Ein teuflisches Vergnügen

Zu Recht wird beklagt, dass von Franz von Suppé zu wenig aufgeführt wird. Das Theater Chemnitz wagt im Gedenken an Suppés Geburtstag vor 200 Jahren die Ausgrabung eines fast vergessenen Stücks, der Operette "Der Teufel auf Erden". Am Samstag war Premiere.

Chemnitz.

1878 brachte Franz von Suppé seine Operette "Der Teufel auf Erden" in Wien auf die Bühne. Einer Verbreitung des nun seit langem vergessenen Meisterwerks stand die drastische Forderung nach einer demokratischeren Regierungsform, die die Teufel in dem Stück in der Hölle erheben, im Wege. Denn davon, so Suppé-Biograf Hans Dieter Roser, war das österreichische Kaiserhaus nur zögerlich zu überzeugen. "Außerdem trieb eine Teufelin als Äbtissin auf der Erde ihr Unwesen. Das hatte wieder die Kirche nicht so gern", so Roser. Das Stück war zu kritisch für seine Zeit.

Zu unkritisch für heute findet es der vom Chemnitzer Theater mit einer Neufassung des Textes beauftragte Schauspieler, Sänger und Autor Alexander Kuchinka. Er hat eine textliche Neufassung gewagt, einen "Spagat zwischen Modernisierung und Werktreue", um dem Stück frisches Leben einzuhauchen. KapellmeisterJakob Brenner hat eine revidierte musikalische Fassung erstellt, dabei die Grundstruktur von Suppés Originalpartitur erhalten. Dass es dem jungen, nicht eben mit feurigem Temperament gesegneten, aberakkuraten Kapellmeister an Erfahrung mangelt, bei der Premiere an der Chemnitzer Oper am Samstag eine so raffinierte Musikangemessen zu realisieren, ist verständlich. Aber es ist schade, denn mit Akkuratesse allein kommt man Operette nicht bei. Und so zündete das Suppésche Feuerwerk aus Walzern und Marschcouplets, hinreißenden Chornummern und Ohrwürmern nicht wirklich. Die Musik kommt etwas hölzern, steif und blutleer über die Rampe. Dennoch muss man dem Theater Chemnitz dankbar sein, das Werk als Koproduktion mit der Volksoper Wien, wohin die Produktion in der nächsten Spielzeit geht, ausgegraben zu haben.

In der Chemnitzer Fassung ist textlich und dramaturgisch das Original kräftig bearbeitet worden, Figuren wurden umbenannt, der dritte von vier Akten spielt im 21. Jahrhundert, in einer Chemnitzer Tanzschule, das Nachspiel (der Opernball) gar in der Chemnitzer Oper, deren Generalintendant persönlich (Christoph Dittrich) als "Intendant" mit Selbstironie auftritt. Regisseur und Ausstatter Hinrich Horstkotte hat eine prachtvolle, liebevoll ironische Reverenz ans Kulissentheater des 19. Jahrhunderts auf die Bühne gezaubert, gemalte Hängekulissen, die mit Anleihen bei Hieronymus Bosch Hölle, Nonnenkloster, Kadettenanstalt und Tanzschule sowie Opernhaus zeigen, eingerahmt in ein aufgerissenes Höllenmaul. Auch kostümlich ist das ein fantasievolles Panoptikum, das Figuren aus Antike und Neuzeit erkennen lässt. Der dreieinhalbstündige Abend amüsiert und unterhält, augenzwinkernd auf schmalem Grat zwischen Komödienstadel und Ausstattungsrevue. Es darf gelacht werden, zumal die zeitnah aktualisierten, frechen, gelegentlich schnoddrigen Dialoge und Gesangstexte der gesellschaftskritischen Marschroute des Stücks entsprechen. Politiker, Religion und Kirche, Reliquienhandel und Militär werden durch den Kakao gezogen, aber auch Donald Trump, der in der Hölle um Einlass begehrt, Priester, die des Missbrauchs von Minderjährigen angeklagt sind und selbst der Brexit kommen zur Sprache. Der Schlussakt ist eine Abrechnung mit unserer Wohlstands- und Spaßgesellschaft, vor allem mit dem Narzissmus der Generation Facebook.

Die Aufführung ist ein teuflisches Vergnügen, bei dem Alexander Kuchinka als Höllenknecht Ruprecht in Teufels-Krampus-Habit (der in die Menschen fährt, um unsichtbar zu werden) und Matthias Winter als per se unsichtbarer Engel Rupert (ohne Auftrag, und nicht an Gott glaubend) den Vogel abschießen und aufs Komischste durch die Zeit- und Ortsreise führen, einer dem anderen helfend, über Gott und Teufel lästernd. Köstlich deren Dialoge und Spiel. Auch Gerhard Ernst als Oberst Donnersbach ist eine begnadete Knallcharge von Gottes beziehungsweise Teufels Gnaden. Er bekennt: "Man hat's im Leben leichter als Unsympath" und outet sich als Satan. "Menschen sind die wahren Teufel" und "wer gut ist, wer bös ist, ist nicht mehr feststellbar".

Insgesamt eine glänzende Ensembleleistung, darunter auch rührend unbeholfen und kindlich komisch die Balletteinlagen der Schüler der Opernballettschule, routinierter die Tänzer der Chemnitzer Tanzschule Köhler-Schimmel, deren Chefs als Tanzschulleiter und Ballorganisator auftreten.

Das Premierenpublikum war außer Rand und Band vor Begeisterung. Diese Chemnitzer Operettenausgrabung darf wohl als die herausragende Suppé-Huldigung im Suppé-Jahr 2019 bezeichnet werden.

Das Stück

In der Operette "Der Teufel auf Erden" kommt es in der Hölle zur Revolution: Die Unterteufel fordern ein Parlament, Pressefreiheit, die Aufhebung der Leibeigenschaft und weitere liberale Errungenschaften, die es oben auf der Erde schon geben soll. Zudem ist es zu voll in der Hölle. Also lässt sich Satan auf der Erde nieder. Höllenknecht Ruprecht macht sich auf den Weg zur Erde, nach dem Chef zu suchen. Auf seiner Reise streift er durch Kontinente und Jahrhunderte. Im 21. Jahrhundert stellt Ruprecht fest, dass das Leben auf der Erde viel teuflischer ist, als er je geahnt hätte.

Nächste Aufführungen: 4., 17. und 24. Mai, 19 Uhr, im Opernhaus Chemnitz. Tickets unter: 0371 4000430.

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