Ein Koffer in Zimmer 3.50

In Dessau lebt man mit dem Bauhaus, und manchmal sogar darin. Die Stadt balanciert dabei zwischen großen Idealen und einfachen Fragen. Und bietet auch Touristen ein Bauhaus-Bett an. Ein Besuch.

Dass ich in der gelben Etage wohne, hatte ich beim Bezug von Zimmer 3.50 gar nicht gemerkt. Erst als ich mich in einem Tross von 30 Touristen erneut durch das schmale Treppenhaus hoch zum dritten Geschoss schiebe, werde ich durch den Hinweis des Gästeführers auf den gelben Deckenanstrich aufmerksam gemacht. Jede Etage hat ihre eigene Farbe - hier im Atelierhaus, dem früheren Studentenwohnheim der nebenan liegenden Bauhausschule. In der dritten Etage schließt der Gästeführer die Glastür zum Etagenflur auf und für einen Moment befürchte ich, dass die Führung in Zimmer 3.50 weitergeht, wo meine Sachen stehen. Aber wir passieren 3.50 und quetschen uns ins Nachbarzimmer. Das ist nicht belegt. Früher soll hier Marianne Brandt gewohnt haben, die aus Chemnitz stammende Künstlerin, die am Bauhaus studiert und gelehrt hat.

Ich bin in Dessau - in der Stadt, in der man gewesen sein muss! Schreibt die "New York Times". Auf der diesjährigen Reiseempfehlungsliste der renommierten Zeitung hat es Dessau, richtigerweise Dessau-Roßlau, auf Platz 26 geschafft. Die Werbung aus New York verdankt die Stadt der Bauhausschule, die 1925 nach Dessau zog. Zuvor war sie in Weimar geschlossen worden. Ein ähnliches Schicksal erlebte sie zwar 1932 auch in Dessau, als die Schule auf Antrag der Nationalsozialisten durch einen Beschluss des Stadtrates dicht gemacht wurde. Aber sei's drum. 100 Jahre Bauhaus werden gefeiert, und in Dessau lässt sich Bauhaus erleben. Sogar im Schlaf.

Für den gibt es hier Hotels, aber eben auch das Atelierhaus. Das sei zu seiner Eröffnung 1926 eine Sensation gewesen, denn erstmals lebten Studenten direkt am Ort ihrer Hochschule, heißt es bei der Bauhaus-Stiftung. Die Stiftung hat ihren Sitz im Gebäude der einstigen Bauhausschule und will die Ideen der Einrichtung über Führungen, Veranstaltungen, Publikationen und Forschung lebendig halten und vermitteln. Auch über das Atelierhaus, wo Touristen übernachten können. Deshalb steht mein Gepäck in 3.50.

Die Zimmer waren damals unter den Studenten und Jungmeistern begehrt. Mit je rund 20 Quadratmetern haben sie eine bequeme Größe, etliche der Zimmer verfügen über einen Mini-Balkon. In den vergangenen Jahren wurden die Zimmer saniert und einige im Stil des Bauhaus-Studentenwohnheims gestaltet. 3.50 ist so ein Zimmer. Wenn man es jetzt als Tourist betritt, kann einen der Gedanke ereilen, dass sie mit dem Einrichten nicht ganz fertig geworden sind.

Rechts ein Waschbecken, daneben in die weiße Wand gebaute weiße Wandschränke, geradeaus eine Fensterfront, von der links der Balkon abgeht. Vor der Fensterfront ein einfacher Schreibtisch, davor ein Stuhl, daneben Beistelltischchen und links in einer Nische ein Bett. Kein Fernseher, keine Minibar, kein Bad - Dusche und WC auf dem Gang. Aber: Auf den zweiten Blick sieht man die nicht vorhandenen Überflüssigkeiten, stattdessen Ordnung, Struktur, Ruhe. Platz für den Menschen, der eintritt.

Zu Beginn der Führung war der Gästeführer über die vielen Touristen fast ein bisschen erschrocken gewesen: gut 30 Leute an einem Donnerstag im März. Jährlich zählt das Bauhaus Dessau rund 100.000 Besucher, auch 2017 und 2018 war das so, heißt es bei der Pressestelle der Stiftung. In diesem Jahr sei bereits ein Anstieg zu bemerken.

