Die Welt als Kugel

Schmuck für den Weihnachtsbaum gibt es in allen Farben, Formen und Größen. Doch wer seine Tanne mit Erinnerungen verziert, erlebt eine ganz besondere Vorfreude.

Die Florentiner Lilie ziert das Wappen von Florenz und ist als Motiv schon Jahrhunderte alt. Der zarten Blume begegnet man überall in der Hauptstadt der Toscana. Auf Taschen, T-Shirts, Mützen, Schals, Servietten wird die Lilie gedruckt und lockt in den typischen Souvenirläden die Touristen an. Etwas abseits, in den kleinen Gassen, wo die Händler in verwinkelten Läden ihr Handwerk präsentieren, findet man das Wappen auch auf einem ganz besonderen Stück - auf einer schweren, weißen Porzellan-Weihnachtskugel strahlt die rote Lilie und über ihr der Schriftzug "Firenze".

Für die meisten Deutschen ist Weihnachten ohne einen Baum undenkbar. In jedem zweiten Haushalt der Republik wird ein solches Nadelgewächs stehen - bunt geschmückt. Dabei ist die Tradition - einen Tannenbaum auf diese Art und Weise zu verzieren - erst knapp 250 Jahre alt. Goethe erwähnte 1774 als einer der ersten den geschmückten Weihnachtsbaum in seinem Werk "Die Leiden des jungen Werther". Er schreibt von einem "aufgeputzten Baum mit Wachslichtern, Zuckerwerk und Äpfeln".

Heute sind die Christbäume nicht mehr nur mit Naschzeug behängt. Es dauert einen Wimpernschlag: Dann liefert das Internet 1,4 Millionen Treffer zur Suche nach Weihnachtskugeln. Rot, weiß, silbern, gold, pink, türkis, bronze, blau - es gibt keine Farbe, in der nicht irgendein Händler den runden Baumschmuck zum Kauf anbietet. Matt oder glänzend, mit Motiv oder doch schlicht, alles in einem Farbton oder bunt gemixt. Kurz nach Weihnachten - jährlich im Januar - findet in Frankfurt am Main die Christmasworld statt - die weltweit größte Messe für saisonale Deko-Artikel. Mehr als 1000 Aussteller aus über 40 Ländern zeigen elf Monate vor dem Fest, was dann ab Herbst in aller Üppigkeit in die Läden kommt. Millionen Kugeln in allen Farben, aus Plastik oder Glas überschwemmen die Läden.

Bei uns ist das Schmücken des Weihnachtsbaumes kein Trendgeschäft. Die Tanne erstrahlt nicht in einem Farbton. Der Baum ist bunt behängt mit vielen Erinnerungen. Denn seit ein paar Jahren bringen wir Weihnachtskugeln aus unseren Urlauben mit - Italien, Österreich, Deutschland, Liechtenstein, Mauritius, USA ... Unser Tannenbaum soll nicht trendy aussehen, er soll uns erinnern, wo wir schon waren und was wir erlebt haben. Und so erzählt jedes Exemplar seine ganz eigene Geschichte.

In einer dunkelgrünen Samtschachtel liegt jene Kugel, die den weitesten Weg in der Sammlung zurücklegen musste: mehr als 12.000 Kilometer. Eine rote Glaskugel mit den typischen Blütenblättern des Lei kommt in diesem Jahr neu an den Baum. Lei ist der berühmte Kranz aus Blüten, den die Gäste auf Hawaii zur Begrüßung bekommen. Es war nicht leicht, eine Christmaskugel im Frühling zu bekommen, denn wie in Europa ist Weihnachten auch auf den Hawaii-Inseln ein saisonales Geschäft. Und hat Santa Claus in kurzen Hosen bei ungefähr 25 Grad auf dem Surfbrett ankommend seinen Geschenke-Job erledigt, verschwindet auch der Weihnachtsbaumschmuck wieder. Doch in einem kleinen Laden fanden wir sie, ein handwerkliches Meisterstück von innen mit Hand bemalt.

Wenn am Montag Millionen Lichter an den Bäumen leuchten, dann wünschen sich die meisten Deutschen vor allem Gesundheit und mehr Zeit für die Familie. Und noch etwas würden rund 40 Prozent gern viel häufiger machen: Reisen und andere Länder kennenlernen. Für uns ist die Welt eine Kugel geworden, eine Weihnachtskugel ...

Es sind rührende Geschichten, die sich immer wieder um den Tannenbaum ranken. Goethes Erwähnung im Werther macht klar, das Behängen avancierte recht schnell zur lieb gewordenen Sitte. Doch ob es tatsächlich ein armer Glasbläser aus Lauscha war, der die Kugeln für den Weihnachtsbaum erfand, weil er sich angeblich die teuren Nüsse und Pfefferkuchen für den Behang nicht leisten konnte, wer weiß das schon. Sicher ist, dass seit 1848 Glasbläser in Lauscha Schmuck für den Weihnachtsbaum herstellen, das beweist ein altes Bestellbuch. Diese Tradition hat sich auf der ganzen Welt verbreitet.

Italien ist am häufigsten an unserem Baum vertreten. Rom, Florenz, Venedig und Obereggen hängen im Kerzenschein nebeneinander an den Ästen. Dabei hatte es der Christbaum in Italien nicht so leicht. Die Katholische Kirche weigerte sich lange Zeit, den Weihnachtsbaum als Brauchtum anzuerkennen. Erstmalig wurde 1982 auf dem Petersplatz in Rom eine Tanne aufgestellt. Zum Glück, sonst gäbe es unsere Rom-Kugel vielleicht nicht.

Doch nicht immer ist die Suche nach Weihnachtsbaumkugeln erfolgreich. Es gibt einen Ort, dort waren wir schon mehrmals und nicht ein einziges Mal haben wir es geschafft, eine Kugel aufzutreiben: Mallorca ist der symbolisch weiße Fleck an unserem grünen Baum. Verwunderte Blicke erntet man fast immer, wenn man bei 30 Grad im Schatten nach Christmas Balls fragt. Vielleicht liegt es ja daran, dass die Spanier lieber an den Baum die Heiligen Drei Könige aus Schokolade hängen. Denn erst am 6. Januar gibt es in Spanien Geschenke. Wir bleiben auf jeden Fall an einer Mallorca-Kugel dran.

Mittlerweile wissen Freunde und Familie um den kleinen Schmuck-Spleen und kennen auch die hin und wieder auftretenden Schwierigkeiten, so ein Teil außerhalb des Vorfreuden-Getümmels aufzutreiben. Und so kam im Vorjahr ein Päckchen aus Berlin - darin eine silberne Kugel mit der Skyline der Hauptstadt und einem netten Gruß: "Schön war euer Besuch, jetzt gab es endlich Weihnachtskugeln!" Es sind Erlebnisse, die an unserem Baum hängen und immer, wenn wir die Berlin-Kugel anschauen, kommt uns diese Geschichte in den Sinn. Zwar haben wir das Teil nicht selbst gekauft, aber diese Kugel war eine wunderbare Überraschung zum Fest, weil sie Freude schenkte. In diesem Sinn - ein Weihnachten voller schöner Erinnerungen!

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