice Flower" stammt vom Debüt "Painted People" der New Yorker The Ritualists. Das Label Out Of Line hat sie sich geschnappt.

 

 


"He Is Not" vom aktuellen Album "Why Aren't You Laughing?" der Niederländer Gold. Die Ex-Metalband ist heute ein Wavepop-Juwel.

 

 

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