Von den großen Ideen der Bauhäusler erzählt der Gästeführer auf seiner Tour durch das Gebäude der einstigen Bauhausschule, in der einige Räume heute auch von der Hochschule Anhalt genutzt werden. Durch neue Formen in Architektur und Design sollte in den 1920er-Jahren eine neue Kultur und dadurch ein neuer Mensch geformt werden - nach dem erlebten Elend des Krieges. All das galt auch für das von Bauhaus-Direktor Walter Gropius gestaltete Schulgebäude selbst. Der Einsatz von Glas symbolisiert Transparenz; die einfachen Klappsitze von Marcel Breuer im Bühnenraum das Aufreißen alter Strukturen, denn von der Ohrensesselzeit ließ er wenig übrig; und dass Heizkörper statt Bilder an den Wänden hängen, zeigt, dass das Haus keinen falschen Repräsentationszwecken dienen sollte. "Nur Dinge, die eine Funktion haben, werden zur Gestaltung genutzt", erläutert der Gästeführer. Die klaren, freien Räume soll stattdessen der neue Mensch füllen.

Mehr als 300 Bauhausbauten gibt es in Dessau, wirbt die Stadtmarketinggesellschaft. Genau im Zentrum beim Rathaus aber, etwa 20 Minuten zu Fuß vom Bauhaus entfernt, sieht es nach Bauhaus-Pause aus. Hier ist, wie in vielen Städten, ein wilder Mix aus Alt- und Neubauten gewachsen, aus Gastronomie- und Ladenzeilen mit Döner-Imbiss und Kartoffelhaus, Friseurgeschäft und Klamottenladen. Aber es ist eben Dessau: Ein paar Ecken weiter steht ein Kasten. Aus Glas. Klar. Bauhaus. Es wird das neue Bauhaus-Museum, in dem die Stiftung ihre Sammlung zeigen will. "Der Kasten gefällt mir nicht", sagt Margot Matthis. "Das war vorher alles Park, viel schöner", findet die 80-jährige Passantin. Dennoch ist sie stolz auf das Bauhaus in Dessau, "weil ja sonst von Dessau nicht viel bekannt ist". Allerdings frage sie sich, warum jetzt, wo die Touristen kommen, das Museum noch nicht fertig ist. Eröffnungstermin: 8. September. Das sei so geplant, heißt es bei der Stiftung, auch damit nicht alle Höhepunkte im Jubiläumsjahr auf einen Monat fallen. Das neue Bauhaus-Museum in Weimar beispielsweise hat jetzt im April eröffnet. Und Park, so betont die Stiftung in Dessau, gibt es hinter dem Museum immer noch. Passanten sollen, so der Plan, einfach von der Straße durch das Haus in den Park gehen können. Andreas Kanski, 42 Jahre und Inhaber eines Zeitungsladens in der Innenstadt, ist vom Glaskasten auch nicht ganz überzeugt, gewinnt dem Jubiläumsjahr aber ab, "dass die Dessauer selbst die Bedeutung des Bauhauses stärker wahrnehmen". Dass es Menschen außerhalb tun, steht außer Frage, sagt Passantin Kerstin Gasenzer. "Wenn ich im Urlaub sage, ich komme aus Dessau, werde ich oft aufs Bauhaus angesprochen. Deshalb habe ich mich mit dem Thema befasst." Ihr Lieblingsdesigner, sagt die 54-Jährige, ist Marcel Breuer. "Seine Stühle gefallen mir."

Abends zurück in der gelben Etage, zurück in Zimmer 3.50. Ich setze mich auf den Stuhl, der nach Entwürfen von Breuer gefertigt ist. Minimalistisch, ich sitze gut. Und blättere auf dem Schreibtisch vor mir in der Regionalzeitung, die ich bei Andreas Kanski gekauft habe. Im Lokalteil finde ich einen Text über - Marcel Breuer. Und die Kulturseite widmet sich Hannes Meyer, dem zweiten Direktor der Bauhausschule. Ihn werde ich am nächsten Tag gewissermaßen besuchen. Doch zuvor knipse ich das Licht in diesem sehr stillen, schlicht-schönen Zimmer aus. Nachts auf dem Weg zum Klo fällt mir beim Überqueren des Etagenflurs in dessen Außenwänden das Glas auf, das den Blick nach draußen freigibt und von draußen auf mich. Ich schaue an mir im Schlafanzug herunter und überlege, ob Bauhaus-Glas manchmal zu viel Transparenz ist. Immerhin: Im WC gibt es Sichtschutz.

