Ein Souvenir aus dem Paradies

Seit die Kunstsammlungen Zwickau offiziell als Max-Pechstein-Museum firmieren, überlässt die Erbengemeinschaft des in Zwickau geborenen Expressionisten dem Kunsttempel immer wieder exquisite Stücke aus dessen Nachlass. Doch die neueste Erwerbung zeigt auch: Die Museumsleute müssen sich solche Privilegien erarbeiten.

Zwickau.

Für Alexander Pechstein ist die rund neunstündige Bahnreise von seinem Heimatort bei Kiel über Hamburg, Berlin und Dresden nach Zwickau inzwischen fast schon Routine. Dreimal im Jahr, mindestens, macht er sich auf den Weg. Und obwohl der 79-jährige Enkel des Malers Max Pechstein (1881 - 1955) am Mittwoch mit der im physikalischen Sinn bisher größten Schenkung für die dortigen Städtischen Kunstsammlungen/Max-Pechstein-Museum in die Geburtsstadt seines berühmten Großvaters anreiste, kamen er und seine Cousine Julia, Tochter von Pechsteins Sohn aus zweiter Ehe, Max, doch mit leichtem Gepäck: Das von Pechstein 1949 geschaffene, 232 mal 189 Zentimeter messende Temperagemälde "Drei Palauerinnen nach dem Bad", das sie am Abend vor dem gestrigen Max-Pechstein-Symposium in den Kunstsammlungen offiziell der Stadt übereignet haben, befindet sich bereits seit 2016 in Zwickau.

Das großformatige Bild auf Papier war als Leihgabe der Max-Pechstein-Urheberrechtsgemeinschaft bereits im Sommer jenes Jahres in der überregional viel beachteten Sonderausstellung "Der Traum vom Paradies" über Max und Lotte Pechsteins Reise in die Südsee zu sehen gewesen. Einer Schau, die ihre Relevanz damals unter anderem daraus bezog, dass sie auch erstmals Einblick ins bis dahin unveröffentlichte Reisetagebuch Lotte Pechsteins zu den vier Monaten des Jahres 1914 auf dem Südsee-Archipel Palau bot. Auch das Tagebuch hatte die Urheberrechtsgemeinschaft dem Zwickauer Kunsttempel geschenkt. Ebenso wie zuvor bereits zahlreiche andere Werke, Dokumente und Sachzeugen, wie Pechsteins Reisestaffelei und seinen Schreibtisch.

Das große Tempera-Werk, mit dem Pechstein 1949 ein verschollenes Originalgemälde nachschuf und hernach sein eigenes Atelier in Berlin schmückte, stellte für die Zwickauer allerdings eine besondere Herausforderung dar. Es war die meiste Zeit nach Pechsteins Tod in gerolltem Zustand gelagert und so auch nach Zwickau gebracht worden. Mithin war ob der aufgrund klimatisch ungünstiger Lagerung entstandenen Spannungsverhältnisse zwischen Papier, weißem Malgrund und Temperafarben zunächst eine Notsicherung gefordert. Einfach um zu verhindern, dass sich das Bild in dauerhaft entrolltem Zustand über kurz oder lang selbst zerstört.

Da war es für die Kunstsammlungen eine günstige Fügung, dass die im selben Gebäude untergebrachte Ratsschulbibliothek mit Bashar Abd El Kadr über einen versierten Papierrestaurator verfügt. Der stabilisierte das ausgerollte Bild unter anderem durch eine angemessene klimatische Behandlung - etwa indem er das Papier einer präzise dosierten Luftfeuchtigkeit aussetzte, sodass es in der Sonderausstellung gezeigt werden konnte.

Restauriert war das Souvenir aus dem Paradies damit indes noch nicht. Bevor es nunmehr zum Dauerexponat für das Max-Pechstein-Museum wurde, hat sich in den vergangenen Monaten die freiberufliche Restauratorin Astrid Melath eingehend mit den 4,4 Quadratmetern Kunst beschäftigt. Randstellen des schon von Pechstein eng beschnittenen Bildes, an denen die Farbe abzublättern drohte, sicherte die Zwickauerin unter anderem mit Hausenblase. Das ist ein in ihrem Handwerk gängiges natürliches Klebemittel aus der Schwimmblase des Beluga-Störs, das bei hoher Haftkraft sehr substanzschonend wirkt und etwa auch zur Restaurierung historischer Musikinstrumente benutzt wird. Mit rund 60 Euro à 100 Gramm hat es aber auch seinen Preis. Fehlstellen grundierte sie mit Kreidekitt, bevor sie sie farblich dem intakten Umfeld anglich. "Ich habe allerdings nur die akut gefährdeten Stellen bearbeitet", so Melath.

Kuratorin Annika Weise zufolge war es auch nie Absicht der Kunstsammlungen, den Urzustand des Bildes wieder herzustellen. Vielmehr ist dieser 35 Jahre nach Pechsteins Südseereise entstandene bildnerische Nachklang ein gutes Beispiel dafür, dass Pechstein, wie viele andere Künstler auch, mit ihren eigenen Werken durchaus nicht immer zimperlich umgegangen sind.

Angesichts des Aufwands, mit dem sich die Zwickauer das Privileg erarbeiten, Miterben der Hinterlassenschaft ihres bedeutendsten malenden Sohnes zu sein, ist sich Alexander Pechstein sicher: "Mein Großvater wäre begeistert, wenn er noch erleben könnte, wie Fachleute heute mit seinen Werken umgehen." - Ebenso wie der Sohn von Frank Pechstein, dem Sohn Max Pechsteins aus erster Ehe mit Lotte, beeindruckt ist, was in Sachen Pechstein in Zwickau über die Pflege des künstlerischen Erbes hinaus geschieht. Gestern hat er sich im Zwickauer Malsaal des Theaters Plauen-Zwickau die nach der Uraufführung erste Vorstellung des auf den Maler bezogenen Tanztheater-Werks "Arbeiten! Rausch! Gehirn zerschmettern!" von Ballettchefin Annett Göhre angesehen. Wo Pechstein Tanz und Bewegung in Bildern einfing, dreht die Choreografin den Spieß um und macht aus Leinwand und Öl wieder Tanz und Bewegung.

Nicht zufällig wirken sie und das Ballettensemble des fusionierten Theaters mit dieser Inszenierung interdisziplinär: Im April 2019 will das Max-Pechstein-Museum eben dem Aspekt des Tänzerischen im Wirken des Expressionisten aus Zwickau eine neue Sonderausstellung widmen. Pechstein, junior, der gestern drei Videokameras im Malsaal laufen lassen wollte, will dazu einen Zusammenschnitt des Tanzabends beisteuern. Was auch heißt: Die nächste Reise nach Zwickau steht schon fest.

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