Echt jetzt?

Das Potenzial der Vermarktung von "Der Herr Der Ringe" ist noch längst nicht erschöpft. Wie weit es reicht, hat ein Konzert in Chemnitz gezeigt.

Chemnitz.

Peter Jacksons Film- Trilogie "Der Herr der Ringe" ist, das macht einen Kino-Klassiker ja aus, reich an zeitlosen Gänsehautmomenten. Einer davon ist fraglos das A-capella-Lied "The Edge Of Night" aus der "Rückkehr des Königs": Hobbit Pippin singt die traurige Weise dem verbitterten Truchsess Denethor, der allein beim Mahl rot spritzende Früchte zerbeißt, während in parallelen Bildern grausige Orks die Streitmacht seines von ihm ungeliebten Sohns Faramir brutal abschlachten. Das Lied, komponiert und gesungen von Pippin-Darsteller Billy Boyd nach einem Originaltext aus dem Buch von J.R.R. Tolkien, dauert im Film nur etwas länger als eine Minute, ist unter Fans des Fantasy-Stoffes aber Kult: Jackson hatte bei seinen ansich recht moderaten Kürzungen der drei Romane vor allem die zahlreichen Lieder und Gedichte Tolkiens gestrichen - die Pippin-Szene ist daher eine wichtige Reminiszenz an die große lyrische Parallelwelt in der Vorlage.

Der schottische Schauspieler Boyd, der mit 50 Jahren noch über eine wunderschöne, sinnliche und doch männliche Gesangsstimme verfügt, könnte also problemlos Konzerthallen füllen. Das Problem: Obwohl seine Band Beecake bereits vier durchaus hochklassige Alben veröffentlicht hat, ist sie bestenfalls auf dem Niveau recht kleiner Klubs bekannt. Lediglich seinen Song "The Last Goodbye" brachte Boyd noch populär im Abspann der zweiten Tolkien-Trilogie "Der Hobbit" unter.

Was also tun? Man nehme ein Tournee-Orchester, das die Filmmusiken der sechs Streifen halbwegs unfallfrei abspielen kann, stecke ein paar gecastete Tänzerinnen in Fantasie-Fantasy-Kostüme, die dem Film möglichst nicht zum Verklagen ähnlich sehen, und besorge noch eine zugkräftige Erzählstimme wie die von Schauspieler Ben Becker. Als "Der Herr der Ringe und der Hobbit"-Konzert füllte das Konzept am Freitagabend immerhin die Stadthalle Chemnitz bei Ticketpreisen bis zu 7o Euro bis auf den letzten Platz. Und Boyd? Riss das Publikum von den Sitzen. Der echte Pippin, live in Sachsen, das bewegte in der Tat. Dazu musste er netto auch nur wenige Minuten auf der Bühne stehen (einen dritten Song gab es): Mitunter sind es eben nur Momente, die berühren. Dann waren aber noch 80 weitere Minuten zu füllen, und die gerieten wenig legendär: Becker verfügt zwar auch über eine grandiose Stimme, der man nur zu gern lauscht - doch sein Nacherzähltext der Tolkien-Geschichte war oft lieblos ("Säm" statt "Sam") und für Fans teilweise gar ärgerlich falsch: Nein, Gandalf kam nicht erst nach dem Marsch von Fangorn zurück - unter anderem. Dass der Score von Howard Shore auch im sinfonischen Konzert ganz "bildlos" seine Kraft entfalten kann, haben entsprechende Programme in den letzten 15 Jahren oft bewiesen. In Chemnitz war davon wenig zu spüren: Dass Becker arg handwerklich über die Musik deklamierte, tat beiden nicht gut.

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