Am nächsten Morgen, 15 Minuten Autofahrt vom Bauhaus-Gelände entfernt in der Siedlung Törten, arbeitet Matthias Kruber im Garten. Nebenan steht eines der Laubenganghäuser, die Hannes Meyer entworfen hat. Langgezogen, brauner Stein, mehretagig mit Mietwohnungen und durchgehendem, balkonähnlichem Gang vor den Wohnungstüren. "Ich hab da auch mal gewohnt. War gut. Die Wohnräume sind zum Süden ausgerichtet", erzählt der 53-jährige Schlosser, führt hinters Haus und zeigt auf die Rückseite. "Sehen Sie, das sind die Wohnzimmer mit großen Fenstern. Wenn im Winter die Sonne schien, mussten wir nicht heizen." Und vorn auf dem Gang habe man mit den Nachbarn ein Bier getrunken und Karten gespielt. Bis heute sind die Häuser bewohnt und, so heißt es, beliebt. Einige Meter weiter findet sich die Siedlung aus Flachdachhäusern, die noch von Gropius stammen. Die Stadt beauftragte ihn mit dem Bau der Siedlung: 314 Reihenhäuser mit jeweils bis zu rund 70 Quadratmetern entstanden. Allerdings auch als Experiment. Gropius wollte das Bauen effizienter machen, probierte Materialien und Herstellungsformen aus. Fehler seien da programmiert gewesen, sagt Werner Möller, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Stiftung. Wände waren zu dünn, die Isolation nicht ausreichend, mitunter entstanden Risse, drang Feuchtigkeit ein und pfiff es durch einfach verglaste Stahlrahmenfenster. Die Bewohner besserten aus, bauten um und an. Gern auch nach der Wende, "das Bauhaus ist des Bauhaus' Tod", sagt der 62-jährige Bernd Eichhorn gewitzt und meint den Baumarkt, der denselben Namen wie die Schule trägt. Eichhorn ist gerade bei seiner Schwiegermutter Gisela Nauert zu Gast, die in einem der Häuser wohnt. Sie zeigt auf ihr Fenster: Hinter das originale Stahlrahmenfenster hat sie ein Isolierfenster einbauen lassen. Mit solchen Kniffen hätten die Bewohner wohl ihren Frieden mit der Siedlung gemacht. Leerstand halte, so Experte Möller, nie lange an. Aber eines versteht Gisela Nauert nicht. Ein paar Schritte von ihrem Haus entfernt steht das Konsumhaus von Gropius, in dem einst Läden und Wohnungen untergebracht waren. "Vor dem Haus standen Bäume, die haben sie gefällt und gesagt, wenn die Touristen aus Amerika kommen, wollen sie keine Bäume, sondern Bauhaus sehen. Aber am Haus passiert nichts." Soll sich ändern. Sanierungsarbeiten stünden in Aussicht, sagt die Stadtverwaltung. Und die Stiftung betont, dass ab 18. April wieder Führungen in Törten geplant sind.

Die Touristen nehmen auch die Meisterhäuser nahe der Bauhausschule gern in Beschlag, in denen die Lehrer wohnten, darunter Gropius, Künstler wie Lyonel Feininger und Paul Klee. Nicht alle Häuser sind im Original erhalten, und im März wehen hier und auch an anderen Bauhaus-Bauten noch Bauplanen. Man hätte sich gewünscht, diese Sanierungen eher beenden zu können, heißt es bei der Stiftung. Aber es habe Verzögerungen unter anderem wegen der teils komplizierten, historischen Bausubstanz gegeben. Doch in den nächsten Tagen werde man fertig sein.

Ich hole mein Gepäck aus Zimmer 3.50. Meine Gedanken gehen zu Marianne Brandt. Wie muss sie sich gefühlt haben, als die Nazis das Bauhaus schlossen? Als weggefegt wurde, was kurz zuvor als Aufbruch in eine neue Zeit galt?

Bessere Menschen lassen sich nicht am Reißbrett entwerfen, das haben auch die Bauhäusler nicht geschafft. Aber sie haben uns Ideen hinterlassen, mit denen wir unser Wohnen und Leben hinterfragen können. Wer Anschauung sucht, ist in Dessau richtig. Da hat die "New York Times" schon recht.

www.bauhaus-dessau.de

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